Richard Kieckhefer: Magie im Mittelalter

Ein äußerst informatives, angenehm geschriebenes Buch, kompetent, übersichtlich und intelligent gestaltet. Im Gegensatz zu dem eher zweifelhaften Elaborat von Daston/Park beschränkt sich Kieckhefer wohltuend auf das eigentlich Thema, versucht sich nicht in gewagten philosophisch-historischen Interpretationen, sondern beschreibt das Phänomen der Magie ausgehend von einer wohlbegründeten Definition unter verschiedenen Gesichtspunkten.*

Kieckhefer gibt einen Überblick über die klassische Literatur (von den ersten Papyri über Plinius und Vergil bis Porphyrius), geht auf die Vermischung autochtoner Mythen mit dem Christentum ein (die sich bis auf den heutigen Tag in vielen Traditionen auf dem Land nachverfolgen lassen) und beschreibt die enge Verbindung von Magie mit Heilkunst und Wahrsagerei. Gerade im Bereich der Medizin war die Vermischung von natürlicher und dämonistischer Magie fast selbstverständlich: Es wurden Kräuter verabreicht, allerdings unter Anrufung fremder Mächte bzw. in Begleitung seltsamer Riten, die sich astrologischer Berechnungen bedienten oder andere magische Praktiken einbezogen – etwa das Zeichnen von magischen Kreisen, das Aussprechen von magischen Formeln und die zusätzliche Verwendung von Amuletten oder Talismane. Und der Autor trennt zwischen höfischer Magie und dem Volksbrauchtum, wobei auch hier nicht wirklich streng unterschieden werden kann. Teilweise ist es eine bloß „materielle“ Frage: So kommen teure Edelsteine eher bei Hofe zum Einsatz, während man im Volke mit profanem Fledermausblut operiert.

Durch den zunehmenden arabischen Einfluss kam auch die Alchemie in Europa zu Ehren – und sie ist ein weiteres Beispiel für die Schwierigkeit einer Trennung von wissenschaftlicher und dämonistischer Magie. Dieser Einfluss erstreckte sich vor allem auf den klerikalen Bereich, sodass im Spätmittelalter eine Tendenz nigromantischer Techniken unter „Gebildeten“ zu beobachten ist. Entscheidend für die Verfolgung ist aber auch hier (wie bei der Häresie, die in weiterer Folge mit der Magie verknüpft wird) der Übergang von Akkusationsverfahren zum Inquisitionsverfahren. Jenes barg für den Ankläger einige Risiken, musste doch der Klagende (im Falle, dass sich die Unschuld des Beklagten erwies) die Strafe auf sich nehmen, während durch die Einführung der Inquisition diese Hemmnisse wegfielen, die Denunziation gezielt gefördert wurde.

Insgesamt ein unglaublich faktenreiches, klug geschriebenes Buch (das sich auch als Nachschlagewerk verwenden lässt), wobei sich der Autor dankenswerterweise der pseudoklugen Fragen enthält, inwieweit man die beschriebenen Praktiken für „wirklich“ angesehen hat bzw. die gesamte Realität eine spezifisch andere gewesen sei. Denn diese Fragen, die man trivialerweise mit einem sowohl als auch beantworten kann (und muss) sind zumeist nur Feigenblatt für platte relativistische Spekulationen über den ontologischen Status der Wahrheit an sich – und äußerst unfruchtbar.


*) Er unterscheidet zwischen natürlicher und dämonistischer Magie, wobei jene als ein Teil der Wissenschaften zu verstehen (nämlich einer Wissenschaft, die sich mit okkulten Kräften beschäftigt), während diese von der Religion nicht wirklich zu trennen war: Allerdings konnten Dämonen (gefallene Engel) gezwungen werden, während sich der christliche Gott (nebst Derivaten) freiwillig den Menschen zuneigte – etwa auf ein Gebet hin. In realiter war diese Grenzziehung natürlich durchlässig – von beiden Seiten.
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