«Züri littéraire» vom 5. Oktober 2015. Gäste: Lukas Bärfuss & Melinda Nadj Abonji

Gastgeber: Mona Vetsch und Röbi Koller.

«Züri littéraire» nennt sich eine monatlich stattfindende Veranstaltung im ‚Kaufleuten‘, die den Untertitel Der monatliche Live-Literaturclub trägt. Die Ähnlichkeit dieser Bezeichnung mit dem ‚offiziellen‘ Literaturclub des Schweizer Fernsehens ist sicher vom Marketing der Kaufleuten-Veranstaltung gewollt, genau wie die Tatsache, dass der Kaufleuten-Literaturclub von zwei Personen geleitet wird, die der Mann und die Frau von der Strasse aus Radio und Fernsehen kennen. Tatsächlich ist Röbi Koller die Allzweckwaffe des Schweizer Fernsehens, wenn es um gehobenere Unterhaltung geht. Und Mona Vetsch wird überall dort eingesetzt, wo es – eine Revolverschnautze braucht. Mit dem Literaturclub des Schweizer Fernsehens haben beide nichts zu tun, auch mit Literatur oder Literaturkritik – wenigstens beruflich – ansonsten nicht.

Zum Züri-Littéraire-Saison-Auftakt unterhalten sich die beiden Literaten [Bärfuss und Abonji] mit Mona Vetsch und Röbi Koller über den Lebensstil der heutigen Zeit, den Wandel gesellschaftlicher Werte, über Heimat und Identität.

So in der Ankündigung des Anlasses im Internet. Um es vorweg zu nehmen: Das Thema wurde gründlich verfehlt. Dabei wäre v.a. Abonji, als Kind ungarischer Immigranten in der Schweiz aufgewachsen (Tauben fliegen auf), aber auch in ihrer urspünglichen Heimat eine Fremde, weil sie aus der ungarischen Minderheit in Serbien stammt – Abonji also wäre geradezu prädestiniert gewesen, zum Thema etwas beitragen zu können. Aber auch Bärfuss, der am eigenen Bruder erlebt hat, was es heisst, im eigenen Land so fremd zu werden, dass selbst Australien heimischer wirkt (Koala), hätte sicher einiges dazu sagen können. Abonji wie Bärfuss wurden für ihre Werke mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet; auch dazu hätte man sie befragen können.

Tatsächlich aber dreht sich die Diskussion lange, aber oberflächlich, um das Problem von Übersetzungen. Die beiden Moderatoren wollen im Grunde genommen immer nur wissen, wie sich das anfühlt, übersetzt zu sein, und wie ein übersetztes eigenes Werk die Befindlichkeit des Autors / der Autorin verändert. Überhaupt stand nicht das Werk, sondern die Befindlichkeit des Autors im Mittelpunkt. „Wie fühlt es sich an, wenn…“ – so begann (gefühlt) jede zweite Frage. Klatschheftchen-Fragen auf nur leicht höherem Niveau. Langsam wurde mir klar, weshalb das Publikum eine andere Zusammensetzung hatte, als bei meinem Besuch der Harbach-Veranstaltung vor etwas mehr als 3 Jahren. Die Fraktion „Jute statt Plastik“ war kleiner, das Publikum insgesamt etwas jünger. Viele müssen mit Mona Vetsch aufgewachsen sein, als diese noch die freche Punk-Rotznase im Jugendprogramm des Schweizer Fernsehens gab. Und dieses Publikum wollte vor allem eines: sich amüsieren, lachen. Dankbar nahm es jede Möglichkeit und auch jede Unmöglichkeit wahr, wo ein Lacher platziert werden konnte. Dass zur Literatur insgesamt, geschweige denn zu den Büchern der beiden Gäste, wenig Gescheites gesagt wurde, fiel offenbar nicht auf.

Ein alles in allem für mich also recht unbefriedigend verlaufender Abend. Interessant höchstens noch die zum Schluss abgegebenen Lesetipps der vier auf der Bühne. Koller empfiehlt einen schon im Titel seicht tönenden Roman einer Irin (weil mich die Iren noch nie enttäuscht haben). Vetsch einen deutschen Roman, den sie nun schon nach London, Paris und New York geschleppt habe. Einerseits ist zwar tatsächlich bei ihr – zum ersten Mal in dieser Veranstaltung – so etwas wie Enthusiasmus oder Begeisterung spürbar; andererseits aber muss ich gestehen, liebe Frau Vetsch, dass ich dieses Name-of-Places-Dropping (hört nur, wo ich in den letzten Tagen überall gewesen bin!) überflüssig und vulgär finde. Bärfuss empfiehlt Ein Sommer in Baden-Baden von Leonid Zypkin, ein Buch über Dostojewskijs Erlebnisse als Spieler in Baden-Baden, von dem ich tatsächlich auch schon gehört hatte, das sich aber – trotz Bärfuss‘ Empfehlung – immer noch unter der Schwelle befindet, die mich zum Kaufen und Lesen animieren würde. Abonji schliesslich empfiehlt das Buch, das sie gerade liest (wegen der hohen Musikalität seiner Sprache und seiner Landschaftsbeschreibungen): Pessoas Buch der Unruhe. Nicht nur diese Empfehlung und ihre Begründung, sondern ihr ganzes Wesen und ihre intelligenten Aussagen haben mich im Übrigen ein wenig mit Melinda Nadj Abonji versöhnt, deren Roman Tauben fliegen auf für mich nur eine weitere post-pubertäre Auseinandersetzung einer jungen Frau mit ihrem Elternhaus (ihrem Vater vor allem) war, wie sie so viel und gern von jungen Autorinnen abgeliefert wurden (Leutenegger, Jenny). Diese Frau ist reifer geworden, und ich erwarte ihren nächsten Roman wohlwollend.

Last but not least möchte ich den beiden Moderatoren noch eine Unsitte verweisen, die sie offenbar aus ihrer journalistischen Tätigkeit übernommen haben, die nämlich, dem Gast ständig ins Wort zu fallen und Sätze für ihn zu vollenden, wenn er auf der Suche nach einem bestimmten Ausdruck ist. Wie oft wurde Abonji wie Bärfuss ein fix-fertiger Standard-Ausdruck in den Mund gelegt, den sie – bedeutend höflicher als ihre Gastgeber – seufzend-resigniert akzeptierten? … Zu oft, leider.

Nachtrag: Das Bierchen im Kaufleuten kostet immer noch 7.50 Franken. Allerdings haben sie nun auch „Werke“ lokaler Brauereien im Angebot, was mich mit dem Preis versöhnt. Gegessen habe ich an dem Abend allerdings wo anders, was vielleicht gut war. Das Personal der Kaufleuten-Bar ist offenbar wenig gewillt, fremden alten Männern etwas zu servieren. Nur so kann ich mir erklären, dass ich geschlagene 20 Minuten an einem Tischchen draussen sass, während zwei(!) junge Kellnerinnen ringsherum von Tisch zu Tisch sausten. Aber da sassen halt auch immer welche, die sie schon kannten…

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