Evelyn Waugh: Wiedersehen mit Brideshead

Mein erstes Buch von Waugh und ein durchaus erfreuliches Leseerlebnis. Zynisch, mit chirurgischer Präzision aber auch in schönen Bildern beschreibt der Autor die Upper-Class im England der Zwischenkriegszeit. Es ist die Geschichte der Marchmains, einer katholischen, adeligen Familie, die ganz offensichtlich in Zerfall begriffen ist. Die Eltern getrennt, ihre Lordschaft mit einer Mätresse in Italien (zum Sterben wird er jedoch wieder heimkehren), der älteste Sohn ein seltsam bigotter Eigenbrötler, dessen einzige Leidenschaft das Sammeln von Streichholzschachteln darstellt (und der Tod eines Sammlerkollegen beschert ihm immerhin noch eine Witwe), Julia, schön, verrucht, verdorben, die mit dem Erzähler des Buches eine Beziehung eingeht, Sebastian, der sich schon in früher Jahren zum Trinker entwickelt und krank und vereinsamt in einem marrokanischen Kloster endet und die jüngste Tochter Cordelia, die sich als Krankenpflegerin aus Überzeugung in die Welt begibt. Über all dem herrscht eine sonderbare, katholische Atmosphäre, immer wieder spielt die Religion im Leben der Familie eine entscheidende Rolle und gegen Schluss des Buches wird selbst aus dem agnostizistschen Erzähler jemand, der eine Kerze in der verlassenen Kapelle anzündet.

Diese religiöse Grundierung (wobei: Waugh wird selbst als gläubiger Katholik beschrieben, dem an einer offiziellen Auflösung seiner ersten Ehe viel gelegen war und der also diesem Glauben offenbar angehangen hat, diesem Mann gelingt es hier keineswegs, die katholischen Mitglieder der Marchmainfamilie in ihrem religiösen Tun nicht lächerlich erscheinen zu lassen; im gesamten Buch hat der agnostische Ich-Erzähler die besseren Argumente für sich und man kann sich nach der Lektüre nur schwer vorstellen, dass dem Autor tatsächlich am katholischen Glauben gelegen haben könnte), diese Grundierung vermag diesen stilistisch großartigen Schwanengesang auf die englische Aristokratie nicht zu stören. Zwischen Melancholie und abgründigem Sarkasmus wird eine Gesellschaft beschrieben, die dekadent und ignorant nur für ihr eigenes, kleines Dasein lebt, ob dies nun eine politische Karriere, persönliche Leidenschaften oder eben die Religiosität betrifft. Folgerichtig endet der Roman mitten im Zweiten Weltkrieg, als der Erzähler an den Ort seiner Erlebnisse, dem Sitz der Marchmains zurückkehrt: Eine solche Gesellschaft kann nur in Krieg und Zerstörung versinken.

Waughs Fähigkeit, Stimmungen zu evozieren, Menschen in ihren befremdlich anmutenden Verhaltensweisen darzustellen – und diese Darstellung psychologisch stimmig erscheinen zu lassen, machen diesen Roman zu einem wunderbar zu lesenden Stück Literatur. Lehnstuhllektüre vom Feinsten.

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