Der im Irr⸗Garten der Liebe herum taumelnde CAVALIER. Oder Reise⸗ und Liebes⸗Geſchichte Eines vornehmen Deutſchen von Adel, Herrn von St.*** Welcher nach vielen, ſowohl auf Reiſen, als auch bey andern Gelegenheiten verübten Liebes⸗Exceſſen, endlich erfahren müſſen, wie der Himmel die Sünden der Jugend im Alter zu beſtraffen pflegt. Ehedem zuſammen getragen durch den Herrn E. v. H. Nunmehro aber allen Wollüſtigen zum Beyspiel und wohlmeindender Warnung in gehörige Ordnung gebracht, und zum Drucke befördert Von einem Ungenandten.

Johann Gottfried Schnabel – denn um ihn handelt es sich beim Ungenandten – kennt man heute fast nur noch als Autor von Wunderliche Fata einiger See-Fahrer, absonderlich Alberti Julii, eines gebohrnen Sachsens, Welcher in seinem 18den Jahre zu Schiffe gegangen, durch Schiff-Bruch selb 4te an eine grausame Klippe geworffen worden, nach deren Übersteigung das schönste Land entdeckt, sich daselbst mit seiner Gefährtin verheyrathet, aus solcher Ehe eine Familie mit mehr als 300 Seelen erzeuget, das Land vortrefflich angebauet, durch besondere Zufälle erstaunens-würdige Schätze gesammlet, seine in Teutschland ausgekundschafften Freunde glücklich gemacht, am Ende des 1728sten Jahres, als in seinem Hunderten Jahre, annoch frisch und gesund gelebt, und vermuthlich noch zu dato lebt, entworffen Von dessen Bruders-Sohnes-Sohnes-Sohne, Mons. Eberhard Julio, Curieusen Lesern aber zum vermuthlichen Gemüths-Vergnügen ausgefertiget, auch par Commission dem Drucke übergeben Von Gisandern von 1731, 1732, 1736 und 1743, bzw. der gestrafften (also sprachlich wie inhaltlich überarbeiteten und gekürzten) Version, die Ludwig Tieck 1828 davon erstellt hat: Die Insel Felsenburg. Denn Schnabel – das wird auch der Leser des CAVALIERs rasch merken – ist weder Sprachkünstler, noch kann er ein Werk komponieren. Bei den Fata war es ganz einfach so, dass Schnabel dem sehr erfolgreichen ersten Band noch ein paar weitere folgen liess – in der naiv auch selber zugegebenen Absicht vom Erfolg des ersten finanziell profitieren zu können. Arno Schmidt hat in einem seiner Radio-Essays aus den 1950er Jahren die Fata bzw. die Insel Felsenburg dem breiteren Publikum wieder in Erinnerung gerufen; auch mir selber ist der Name nur dank Schmidt im Gedächtnis haften geblieben.

Der CAVALIER ist das zweite bekanntere Werk Schnabels – oder war es das jedenfalls. (Noch Immermann konnte in seiner literarischen Fehde mit Platen diesen in einem Pasquill heruntermachen, das er Der im Irrgarten der Metrik umher irrende Kavalier betitelte.) Schnabels CAVALIER erschien 1738 und ist im Grunde genommen nichts anderes als eine Sammlung erotischer Novellen, wie sie im Gefolge des Decamerone zu Abertausenden erschienen sein müssen. Nur sind bei Schnabel – mindestens zu Beginn – diese Novellen noch am Faden eines fiktiven Lebenslaufs aufgereiht; gegen Ende lässt er aber diesen Faden fallen, und die Erzählungen von Sex, Mord und Totschlag folgen einander als Lagerfeuer-Erzählungen der Soldaten und Offiziere im Feld. Vom frühaufklärerisch-sozialutopischen Impetus, den Arno Schmidt den Fata zugeschrieben hat, ist nichts zu finden. Es ist Schnabel allerhöchstens zu Gute zu halten, dass die im Titel versprochene Strafe der Sünden durch den Himmel ebenfalls fehlt. Das ist aber wohl mehr kompositorische Nachlässigkeit oder Unvermögen, ist es doch auch so, dass die Reise- und Liebesgeschichte des Titels keineswegs einen Herrn von St.*** betrifft, sondern den als Zusammenträger eingeführten E. v. H.

Der CAVALIER wurde 2014 nach dem Text der Erstausgabe neu herausgegeben von Markus Czerwionka und Robert Wohlleben und ist als Sonderband in der Reihe Schnabeliania (Beiträge und Dokumente zu Johann Gottfried Schnabels Leben und Werk und zur Literatur und Geschichte des frühen 18. Jahrhunderts) im Röhrig Universitätsverlag, St. Ingberg, erschienen. Die Herausgeber haben selbstverständlich den Text nach üblichem Standard modernisiert: Fraktur wurde zu Antiqua, Antiqua zu Grotesk, die fraktur-typischen Zeichen ‘⸗’ für den Binde- und Trennstrich bzw. ‘ſ’ für anlautendes oder Binnen-‘s’ wurden den Gepflogenheiten heutiger Setzer und Leser angepasst. Ich hab’ sie stehen lassen – ein bisschen amüsieren wollte ich mich doch beim Verfassen dieses Aperçu. Denn ansonsten bringt der CAVALIER allenfalls dem Literatur- und Sozialhistoriker Einsichten.

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