Die Horen. Jahrgang 1797. Eilftes Stück

Oktober 1796:

Die Horen kränkeln; aus heutiger Sicht wissen wir, dass es im Grunde genommen bereits ihre Krankheit zum Tode ist, der wir beiwohnen. Das fängt damit an, dass auch diese Nummer die Verspätung der letzten nicht einholt; auch die Oktober-Ausgabe 1796 wird erst gegen Ende des Folgemonats in Jena ausgeliefert. Das geht auch mit der Qualität der Beiträge weiter.

Jetzt, November 1797, ist der Todeskampf der Horen bald beendet. Die Krankheits-Symptome sind allerdings immer noch dieselben: Verspätetes Erscheinen (die November-Nummer von 1797 wurde erst Ende März 1798 in Tübingen (damals noch Sitz des Verlags), Mitte April 1798 in Jena ausgeliefert – was nicht erstaunt angesichts der Tatsache, dass Schiller die Manuskripte der Beiträge auch erst Januar / Februar 1798 an Cotta geliefert hat) und nicht gerade berauschende Qualität der Beiträge.

Es sind diesmal wieder nur deren drei. Der Marschall von Vielleville erlebt noch seinen Beschluß, bzw. seinen Tod:

Er bekam eines Tages Gift und dieses würkte so heftig, daß er in zwölf Stunden todt war.

Noch emotionsloser kann man den Tod seines Protagonisten wohl kaum schildern, dem man (mit seiner französischen Quelle) nun über mehrere Dutzend Seiten gefolgt ist. Wilhelm von Wolzogen vergibt bis zum Schluss die Chance, ein klein wenig Dramatik in sein merkwürdiges Elaborat zu bringen.

Keinen Beschluß, sondern eine Fortsetzung soll die Erzählung Julia von Rosalva erhalten – jedenfalls gemäss S. 44 dieser Nummer. Allerdings ist in der einen Nummer, die von den Horen noch erscheinen sollte, von Julia – Gott sei Dank! – nichts zu finden. So weit sie erschienen ist, handelt diese Erzählung von der Liebe der jungen, schönen Witwe Julia zu einem geheimnisvollen Ritter. Das Fragment ist weder sprachlich noch inhaltlich überzeugend. Es wird Caroline von Wolzogen zugeschrieben; diese Zuschreibung ist allerdings unsicher. Das Anonymat des Autors wird in den Horen selber nicht aufgelöst.

Den Abschluss machen Die Feste der Arramanden, eine klassische Utopie im östlichen Gewand. Irgendwo, abgeschottet hinter Wüste und Bergen, lebt das Volk der Arramanden. Ein junger orientalischer Prinz besucht es und berichtet anschliessend seinem Kanzler davon. Dieses Volk ist offenbar in vier Stände unterteilt: die Regierenden, die zur Regierungsfähigkeit Heranzubildenden, die Bauern und die Handwerker. (Das Volk der Arramanden nennt sie ein wenig anders.) Ein fünfter Stand wären die Ungenannten, wenn sie als Stand akzeptiert würden. Darin befinden sich alle, die zur Strafe für politische Vergehen durch einen geheimnisvollen Trunk zu Wesen reduziert wurden, die keine eigene Initiative mehr kennen – Roboter aus Fleisch und Blut. Einsiedel (er ist nämlich der Autor) scheint an dieser brutalen Strafe keinerlei Anstoss zu nehmen, sie sogar human zu finden. Ebensowenig scheint es ihn zu stören, dass das Bild der Frauen, das er tradiert, in einem Jahrzehnt, wo immer mehr Frauen in v.a. kreative Berufe strömten, nachgerade veraltet ist: Sie kommen bei ihm nämlich, mit zwei Ausnahmen gar nicht vor. In die Stände, also in die politische Struktur des Volks, werden nur Männer aufgenommen; die Frauen sind es nicht einmal wert, mit dem geheimnisvollen Gift bestraft zu werden. Die eine Ausnahme ist eine ehrgeizige Königin aus einem Nachbarreich, die einiges Unheil anstellt, bis man sie dann mit dem Gift ausser Gefecht setzt. Die andere Ausnahme sind die – auch nur nebenbei erwähnten – Sklavinnen des ersten Herrschers der Arramanden.

Es wundert einen doch etwas, dass Einsiedel noch 1798 eine derart rückwärts gerichtete und naive Form von Utopie überhaupt verfassen konnte – immerhin hatte die Französische Revolution genau so eine Ständegesellschaft vor 9 Jahren erst abgeschafft. Vielleicht sah er ja im Direktorium und im aufkommenden Napoléon Bonaparte die Möglichkeit, wieder zu den alten Verhältnissen zurück zu kehren. Die – offiziell unpolitischen – Horen jedenfalls machen sich hier zu Propagandisten einer Restauration. Wieland, der manchmal ähnliche Utopien verfasst hatte, tat dies doch immer mit einer gewissen Ironie – ‘tongue in cheek’, wie man im Englischen sagt – und dem Bewusstsein, dass jedwede politische Verfassung früher oder später korrumpiert wird und zu Grunde geht. Einsiedel nimmt seine Utopie offenbar ernst – sehr zu ihrem Schaden.

Fazit: Schiller musste 1798 noch die fehlenden Nummern des Jahres 1797 nachliefern; immerhin hatten seine wenigen Abonnenten ja für ein ganzes Jahr 1797 bezahlt. Ob allerdings die Qualität dessen, was sie noch erhielten, sie nicht hat wünschen lassen, doch lieber keine Horen mehr zu erhalten, als solche mit qualitativ wenig überzeugenden Elaboraten, bleibe dahin gestellt.

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