Shlomo Sand: Die Erfindung des jüdischen Volkes

Shlomo Sand ist Professor für Geschichte in Tel Aviv und greift mit diesem Buch den wohl gehüteten und gepflegten Mythos vom ewig wandernden jüdischen Volk auf, das sich da angeblich „rein“ über all die Jahrtausende erhalten habe und das vor allem aufgrund dieser seiner Geschichte und der Vertreibung aus dem gelobten Land den Anspruch auf „Erez Israel“ zu erheben sich berechtigt sieht.

Wobei Sand am Anfang des Buches die Begriffe Volk, Rasse, Nation und Ethnie auf den Prüfstand stellt und die Fragwürdigkeit dieser Begrifflichkeiten nachweist: Nicht die Nationen erzeugen den Nationalismus, der Nationalismus schafft die Nation. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass im 19. Jahrhundert, jenem Jahrhundert, das für die Entstehung der Nationalismen den Grundstein legt, in einer Art natürlicher Reaktion auch der Mythos eines jüdischen Volkes, gar einer Rasse sich verfestigte. Während man sich heute weitgehend darüber einig ist, dass selbst das Konzept der Großrassen fragwürdig ist, war man im 19. Jahrhundert von der Einzigartigkeit der Nationen (Völker, Rassen) überzeugt, wobei sich alle Bemühungen um Abgrenzung gegenüber den – meist als minderwertig empfundenen – anderen Nationen (Rassen, Völkern) als wenig erfolgreich herausstellten.

Insbesondere aber ist der Mythos einer jüdischen Rasse, eines Volkes, das sich mit den ihn umgebenden Völkerschaften nicht vermischt habe und daher seine Abstammung „rein“ auf die Urväter der Bibel zurückführen könne, eben genau das: Ein Mythos. Schon als das diesen Mythos konstituierende Buch, die Bibel, auf eine Entstehungszeit zwischen 600 und 200 v. u. Z. festgelegt werden konnte (und damit das erträumte biblische Alter nicht erreichte, womit auch die Historizität der dort dargestellten Ereignisse fragwürdig wurde, wie Sand etwa am „Riesenreich“ König Davids nachweist, das so nie existiert hat), begannen Zweifel an der Überlieferung laut zu werden. Aber nicht nur diese historischen Daten verloren an Gewicht, Sand zeigt in seinem Buch, dass das Judentum eine ebenso missionierende Religion war (was von orthodoxen Juden energisch bestritten wird, weil auch damit das Konzept des „auserwählten Volkes“ obsolet werden würde), dass nach der zweiten Zerstörung des Tempels 70. n. u. Z. keine Vertreibung stattgefunden hat (tatsächlich wäre dies auch höchst sonderbar: Denn man wüsste dann nicht, wer dann den 60 Jahre später stattfinden jüdischen Aufstand unter Bar Kochba getragen haben sollte) und sich eine jüdische Bevölkerung im heutigen Israel noch lange gehalten habe (somit sind die heute dort lebenden Palästinenser die wahrscheinlich reinrassigsten Juden, die auf dieser Erde zu finden sind).

In einer peniblen Darstellung zeigt der Autor die Entstehung und den Verfall verschiedener jüdischer Reiche (etwa Himjar auf der südarabischen Halbinsel oder das punisch-berberische Reich im nordwestlichen Bereich Afrikas, das ursprünglich Heimstätte der Sepharden gewesen sein dürfte, die damit also Punier, Araber und Berber waren), die sich (aufgrund der Toleranz der Mohammedaner gegenüber monotheistischen Glaubensrichtungen) bis in unsere Zeit erhielten. Eine der faszinierendsten Teile dieser Geschichte bildet das Reich der Chasaren: Dieses bis um etwa 1000 n. u. Z. bestehende Herrschaftsgebiet umfasste große Teile der heutigen Ukraine und wurde von einem Großkhan regiert, der sich zum jüdischen Glauben bekannte. Ein Reich, das von jüdischen Geschichtsschreibern mehr oder weniger totgeschwiegen wurde, da man für die zahlreichen Ostjuden eine Abstammung aus Mitteleuropa, vor allem Deutschland, in Anspruch nahm (eine Annahme, die stets bezweifelt wurde, da selbst in den Zeiten der Kreuzzüge kaum einige tausend Juden aus Deutschland in den Osten Europas ausgewandert sein dürften, eine Zahl, die also keinesfalls für die späteren Millionen Aschkenasen ursächlich sein kann). Aber die jüdische Geschichtsschreibung wollte weniger ein kaukasisches Steppenvolk, sondern zivilisierte Mitteleuropäer (die außerdem vertrieben worden seien) als Vorfahren der jüdischen Ostbevölkerung.* (Im übrigen wurde schon von Arthur Koestler auf diese Herkunft in seinem Buch „Der 13. Stamm“ aufmerksam gemacht: Jüdische Genetiker glaubten daraufhin nachweisen zu können, dass ein solcher genetischer Zusammenhang zwischen Kaukasier und Aschkenasen nicht bestehe. Dieses „Nicht Bestehen“ wurde mittlerweile widerlegt, alles deutet sehr wohl auf eine enge Verwandschaft zwischen den beiden Gruppen hin.)

So kann also für die Juden aller Welt keineswegs eine enge, gemeinsame Verwandtschaft nachgewiesen oder gar von einem von wenigen Urvätern herstammenden Volk gesprochen werden. (Das ist im übrigen so trivial wie selbstverständlich: Gerade für den Nahen Osten und Europa kann aufgrund der Wanderbewegungen und Kriege eine solche „Reinrassigkeit“ ausgeschlossen werden, was man, wenn man den Begriff nicht auf irgendeine Weise instrumentalisieren will, einfach nur ad notam nehmen kann.) Das Aschkenasen und Sepharden keine nahe, biologische Verwandtschaft aufweisen, überrascht nicht wirklich: Hingegen sind sie in ihrer Erscheinung den Völkerschaften, unter denen sie gelebt haben, äußerst ähnlich.

Aus all dem entsteht aber für das israelisch-jüdische Selbstverständnis bzw. für den Staat Israel ein Problem: Wenn es denn Kaukasier sind oder Berber bzw. Punier, die „Erez Israel“ als ihr gelobtes und versprochenes Land in Anspruch nehmen, so können sie dieses ihr – vermeintliches – Recht nicht dadurch begründen, dass sie von diesem Boden jemals vertrieben worden wären. (Die einzigen „echten“ Juden sind, wie erwähnt, wahrscheinlich die dort lebenden Palästinenser.) Allerdings besteht dieses Problem nur dann, wenn man dieses Recht auf den hypothetischen Ursprung des jüdischen Volkes bzw. auf einen mythischen Bund Abrahams mit Gott zurückführt (Koestler). Hingegen besteht das Existenzrecht des Staates Israels nicht auf derlei seltsamen Mythen, sondern fußt auf einer Entscheidung der Vereinten Nationen von 1947.

Da es aber diese säkulare und völkerrechtliche Entscheidung ist, die das Existenzrecht garantiert, müsste der Staat Israel auch endlich den dort lebenden Palästinensern die gleichen Recht zugestehen, er müsste die Möglichkeit einer zivilen Ehe vorsehen, die Staatsangehörigkeit nicht von einem Religionsbekenntnis abhängig machen, sondern allen dort lebenden Bürgern gleiche Rechte verleihen und gleiche Pflichten (Palästinenser dürfen keinen Militärdienst leisten) auferlegen. Das würde aber auch die Räumung der besetzten Gebiete bedeuten oder aber eine rechtliche Regelung der zahlreichen, von ihrem Boden vertriebenen und enteigneten Palästinenser (diese können in Israel kein Land erwerben, etwa 60 % des arabischen Landes wurden bis Mitte der 60er Jahre konfisziert). Alle diese und zahlreiche weitere Maßnahmen zur Gleichbehandlung der Bürger sind aber derzeit weiter entfernt denn je: Und eine Lösung dieser Probleme wird von allen Seiten nur durch den Einsatz von Waffen gesehen. Insofern ist dieses Buch von eminenter Bedeutung, es ist eine dringend notwendige Mahnung, auf demokratisch-liberaler Basis eine Gleichberechtigung aller in Israel lebender Bürger zu erreichen, die die derzeitige Zweiklassengesellschaft ablöst. Neben dieser Mahnung an die Vernunft ist es aber auch ein wichtiges historisches Werk: Es räumt mit unhinterfragten, tradierten Vorurteilen auf und vemittelt eine neue Sicht auf die Geschichte des Judentums.


*) Makaberer Treppenwitz der Geschichte: Offenbar sind die Aschkenasen gemäß ihrer Abstammung Arier und Hitler hat den organisierten Massenmord an seiner eigenen Rasse begangen.
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