Cicero: Über die Natur der Götter [De natura deorum]

Treffen sich ein Stoiker, ein Epikureer und ein Skeptiker … – Was klingt wie der Beginn eines philosophischen Witzes, ist die Ausgangssituation des Gesprächs Über die Natur der Götter von Cicero: An einem Feiertag treffen sich Vellejus, welchen die Epikureer damals als den Ersten unter unseren Landsleuten anerkannten, und Balbus, welcher in der stoischen Philosophie so weit gekommen war, dass er den ausgezeichnetsten Griechen dieser Schule gleichgestellt wurde, im Landhaus von Cotta mit ebendiesem (einem Anhänger der akademischen Schule). Man kommt unter gesetzten Herren ins Gespräch und dabei zufällig auf die Natur der Götter. In diesem Moment – so die Fiktion – kommt der junge Cicero hinzu. Er wird nun also in der Lage sein, die Unterredung sozusagen zu protokollieren. Einmischen wird er sich wenig. Die Situation erinnert an die Ausgangslage von Humes Dialoge über natürliche Religion. Ciceros Dialog hat denn auch dem des Engländers Pate gestanden.

Allerdings ist damit die Ähnlichkeit auch schon wieder an einem Ende angelangt. Hume versucht, drei Anhänger verschiedener theologischer Systeme in einem Gespräch darzustellen, in welchen die drei als gleichberechtigte Gesprächspartner gelten dürfen, auch wenn der eine, Philo, der wohl die Meinung Humes vertritt, übermässig viel Zeit in Anspruch nehmen darf. Dennoch ist bei Hume eine dialogische Grundstruktur ziemlich gut eingehalten. Anders bei Cicero. Hier bestehen die Dialoge im Grunde genommen nur darin, dass zuerst der Vertreter der einen, dann der der andern Schule seine Theorien zur Natur der Götter vorbringt, die gleich im Anschluss vom Skeptiker zunichte gemacht werden.

Zu Ciceros Zeit waren in Rom vier philosophische Schulen aktiv. Die peripatetische, auf Aristoteles zurückgehende, ist im vorliegenden Dialog nicht vertreten. Dafür ist im Grunde genommen die akademische gleich doppelt aufgestellt: Auch Cicero wurde von seinen Zeitgenossen der Akademie zugerechnet, rechnete sich selber dazu. Die Akademie hatte sich im Rom des letzten Jahrhunderts v.u.Z. allerdings ziemlich weit von den Gedanken ihres Gründers Platon entfernt. Sie huldigte einer skeptischen, alles in Zweifel ziehenden Grundhaltung. Dies erklärt auch, weshalb Cottas Rolle die des Fragenden und die Argumente des Gegenüber Zerstörenden ist, er selber aber kein System präsentiert – es ist einfacher, ein gegebenes System in Frage zu stellen, als selber eines aufzubauen (was Cotta auch offen zugibt).

Bei der Präsentation der stoischen und der epikuräischen Schule zeigt sich Ciceros grosse philosophische Schwäche: Cicero ist kein Philosoph, nur philosophischer Dilettant. (Er ist im Grunde genommen auch kein Akademiker im Sinne der damaligen philosophischen Schule. Vor allem in der Ethik neigt er sehr stark der Stoa zu. Ein Eklektiker reinsten Wassers also.) Als Dilettant ist Cicero auf die Darstellungen anderer angewiesen, um die Stellung der einzelnen Schulen schildern zu können. Das ist für den Philosophiehistoriker sogar interessant, referiert doch Cicero aus Schriften damaliger Schulhäupter – Schriften, die heute verloren sind, und als deren einzige Spuren wir eben Ciceros Auszüge haben. Allerdings kann Cicero ja nun nicht ganze Schriften zitieren. Und hier zeigt sich wieder die Schwäche des Dilettanten: Wo er kürzt oder schludrig kopiert, schreibt er oft logisch-philosophischen Unsinn hin, der kaum so im Original gestanden haben wird. Dafür fügt Cicero seitenweise Zitate ein von griechischen Versen, die er selber ins Lateinische übersetzt hat, und worauf er offenbar sehr stolz war. Man kann das allenfalls als Annäherung an eine natürliche Gesprächssituation entschuldigen, wo üblicherweise mehr abgeschweift wird als in einem durchkonzipierten philosophischen Dialog.

Im Übrigen muss man sich vor Augen halten, dass zu Ciceros Zeit die Natur der Götter keine rein theologisch-metaphysische Angelegenheit war. Man kann Ciceros Dialog sehr gut dem Thema der Naturphilosophie unterstellen – das heisst, dass wir darin sehr viel von den Spekulationen der Alten über die Entstehung und das Wesen der Natur finden. Die Entstehung der Welt und deren Grundstruktur gehören für Ciceros Zeit ebenfalls zu der Natur der Götter. So wird der Epikureer mindestens eben so viel an seiner Atom-Theorie gemessen, wie an seinen Göttern, die auf einer Art Insel der Glückseligen leben, ohne Kontakt mit der menschlichen Welt. Die Kritik des Skeptikers am epikureischen Modell zeigt allerdings eine weitere Schwäche des Dilettanten und Eklektikers Cicero: Er ist nicht in der Lage, eigenes Weltmodell und das des Gegenübers zu trennen. Der Skeptiker greift den Epikureer an aufgrund seines eigenen Weltbilds, das er dem epikureischen überstülpt – was natürlich zu logisch und philosophisch grotesken Resultaten führt. Das war von Cicero keineswegs so beabsichtigt, um (z.B.) den Skeptiker bloss zu stellen: Die begrifflichen Fehlgriffe seiner Figuren sind seine eigenen.

Da die philosophischen Schulen zur Zeit Ciceros (1. Jh. v.u.Z.) im Grunde genommen recht uninteressant sind, weil nichts Neues mehr hervorbringend, und Cicero auch kein wirklich guter Philosoph ist, wäre dieser Dialog wohl völlig in Vergessenheit geraten, wenn er nun nicht mit dem von David Hume verknüpft wäre. Wenn ich das richtig sehe, gibt es im Moment keine im Buchhandel erhältliche Übersetzung ins Deutsche. Meine ist Band 23 der Philosophischen Bibliothek und muss in dieser noch erschienen sein, bevor der Meiner-Verlag sie übernahm, also vor 1911: Der Einband ist bereits „Meiner“, aber auf dem Titelblatt ist der Name eines Vorverlags überklebt. Herausgeber und Übersetzer des Dialogs ist der Gründer der Philosophischen Bibliothek, Julius Hermann von Kirchmann. (Er verfällt übrigens in denselben, der damaligen Zeit zuzuschreibenden Fehler, wie ein Zeller oder noch ein Gomperz, wenn er das naturwissenschaftliche Wissen der alten Griechen mit dem seiner eigenen Epoche vergleicht. Die Atome der Physik in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts müssen bereits andere gewesen sein als die der alten Griechen, auch wenn Bohrs Atommodell erst aus dem Jahre 1913 stammt. Zeller ist übrigens Kirchmanns Leitstern, wenn es darum geht, die antiken philosophischen Schulen genauer zu definieren. Der Herausgeber Ciceros verweist des öfteren auf Zellers Philosophiegeschichte – zitierend oder gleich in Bausch und Bogen.)

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