Edgar Zilsel: Die sozialen Ursprünge der neuzeitlichen Wissenschaften. Herausgegeben von W. Krohn

Edgar Zilsel zählt zu den weniger bekannten Mitgliedern des Wiener Kreises (sogar diese Mitgliedschaft wird manchmal (zu Unrecht) in Frage gestellt). Diese mangelnde Bekanntheit ist auf mehrere Gründe zurückzuführen: Zilsel war nie an einer Universität tätig (sein Habilitationsversuch scheiterte zum einen am Klima der Wiener Universität, die keinen weiteren Empiristen wollte und metaphysisch-theologisch orientierte Kandidaten vorzog – aber auch an der von ihm vorgelegten Schrift „Die Entstehung des Geniebegriffs“, die keinerlei klare Einordnung in philosophischer oder historisch-soziologischer Hinsicht zuließ), er beschäftigte sich weniger mit Erkenntnistheorie (wie die anderen Mitglieder des Kreises) sondern vielmehr mit „Wissenschaftssoziologie“ (ein Begriff, den es damals noch nicht gab) und er galt (was vor allem für seine Zeit in den USA sich erschwerend auswirkte) als „Marxist“, obschon er weder ein klassischer hegelianischer noch ein orthodoxer Marxist leninscher Prägung war, sondern dem moderaten Flügel des Austromarxismus (wie von Otto Bauer vertreten) zuzuzählen war. Damit verbunden war auch die Publikation vieler Beiträge in der sozialistischen Zeitschrift „Der Kampf“, die als dezidiert politisches Organ von Philosophen oder Soziologen kaum wahrgenommen wurde.

Im vorliegenden Buch sind die im amerikanischen Exil geschriebenen, häufig aber auf bereits zuvor entstandenen Entwürfen zurückgehenden Beiträge versammelt, die sich sämtlich mit der Entstehung der Wissenschaft in der Neuzeit auseinandersetzen. (Wolfgang Krohn gebührt im übrigen das Verdienst, als erster wieder auf die vergessenen Schriften Zilsels aufmerksam gemacht zu haben.) Drei Kennzeichen sind nach Zilsel für eine solche Wissenschaftsentwicklung ausschlaggebend: Der Begriff des Naturgesetzes, das Aufkommen des Experimentes und der Fortschrittsgedanke. Alle diese Begriffe bedingen einen neuartigen Zugang zur Wissenschaft, sie waren – so selbstverständlich ihre Bedeutung heutzutage sein mag – Ausdruck einer sich grundlegend verändernden Haltung gegenüber der Natur.

Das Naturgesetz als ein regelgeleiteter Ablauf bestimmter Prozesse bedient sich der Gesetzesmetapher in einem theologischen Zusammenhang, wobei Gott zuerst als absoluter Gesetzgeber fungierte, alsbald aber in der Philosophie auch der Gedanke auftauchte, dass diesen Gesetzen sich möglicherweise (ein dann als immanent gedachter) Gott sich auch würde fügen müssen. Diese Gesetze sind anhand von Experimenten überprüfbar, ein noch für die Humanisten ketzerischer Gedanken, insoweit sie sich als Aristoteliker betrachteten: Wird damit doch die causa finalis ad acta gelegt und einem neuen Kausalitätsbegriff das Wort geredet. Wobei sich nach Zilsel die Künstler und Handwerker als die ersten Experimentatoren präsentieren, die auf rein pragmatische Art und Weise Interesse an einem erfolgsorientierten Handeln hatten. (Diese Form des Experimentierens beinhaltet keineswegs auch eine naturwissenschaftliche Erklärung: Es ist den Betreffenden nur um die Erkenntnis von Regelmäßigkeiten zu tun und um die Möglichkeit, dieses Wissen einzusetzen, nicht darum, diese Regelmäßigkeiten zu verstehen.) Dass auch Handwerker in diesen Prozess integriert waren, lag an der sukzessiven Auflösung der mittelalterlichen Zünfte, die sich zu Beginn der Neuzeit einem kapitalistischen Markt gegenübersahen. Auf diesem Markt war derjenige bevorzugt, dessen Produktionsmethoden am effizientesten waren – und es war von nachrangiger Bedeutung, ob man sich an zünftischem Wissen orientierte (das auch eine Art von Geheimwissen war, wurde es doch nur innerhalb einer Zunft weitergegeben). Der Fortschrittsgedanke hinwiederum beinhaltet ebenfalls eine Abkehr vom Überlieferten; Neuerer werden in fast allen Gesellschaften anfangs scheel betrachtet, man unterstellt ihnen häufig subversive Absichten und mangelnden Respekt gegenüber der Tradition. Erst ab Ende des 15. Jahrhunderts konnte der Gedanke Fuß fassen, dass das rezente Wissen dem überlieferten möglicherweise überlegen sei und dass deshalb neue, revolutionäre Erkenntnisse durchaus wünschenswert wären. Ein Gedanke, der selbstredend auf Widerstand seitens der Mächtigen, der Kirche und den Theologen stieß.

Diesen historischen Befund untermauert Zilsel mit zahlreichen Quellen und stellt die Entwicklung anhand einzelner Naturforscher anschaulich dar (ein Beitrag beschäftigt sich etwa mit Kopernikus, in dem diesem seine noch stark rückwärtsgewandte Denkart nachgewiesen wird, ein anderer wieder analysiert William Gilberts „De magnete“, der gegen Ende des 16. Jahrhunderts erstmals explizit dem Experiment das Wort geredet hat). Dazu kommt – im Laufe des 17. Jahrhunderts – das erstmalige institutionelle Zusammenarbeiten von Wissenschaftlern, wobei zuerst auch noch das mittelalterliche Vorurteil gegenüber der Handarbeit abgelegt werden musste: Sogar Künstler wie Leonardo da Vinci wurden als biedere Handwerker betrachtet, deren manuelle Tätigkeiten man zwar gerne in Anspruch nahm, die aber nichtsdestoweniger ein niedrigeren Status als reine Intellektuelle hatten. So kann dieser Künstler-Handwerker sehr viel eher als Vorläufer der Wissenschaft betrachtet werden denn der scholastische Gelehrte, wenn auch (wie bei Bacon) beides sich zusammenfinden mussten: Erst der gebildete Handwerker-Künstler konnte seine Experimente durch Logik (bzw. mathematische Methoden) zu Naturgesetzen ausformulieren.

Dass all diese Aufsätze gut und mit Gewinn zu lesen sind verdankt sich der Zurückhaltung Zilsels, der seine ursprünglichen Intentionen nur selten durchscheinen lässt: Träumt er doch davon, historische Gesetze aufzufinden, die nicht nur fruchtbare Analogien zwischen den einzelnen Hochkulturen zulassen, sondern auch einen prognostischen Wert haben. Ein solcher Versuch ist selbstredend zum Scheitern verurteilt, wenn er mehr will als etwa mit Mills „Vergleichender Methode“ erreichbar ist: Und selbst dort sind die Ergebnisse bescheiden. Werden einzelne historische Ereignisse verglichen, ist man mit multikausalen Faktoren konfrontiert (deren Gewichtung vom jeweiligen Forscher abhängt), wird hingegen ein Kausalzusammenhang genau spezifiziert, ist er zumeist seiner Einzigartigkeit wegen nicht auf andere Fälle übertragbar.

Die Sekundärliteratur zu Zilsel (die allerdings nicht wirklich umfangreich ist) verschweigt diese Problematik bei Zilsel weitgehend, einzig Heinz Maus in seinem Vorwort zur „Entstehung des Geniebegriffes“ findet klare Worte: „Unbrauchbar ist dagegen Zilsels Versuch, Gesetze über den Geniebegriff zu formulieren“ und er zitiert G. Lukacs: „[Es sind] … bloße Verallgemeinerungen empirischer Tatsachenbeobachtungen, also, ihrer logischen Struktur nach, gar keine Gesetze.“ Wenn Lukacs allerdings fortfährt: „Denn sie zeigen bloß gewisse Strukturzusammenhänge zwischen Tatsachenkomplexen auf, ohne die bewegenden Kräfte aufzuweisen, die diese Veränderungen mit Notwendigkeit hervorbringen“, so ist Christian Fleck in seinem Aufsatz „Marxistische Kausalanalyse und funktionale Wissenschaftssoziologie“ zuzustimmen, wenn er dort ein ähnliches Zitat Lukacs‘ insofern kritisiert, dass gar nicht ersichtlich sei, was denn durch eine solche Analyse (der Funktion der bewegenden Kräfte) für eine Erklärung gewonnen wäre. Wobei hier schlicht nur die marxistische Geschichtsauffassung von Lukacs sichtbar wird.

Da aber die geschichtsphilosophischen Aspekte bei Zilsel (zumindest in diesen Aufsätzen) weitgehend im Hintergrund bleiben, kann dieses Buch uneingeschränkt empfohlen werden. Allerdings sind seine Arbeiten zum Geniebegriff (die zum Teil als eine Entgegnung auf „halbgebildete Autoren“ wie Houston St. Chamberlain geschrieben wurden, der die Gestalt des Geistesheroen in den Mittelpunkt gestellt hat) stärker von diesem seinem Wunsch, historische Gesetze zu entdecken, infiziert. Der Wunsch nach durchschlagendem Erfolg der empirisch-wissenschaftlichen Methode hat Zilsel in eine Sackgasse geführt. Ob dadurch seine Anerkennung als ein Begründer der historischen Betrachtung der Wissenschaftsgeschichte (noch vor Robert K. Merton oder Thomas Kuhn) verhindert wurde, ist aber nicht wahrscheinlich: Hier dürften die oben angeführten Gründe ausschlaggebend gewesen sein, möglicherweise auch seine „antiquierte“ Arbeitsweise: Im Gegensatz zu Merton verzichtet er in seinen Bücher gänzlich auf Statistiken, was für einen soziologisch ausgerichteten Forscher eher ungewöhnlich ist. Die geschichtstheoretische Verirrung scheint hingegen signifikant für diese dem Historischen verpflichtete Denkrichtung zu sein: So ging ja auch Thomas Kuhn mit seinem Paradigmenkonzept ähnlich in die Irre.

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