Richard Reschika: Philosophische Abenteurer

Philosophische Abenteurer – das sind für Richard Reschika die teilweise Vergessenen, wohl auch in seinem Sinne Verkannten, jene, die von der Geschichte mit Nichtachtung bedacht wurden oder eben weitab vom philosophischen Mainstream ihr Geschäft betreiben. Es sind großteils Kulturkritiker (wenn sich auch Leute wie Pico della Mirandola oder Julien Offray de la Mettrie darunter befinden), Pessimisten und Technik- bzw. Zivilisationskritiker, die der Autor in Essays Revue passieren lässt. Aber gerade diese Unzahl der hauptberuflichen, philosophischen Schwarzmaler, die vor allem in der Wissenschaft den Untergang des Menschen sehen, machen in diesen ihren Untergangsattitüden keineswegs einen hellsichtigen (wie Reschika es gerne hätte), sondern einen sehr banalen Eindruck: Entweder man sehnt sich nach einem verlorenen Paradies oder aber nach einem zukünftigen, wobei dieses auch in einem nirwanaähnlichen Zustand bestehen kann. Es gibt eine morbide Lust am Untergang und an der Verzweiflung, die auf mich stets wie ein ins Unendliche vergrößerter, jugendlicher Weltschmerz wirkt: Wobei ich diesen Schmerz damit nicht geringschätzen will. Aber wer aus diesem Zustand ein System der Philosophie zu machen sich anschickt, begibt sich doch in Gefahr, ein bisschen lächerlich zu wirken.

Cioran ist etwa so ein Denker, den ernst zu nehmen mir sehr schwer fällt (und das liegt nicht nur daran – aber auch – dass ihm ein christliches Erweckungserlebnis zuteil wurde, etwas, das er mit dem hier ebenfalls vorgestellten Paul Virilio gemeinsam hat). Wobei man aus Ciorans aphoristischen Werken ohnehin (wie bei fast allen Aphoristikern, die ich häufig in Verdacht habe, einfach nur der Bequemlichkeit halber die sentenzenhafte Schreibweise zu pflegen) alles und jedes heraus – und hineinlesen kann. Dieses lustvolle Wühlen im schwarzen Schlamme der Verzweiflung kann zwar auch für den Leser (je nach Stimmung) durchaus angenehm sei, als Lebensprinzip will es mir aber ein wenig dürftig erscheinen.

Virilio ist hingegen ein klassischer Postmoderner, er gilt als der Erfinder der „Dromologie“, einer Lehre von der Geschwindigkeit, die, weil nun mal alles Leben in irgendeiner Form Bewegung ist, bequem auch auf alles angewandt werden kann. In drei Phasen findet diese Geschwindigkeitsentwicklung statt: Zum ersten wird der Raum (etwa durch die Eisenbahn) überwunden, dann die Zeit (durch die Lichtgeschwindigkeit der Informationsübermittlung) und schließlich – und wenig folgerichtig – erfolgt die partielle Ersetzung des Menschen (etwa über die Transplantationstechnologie). Inwieweit diese dritte Stufe „logisch“ auf die beiden ersten folgt, hat sich mir nicht erschlossen (zugegeben: Ein großes Interesse habe ich dieser Denkfigur nicht gewidmet). Das ganze Geschwindigkeitskonzept Virilios ist ein typisches Beliebigkeitsszenario: Man nimmt einen Begriff, stülpt ihn über die Welt und meint, dann diese damit erklären zu können (das ist ein nicht nur, aber eben auch in der Postmoderne gerne angewandter Trick: Baudrillard macht etwas Ähnliches mit dem Begriff der Simulation, was im übrigen auch von Reschika kritisch betrachtet wird). Das alles wird mit Öko-Stammtischparolen garniert (zumeist kritisiert man eine technophile Grundhaltung, die sich nur im eigenen Kopf und nirgendwo in der Realität findet) und mit pseudowissenschaftlichem Vokabular versetzt.

Sokal/Bricmont haben in „Eleganter Unsinn“ dem guten Virilio ein kleines Kapitel gewidmet – und auch wenn Reschika diese Kritik als „kleinlich“ ansieht: Sie ist es nicht. Denn hinter dem permanenten „Namedropping“ von wissenschaftlichen Begriffen steckt System: Man möchte sich den Anschein einer Intellektualität verleihen, der durch die Gedanken nirgendwo gerechtfertigt wird. Viriilio hat offenkundig von Physik oder Mathematik wenig (oder keine) Ahnung (was auch nicht weiter schlimm wäre, wenn er sich nicht ungeniert der Begriffe aus diesen Bereichen bedienen würde), er versetzt seine Texte mit einem obskuren Mischmasch aus Relativitätstheorie, Quantenmechanik und Gödelschen Sätzen, die mit dem Vorgebrachten (soweit es überhaupt verständlich ist) nicht das geringste zu tun haben. Sokal/Bricmont bezeichnen diese Art des Schreibens als ein „vollkommenes Beispiel literarischer Diarrhoe“ und bringen ein schönes Beispiel (S. 198): „Wenn die Tiefe der Zeit Tiefen vernünftigen Raums ersetzt; wenn die Kommutation des Interface die Entgrenzung von Oberflächen verdrängt; wenn die Transparenz Erscheinung wiederherstellt, dann stellen wir uns die Frage, ob das, was wir beharrlich RAUM nennen, in Wirklichkeit nicht LICHT ist, ein unterbewußtes, para-optisches Licht, von dem Sonnenlicht nur eine Phase oder Reflektion ist. Dieses Licht tritt in einem Zeitraum auf, der eher in der augenblicklichen Zeitbelichtung als im historischen und chronologischen Vergehen der Zeit gemessen wird. Die Zeit dieses Augenblicks ohne Dauer ist „Belichtungszeit“, sei es Über- oder Unterbelichtung.“ Und diese ganz offensichtlich unterbelichtete Aneinanderreihung sinnfreier Begriffe erhält dann in weiterer Folge einen wissenschaftlich-physikalischen Unterton (in den diese Leute eigenartigerweise – weil eigentlich ist die Wissenschaft ja der Gottseibeiuns – recht verliebt sind, hier vergleichbar den Globoli- und Bachblütenfetischisten, die auch häufig die „wissenschaftlich bewiesene Wirksamkeit“ ihrer Mittelchen betonen): „Ihre photographischen und kinematographischen Technologien sagten bereits die Existenz und die Zeit eines aller physikalischen Dimensionen entkleideten KONTINUUMS voraus, in dem das QUANTUM energetischer Handlung und das PUNCTUM kinematischer Beobachtung plötzlich die letzten Überreste einer verschwundenen morphologischen Realität geworden sind. Übertragen auf das ewige Geschenk einer Relativität, deren topologische und teleologische Stärke und Tiefe zu diesem letzten Meßinstrument gehören, besitzt diese Lichtgeschwindigkeit eine Richtung, die zugleich ihre Größe und Dimension ist und die sich mit derselben Geschwindigkeit in alle Radialrichtungen fortpflanzt, die das Universum durchmessen.“ (Hervorhebungen durch den Autor) Nun könnte man dieses imbezile Geschreibsel völlig ignorieren, wenn es nicht immer wieder Menschen gäbe, die in Ehrfurcht vor solchen Wortkaskaden erstarren und dem Schreiber eine geistige Kompetenz zugestehen, die dieser ja gerade entbehrt. Sätze wie die oben zitierten gelten dann als intellektueller Beweis für die Ansicht, dass in der technisierten Welt alles „zu schnell“ gehe (was auch immer das bedeuten soll). Jedenfalls aber ist eine Kritik an solchem Geschwätz keineswegs kleinlich – vor allem deshalb nicht, weil diese Begriffsdiarrhoe nicht die Ausnahme, sondern die Regel ist.

Auch andere, von Reschika der Nichtbeachtung entrissenen Denker sind aus gutem Grunde vergessen: Etwa Lew Schestow, der – wenig revolutionär – wieder einmal im Glauben an Gott (der mit ein paar neuen Attributen ausstaffiert wird; sein Gott ist „uneingeschränkte Möglichkeit“: Wirklich heimelig wirkt das nicht, wenn man seine Fürbitten für die dahingegangene Tante an seine Majestät, die „uneingeschränkte Möglichkeit“ richtet) oder noch schlimmer, Ludwig Klages. Letzerer gilt als eine Art Begründer der Ökologiebewegung (was nun noch nichts Schlechtes bedeuten muss), er ist ein erklärter Vernunft- und Technikfeind, der da (auch nicht wirklich neu) konstatiert, dass der Mensch des Paradieses (wo und wann genau bleibt unbestimmt) verlustig gegangen sei. Die Ursache für diesen Verlust ist der „Geist“, der dem Leib und der mit diesem Leib verbundenen Seele gegenübergestellt wird. Der Geist, das Denken, die Ratio zeichnen verantwortlich für den Eintritt des Menschengeschlechtes in die geschichtliche Phase, eine Periode, die glücklicherweise (nach Klages) ihr baldiges Ende finden wird (Spengler lässt grüßen). Klages verfasst für diesen prospektiven Untergang eine alles umfassende Zivilisationskritik: Und das Problem solcher allumfassender Kritiken besteht darin, das sie auch immer wieder mal das Richtige treffen (was nun, weil ja alles des Teufels ist, nicht weiter schwer fällt: Man zielt nicht mit einem Pfeil auf eine Scheibe, sondern schüttet einen Kübel Farbe über das anvisierte Ziel und schreit dann laut „Volltreffer“). Wobei die offenkundige Sympathie, die Reschika für derlei platte Argumentationen zu besitzen scheint (wie üblich wird die „weise Voraussicht“ solcher Untergangspropheten gelobt, eine Voraussicht, die derjenigen professioneller Horoskopersteller ähnlich ist: Aus der Verwaschenheit der Aussagen lässt sich alles und jedes herleiten; so meint Klages, dass die Welt wohl nur noch 100 Jahre bestehen würde (eigentlich kann ich das also gar nicht mehr tippen), fügt aber schlau hinzu, dass es vielleicht denn doch 1000 Jahre seien oder aber ein noch „anderes, technisiertes Weltalter“ folgen würde), die Sympathie also, die der Autor diesen Weisheitslehrern entgegenbringt, wirkt einigermaßen peinlich und weist ihn nicht gerade als profunden Denker aus.**

Andere Porträts sind von größerem Interesse: So die als „wilde Söhne Schopenhauers“ bezeichneten Eduard von Hartmann, Philipp Mainländer und Julius Bahnsen, die auf ihre Weise Schopenhauers Weltabkehr folgerichtig zu Ende denken (oder – wie im Falle Mainländers – gar zu Ende leben: Er zog aus seiner Philosophie die Konsequenzen und starb durch Selbstmord). Auffällig ist an diesen Denkern trotz ihrer atheistischen Tendenzen die Verankerung in einem christlich-gnostischen Weltbild: Immer ist es die Welt, die als eine Art permanenter Sündenfall gilt (wie ja auch bei Schopenhauer), aus der Tatsache des Leidens in dieser Welt wird nicht geschlossen, diesen Zustand ändern, eine humanere, menschenwürdigere Welt schaffen zu wollen, sondern es wird bloß das Faktum eines unendlichen Elends konstatiert und die gesamte Welt der Erscheinungen in Bausch und Bogen verdammt.***

Einen anderen „Philosophen“ erblickt Reschika in Aldous Huxley, was angesichts der oben Ausgeführten nun nicht mehr weiter überrascht. Huxley hat die Kunst der Beliebigkeit noch ein bisschen weiter getrieben als etwa Cioran, er hat in seinem Leben wohl so ziemlich alle nur denkbaren Haltungen eingenommen (dass bei einer solchen Inflation immer mal auch etwas Vernünftiges dabei ist lässt sich beim besten Willen nicht vermeiden). Reschika verleiht dieser Chamälionitis durch ein Zitat von James Russell Lowell höhere Weihen: „Nur die Narren und die Toten ändern niemals ihre Meinung“. Diese Art und Weise, sich – je nach Bedarf – der oftmals bedenklichen Denkfrüchte anderer zu bedienen und ihnen damit eine Form höherer Weihe zu verleihen, ist typisch für all jene, die es mit dem konsequenten Denken nicht so genau nehmen, ja in der Rationalität (wie Klages oder Schestow – oder auch Odo Marquard) das Hindernis auf dem Weg zur Weisheit erblicken. So kann man auch der Beliebigkeit eines Huxley noch Klugheit konzedieren, man braucht sich vor allem nicht um die Stringenz der eigenen Position irgendwelche Gedanken machen: Verdammer der Logik findet man von Nietzsche bis Heidegger (oder eben wieder Klages: Wobei diese Verdammung wie selbstverständlich sich der Logik bedient – und diese nur dort außer Kraft gesetzt wird, wo der inkriminierte „Denker“ mit seinem eigenen Denkvermögen an eine Grenze stößt). So findet es Reschika denn auch nicht weiter schlimm, wenn Huxley gegen Ende seines Lebens die höchst kuriosen Positionen seiner indischen Sektengurus vertritt – und er verteidigt das damit, dass auch Albert Einstein im Alter einen „unverblümt katholischen Standpunkt“ eingenommen habe. Woher er diese seine Kenntnis bezieht teilt er uns nicht mit; leider sind solche nur aus Unwissen oder Wunschdenken entsprungenen Äußerungen in diesem Buch so selten nicht (siehe Schopenhauer als Mentor Poppers).

Insgesamt ein Buch, das man sich ersparen kann: Zum einen sind die meisten der vorgestellten „Philosophen“ zu Recht der Vergessenheit anheim gefallen, zum anderen fehlt es dem Autor schlicht an philosophischer Kompetenz, um das Elaborat noch einigermaßen lesbar zu machen. Aber das Buch erfüllt seinen Zweck doch teilweise: Man weiß nach seiner Lektüre recht genau, womit man seine Zeit nicht verschwenden sollte. (Den oben erwähnten Ausnahmen Pico della Mirandola und Julien Offray de la Mettrie sei noch Max Stirner hinzugesellt (im übrigen der wahrscheinlich beste Essay in diesem Buch): Die Beschäftigung mit den anderen Autoren kann hingegen jenen überlassen werden, die sich eine Aphorismensammlung zur Verteidigung ihrer beliebigen Standpunkte zulegen wollen.)


*) Sollte irgendjemand tatsächlich eine nachvollziebare, den Kritierien von Logik und Rationalität entsprechende Interpretation (oder auch nur Inhaltsangabe) der zitierten Sätze zu verfassen in der Lage sein, wäre ich ihm für eine entsprechende Aufklärung dankbar.

**) Überhaupt hat man beim Lesen den Eindruck, dass die Philosophenporträts weniger die Frucht eines Studiums der Originalwerke sind, sondern aus diverser Sekundärliteratur zusammengeschrieben wurden. Das erklärt dann auch, dass er Karl Popper neben Horkheimer, Marcuse und Gehlen zu einer Art Schüler von Schopenhauer erklärt. Das einzige, was Popper mit Schopenhauer gemein hatte, war die Abneigung gegen Hegel: Und für seine Hegelkritik hat er sich in Teilen der Argumente Schopenhauers bedient. Aber diesen als eine Art Vorbild oder Vorläufer Schopenhauers darzustellen zeugt schon von gediegener Inkompetenz.

***) Ähnlich wie bei Klages ergehen sich die Weltuntergangspropheten immer nur in Diagnosen; werden Gründe für all das Unglück angegeben, so sind sie zumeist metaphysischer Natur (bei Klages die geschichtliche Verselbständigung des Geistes). Und daher gibt es auch niemals probate Vorschläge zur Änderung des status quo (oder sie sind wiederum metaphysischer Natur wie bei Marcuse mit seiner Forderung nach einem neuen Menschen: Das aber ist keine Therapie, sondern die völlige Abschaffung der alten Welt (nebst ihren Bewohnern) und auf diese Weise eher dem Millenniarismus, der Utopie verwandt).

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