Heinz-Werner Kubitza: Der Jesuswahn. (Nebst Anmerkungen zum religiös motivierten Terrorismus)

Ich habe dieses Buch mit einiger Skepsis zur Hand genommen: Bei von Renegaten geschriebenen Büchern besteht immer die Gefahr einer Art von persönlicher Abrechnung, die dann dem Thema nicht gerecht wird und zu einer wenig unterhaltenden Polemik verkommt. Dem ist aber hier nicht so, wobei: Ganz ohne Polemik (zumindest Ironie) lassen sich religiöse Dinge nur schwer behandeln, nähme man sie ernst, es wäre für sie zu viel der Ehre.

Wie aus dem Titel ersichtlich (der offensichtlich an Dawkins „Gotteswahn“ angelehnt ist) geht es hier vor allem um das Neue Testament und dessen zentrale Figur. Wer in Deschners Büchern geschmökert hat, weiß um die prekäre Tradierung dieser Texte: Es wurde hinzugefügt, geändert, gestrichen und behübscht, wodurch man der Verfasstheit der frühchristlichen Gemeinden zu entsprechen suchte. Tatsache aber scheint zu sein, dass es kaum authentische Jesusworte gibt, dass hingegen der Zufall und die Machtpolitik bei der Kanonisierung der Texte eine sehr viel größere Rolle gespielt haben denn der oft zitiert Heilige Geist. Jesus verstand sich als jüdischer Rabbi, er war einer der vielen (sein Handwerk dürfte er bei Johannes dem Täufer gelernt haben), die ein nahes Weltende prophezeiten, das noch einige seiner Zuhörer erleben sollten. Hierin hat er sich offenkundig geirrt – und da seine Vergöttlichung ganz ohne sein Zutun erst lange nach seinem Tod einsetzte, kann man ihm das kaum vorwerfen: Es ist das hauptberufliche Schicksal der Propheten sich zu irren.

Kubitza ist Theologe und hat sich intensiv mit der Quellenforschung zum NT auseinandergesetzt: Und so gibt es hier einiges Interessante, auch Amüsante zu entdecken. Dass die Evangelien Phantasieprodukte sind, die sich ungeniert anderer Mythologien bedienten, ist ohnehin offenkundig, pikant ist bestenfalls der Umstand, dass auch Theologen nicht mehr an Auferstehung oder Jungfrauengeburt (nebst allen Wundern) zu glauben pflegen und deshalb den – ursprünglich wörtlich gemeinten Text – symbolisch zu überfrachten sich gezwungen sehen. Derlei Ergüsse sind Legion, bedeutend sind sie einzig für die Papierindustrie. In intellektueller Hinsicht lohnt sich eine Auseinandersetzung also kaum – und angesichts der fragwürdigen Moral von sowohl Altem als auch Neuem Testament ist es mehr als fraglich, ob sie einen konstruktiven Beitrag zu einer Normensetzung in einer aufgeklärten Welt beitragen können. Oder besser: Sie können es nicht, vielmehr muss man vom Gegenteil ausgehen.

Wie schon Franz Buggle nachgewiesen hat, propagiert der überwiegende Teil der Bibel eine archaische Stammesmoral, die weder irgendetwas von der Würde des Menschen weiß, von Freiheit oder Gleichberechtigung, sondern eben die soziale Wirklichkeit alter Beduinenstämme widerspiegelt. Die Aufforderungen zu Mord, Totschlag und Vergewaltigung sind Legion, auf Befehl des „lieben“ Gottes werden Ungläubige mit ihren Kindern, Frauen und sogar Haustieren hingemetzelt (und wer unzeitgemäße Gnade walten lässt, wird selbst mit Mord bedroht). Auch der liebe Jesus des Neuen Testamentes spricht von unendlicher Qual, Höllenstrafen oder davon, das Schwert zu bringen. Dass es gerade im Neuen Testament auch aufgeklärte, humane Stellen gibt, macht die Sache nicht besser: Denn der Gläubige kann dadurch beliebige Verhaltensweisen durch seinen Gott legitimieren – und es liegt am Einzelnen, welchen Passagen er vermehrt Glauben schenkt.

Und es ist dieser Glaube an sich, der Glaube an eine unbedingte Wahrheit, an dogmatisch verbürgte Weisheit, der für fast alle Gräuel dieser Welt verantwortlich zeichnet, ein Glaube, der Kritik – oder gar rationale Kritik (Luther sprach von der Hure Vernunft – und er hatte ganz sicher kein positives Bild von Prostituierten) für des Teufels hält. Deshalb ist es auch falsch, wenn man den Attentätern von Paris eine Missdeutung des Korans unterstellt: Es gibt rund 80 Stellen in diesem „heiligen“ Buch, in dem ganz unverhohlen der Mord (insbesondere an Ungläubigen) gutgeheißen wird (auch in der Bibel sind die Ungläubigen Menschen zweiter Klasse) und es ist pure Rabulistik zeigen zu wollen, auf welche Stellen dieser Bücher man sich nun berufen dürfe und auf welche nicht. Es ist der Glaube an das Dogma an sich, der (zwangsläufig) zu solchen Auswüchsen führt (vor 250 Jahren wollte man noch von offizieller kirchlich-christlicher Seite den Tod ihrer Kritiker, der einzig durch zunehmende Machtlosigkeit verhindert wurde), der Glaube, der es ermöglicht, anderen Menschen ihre Lebensberechtigung abzusprechen, der es erlaubt, ganzen Gruppen ihre Existenzberechtigung abzusprechen. Ungläubige sind Menschen zweiter Klasse und durch diese Dichotomie, dadurch, dass dem anderen das „Menschsein“ abgesprochen wird, ist auch ihre Ermordung legitim*.

Dieser Denkfiguren bedienen sich nicht nur Religionen sondern auch quasireligiöse Strömungen wie Nationalsozialismus oder Kommunismus. Der Klassenfeind als Hindernis für den millenniaristischen Endzustand in der klassenlosen Gesellschaft, Juden, mindere Rassen als vernichtenswertes Ungeziefer, bestenfalls Sklaven für ein ebenso tausendjährig gedachtes nationalsozialistisches Reich (die Anklänge an religiöse Endzeitvorstellungen sind nicht zufällig: Auf diesen Umstand wurde von zahlreichen Autoren – sogar von christlichen wie Hans Küng – aufmerksam gemacht). Immer ist hier das entscheidende Moment der dogmatisierte Glaube, an dem Kritik zu üben ein nur mit dem Tode zu bestrafbares Sakrileg darstellt.

Heute sind Religionen die einzigen Ideologien, die für ihre Mitglieder ein derartiges Denkverbot aussprechen, wobei sie von „aufgeklärten“ Staaten durchaus unterstützt werden (siehe etwa den Fall Gerd Lüdemann), wo das Höchstgericht „zwar zugestand, dass beim Lehrstuhl-Entzug „in die Wissenschaftsfreiheit eingegriffen“ wurde, dass diese aber bei „Hochschullehrern der Theologie ihre Grenzen am Selbstbestimmungsrecht der Religionsgemeinschaften“ findet“. An keiner anderen Fakultät würde derlei geduldet, ja auch nur in Erwägung gezogen: Auch wenn es in totalitären Staaten (man denke an die „deutsche Physik“ des Nationalsozialismus, die kommunistische Gleichschaltung an den Universitäten der DDR) gang und gäbe war (und ist). So sind die Religionsgemeinschaften letzte Bastionen dogmatisch verordneter Dummheit in einer ansonsten weitgehend freien Welt und durch ihren Einfluss (vor allem über die Erziehung) immer noch in der Lage, diese Bastion zu halten. Wenn sich aber dieser Dogmatismus in Massakern und Unmenschlichkeit ergeht, wird auf „verirrte Schäfchen“ hingewiesen, auf missverstandene Glaubenslehren, ohne zur Kenntnis zu nehmen, dass dies alles sich zwangsläufig aus der Struktur dieser Glaubensgemeinschaften ergibt. Religionen machen die Menschen keinesfalls besser oder moralischer, der religiöse Glaube (ein Begriff, der in unserer Gesellschaft immer noch positiv konnotiert ist) pervertiert in in unzähligen Fällen ein völlig natürliches Mitgefühl: Ich behaupte, dass keiner der Pariser Attentäter, keiner der Terroristen des 11. September jemals zum Mörder geworden wäre, wenn er nicht in der Religion eine Rechtfertigung für sein Tun gefunden hätte.


*) Diese Teilung der Menschen in verschiedene Kategorien (wertvoll – wertlos) erleichtert das Töten, unmenschliches Verhalten ungemein. Christopher Browning macht in seinem Buch „Ganz normale Männer. Das Reserve-Polizeibataillon 101 und die ‚Endlösung‘ in Polen“ auf diesen Umstand aufmerksam: Juden nicht als Menschen zu betrachten oder zumindest als eine defizitäre Art machte die „Arbeit“ der Täter erträglich. Ähnlich auch Ruth Klüger in „weiter leben“ über den Umstand, dass es in Konzentrationslagern kaum zu sexuellen Übergriffen kam: Mit „Untermenschen“ paart man sich nicht.
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