Die Horen. Jahrgang 1797. Achtes Stück

Stücke wie dieses machen, dass der Leser sehnsüchtig nach dem Platz schielt, den das Buchzeichen mittlerweile im letzten Band des Reprints einnimmt – um seufzend festzustellen, dass da immer noch ein paar hundert Seiten auf ihn warten. Aber was sein muss, muss sein – legen wir los:

Als erstes Die Geisterinsel. Ein Singspiel in drei Akten von Gotter. Shakespeares Drama Der Sturm als Opernlibretto. Am interessantesten die ausführlichen Vorschriften zu Beginn, wie die Kulissen gestellt zu haben seien und wie die Sänger/innen angezogen sein sollten. Die Gewandung v.a. Prosperos erinnert in vielem an die rituellen Gewandungen der Freimaurer – Gotters Versuch, an den Erfolg der Zauberflöte anzuknüpfen, ist unübersehbar. Ansonsten einmal mehr einer jener Horen-Beiträge, die mit Fortsetzung drohen, ist doch im Achten Stück nur der erste Akt enthalten. Weshalb die Weimarer Klassik eine Verknüpfung mit der Wiener Klassik ausgerechnet über Gotter sucht, bleibt schleierhaft.

Der Marschall von Vielleville beginnt

Vielleville lebte jetzt drei Monathe ruhig auf seinem Gute Durestal […]

und wenn’s nach mir ginge, würde ich ihm die drei Monate Ruhe auch gönnen. Ein Blick auf das Inhaltsverzeichnis meiner Horen-Ausgabe belehrt mich allerdings, dass er schon nächsten Monat wieder voll in Aktion sein wird.

An Eulalia. Bei Uebersendung von Göthe’s Elegien hält sich im Versmass genau an ebendiese. Eine Frühform von Dr. Sommers Ratgeberkolumne – hier zum Thema: Wie mache ich meine Freundin mit Lyrik scharf. Der Autor, Karl Gustav Brinckmann, ist zumindest im deutschen Sprachraum (der gebürtige Ostfriese hat später auch auf Schwedisch veröffentlicht) nicht mehr bekannt.

Abdallah und Balsora. Ein Gedicht in sechs Gesängen. Die Autorin, Anna Amalie von Imhoff, war eine Zeitlang Mitglied des Weimarer Musenhofs. Wie bereits des öfteren in den Horen geht es in diesem Gedicht um einen  Despoten und seinen weisen  Ratgeber im fernen Orient. Sechs Gesänge dazu sind aber mindestens deren fünf zu viel.

Am interessantesten in dieser Nummer sind die (nur im Digital-Reprint der Uni Bielefeld angefügten) Werbeseiten am Ende: Der Damenkalender auf 1798, herausgegeben von Huber, Lafontaine, Pfeffel, Sulzer mit niedlichen Kupfern von Karcher, Penzel etc., den ich allein schon wegen der niedlichen Kupfer (u.a. deren 4 zur Mode) gekauft hätte, hätte ich 1797 gelebt. Es folgt Werbung für Schillers Musenalmanach, in den offenbar Schiller und Goethe mehr ihrer eigenen Werke in Form von Gedichten gepumpt haben als je in die nun serbelnden Horen. Werbung für Die neueste Weltkunde zeigt, dass das grosse Interesse an der Entdeckung und Klassifizierung der Erde und des Universums (vulgo Geografie) gerade erst auszubrechen begann.

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