Frank Herbert: Dune

Ob die geneigte Leserin, der geneigte Leser, dieses Aperçus es glauben oder nicht: Ich habe Dune tatsächlich zum ersten Mal gelesen. Den Film und auch die Mini-TV-Serie kannte ich schon seit längerem, um den Roman habe ich mich bisher immer gedrückt. Dabei gab es ihn sogar schon auf Deutsch, als ich seinerzeit mein ganz privates goldenes Zeitalter der Science-Fiction-Lektüre durchmachte. Heute weiss ich auch, warum ich mich immer instinktiv gegen Dune gesträubt habe.

Dabei hat Frank Herberts Roman durchaus das Zeug zu einem Klassiker. Nicht nur das ziemlich offene Ende, das sich nur scheinbar der Tradition der Trivialliteratur beugt und ein Happy Ending anbietet, spricht dafür. Die einigermassen komplexe Gestaltung der Figuren, die auch innere Widersprüche aufweisen, kann ebenso als Zeichen herangezogen werden. Last but not least bietet der Roman auch jeder Zeit ihre eigene Interpretation an: Lange Zeit galt Dune als der ökologische Roman schlechthin, der auf die Gefahren einer übermässigen Ausbeutung natürlicher Ressourcen hinwies. Ob man nun die Ausbeutung des ‘Gewürzes’ (spice) mit der von Erdöl verglich (wo man zusätzlich darauf hinweisen konnte, dass unsere Abhängigkeit von Erdöl mit der Abhängigkeit der Weltraumpiloten vom Gewürz in Dune parallel gesetzt werden kann), oder im Roman und in der Realität die generelle Abhängigkeit der Menschheit vom Wasser sah – Dune traf einen Lebensnerv der 1970er und folgenden Jahre. Im Moment stellt man die ersten Ahnungen des Protagonisten Paul in Bezug auf einen Dschihad in den Vordergrund, einen Kreuzzug, den seine Leute nach seinem Tod in seinem Namen unternehmen werden, und der Millionen von Menschenleben kosten würde.

Dune ist ein Roman, der einige Grundgegebenheiten der mittleren und späten 1960er Jahre eingefangen hat. Allem voran sind hier die einsetzenden Experimente mit bewusstseinserweiternden Drogen zu nennen. Das Universum, das in Dune geschildert wird, wird von Drogenabhängigen gelenkt, und der Kampf um Alleinherrschaft über den Abbau der Droge, des ‘Gewürzes’ (spice) oder der ‘Mischung’ (melange), wie man sie verniedlichend nennt, ist das Motiv aller Handlungen. Die extensiv geschilderten Erfahrungen beim Einnehmen dieser Droge erinnern daran, dass nur drei Jahre nach der Publikation von Dune jener Freak von Anthropologe, Carlos Castañeda, Ähnliches als unter einem indigenen Lehrer namens Don Juan Selbsterlebtes schildern sollte. Frank Herberts Bene Gesserit kennen Rituale und Übungen, wie sie im Gefolge von Castañeda und unter dem Einfluss fernöstlicher Religionen und Rituale auch im sog. New Age Mode geworden sind.

Die Bene Gesserit, eine Art religiöser Orden, sind auch in der Lage, genetische Erinnerungen mütterlicherseits weit in die Vergangenheit zurück zu verfolgen. Hier finden wir ein weiteres esoterisches Konzept wieder, diesmal aus den Schriften von C. G. Jung: das sog. kollektive Unbewusste wurde von Frank Herbert ganz bewusst eingearbeitet.

Im Grunde genommen aber ist Dune ein simpler Entwicklungsroman. Sein Protagonist, Paul Atreides, ist zu Beginn des Romans 15 Jahre alt, bei dessen Ende, wenn ich richtig gerechnet habe, noch keine 20. In diesen knapp 5 Jahren hat er gelernt, Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen von grosser Tragweite zu fällen. Zu Beginn des Romans erleben wir einen ziemlich verwöhnten Sohn eines Herrscherhauses (in der von Herbert geschilderten Zukunft ist die Menschheit zurückgefallen in ein feudales Herrschaftssystem, mit grossen Adelshäusern unter einem Kaiser). Sein Verhältnis zu seinem Vater ist angespannt – als Oberhaupt eines Planeten hat Leo Atreides kaum Zeit für seinen Sohn. Umso inniger ist Pauls Verhältnis zu seiner Mutter. Als die Truppen des Hauptfeindes und Oberbösewichts Baron Harkonnen auf Arrakis einfallen und Leo dabei ums Leben kommt, gelingt Paul zusammen mit ihr die Flucht. Zu zweit schlagen sie sich durch, bis sie dann später von den Fremen gefunden und ‘adoptiert’ werden. Etwa 8 Monate nach diesen Ereignissen bringt Lady Jessica, Pauls Mutter, eine Tochter zur Welt – angeblich noch das Kind von Leo, in einer letzten Nacht gezeugt. König Ödipus lässt grüssen.

Nicht alle Entscheidungen Pauls sind weise, das weiss er selber. So entscheidet er sich dafür, den Kampf um die Herrschaft auf dem Wüstenplaneten auf sich zu nehmen, und die Tochter des Kaisers zu ehelichen, damit er selber an die Herrschaft kommen kann – obwohl ihm sein erweitertes Bewusstsein klar vor Augen führt, dass daraus längerfristig ein Dschihad entstehen wird. Dies hebt Dune über reine Trivialliteratur hinaus, zusammen mit der Tatsache, dass es Frank Herbert gelingt, eine komplexe Welt in ihrer Komplexität darzustellen, was er, nebenbei gesagt, mit J. R. R. Tolkien gemeinsam hat. (Was dazu führte, dass – bei beiden – sehr viel beschreibende und erklärende Passagen vorkommen. Das hätte Dune beinahe darum gebracht, je erscheinen zu können, da Verleger, selbst wenn sie im Manuskript bis auf S. 100 vorgedrungen waren, immer noch zu wenig ‘Action’ für einen Science-Fiction-Roman vorfanden.) Ebenfalls Tolkien wie Herbert gemeinsam ist übrigens der höchst dämonisch gezeichnete Oberbösewicht.

Durch den ganzen Roman hindurch herrscht eine äusserst düstere Atmosphäre. Wir finden vielleicht zwei, drei ironische Blitzlichter – Humor finden wir nie. Alle Figuren sind getränkt vom Wissen, wie hart und sinnlos letztlich das Leben ist. Eine ähnliche Atmosphäre finden wir sonst in alten germanischen Sagen, bis hin vielleicht zum Nibelungenlied.

Alles in allem ein Potpourri aus verschiedensten Zutaten, woraus jeder schöpfen kann, was er mag. Das macht bis heute Dunes Erfolg aus. Es gibt unterdessen -zig Pre- und Sequels, teils noch von Frank Herbert selber verfasst, teils von seinem Sohn in Zusammenarbeit mit anderen. Ich werde die wohl nicht mehr lesen.

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Ein Kommentar zu Frank Herbert: Dune

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