Leo N. Tolstoi: Auferstehung

Der letzte große Roman Tolstois, ein Sittenbild des untergehenden Zarenreiches und eine Art Bekenntnisbuch des alternden Schriftstellers, der dem Protagonisten Nechljudow ganz offenkundig seine eigenen Gedanken, Zweifel, Ängste in den Mund gelegt hat.

Nechljudow ist ein adeliger Gutsbesitzer, der wohl behütet aufwächst und dessen Anlagen in jeder Hinsicht vielversprechend sind. Als junger, enthusiastischer Student lernt er bei einem Aufenthalt auf dem Gute seiner Tanten die dort aufwachsende Waise Katjuschka kennen – und lieben. Diese Liebe ist noch eine – im Sinne Tolstois – ideale: Frei von allem körperlichen Begehren fühlen sich die beiden zueinander hingezogen, genießen das Da-Sein des anderen, fühlen sich glücklich. Als der junge Fürst nach einem Jahr wiederkehrt, hat sich vieles in ihm verändert: Durch die Gesellschaft zu einem Leben in Wohlstand und Genuss erzogen hat er mittlerweile auch die körperliche Liebe kennengelernt und setzt nun alles daran, Katjuschka zu verführen. Das Unvermeidliche passiert, das Mädchen wird schwanger (ohne Wissen Nechljudows, der bald nach seinem Abenteuer wieder abreist), von den Tanten entlassen und gerät auf die schiefe Bahn. Das Kind stirbt bald nach der Geburt aufgrund der widrigen Umstände, sie selbst findet sich in einem „öffentlichen“ Haus wieder, wo sie sich in einem Leben zwischen Laster und Alkohol immer mehr verliert.

Zehn Jahre später ist Nechljudow Geschworener in einem Giftmordprozess – und eine der Angeklagten ist Katjuschka. Durch einen formalen Fehler des Gerichtes wird sie – obwohl unschuldig – zu vier Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Für Nechljudow aber ist diese Begegnung Anlass, sein Leben von grundauf zu ändern: Er sucht die ehemalige Geliebte im Gefängnis auf und bietet ihr an, sie zu heiraten, um seine Schuld gutzumachen und um ihr das Leben ein wenig zu erleichtern. Doch Katjuschka lehnt ab: Sie wolle, nach dem sie schon in diesem Leben von ihm benutzt wurde, nicht auch noch als billiges Pfand für das Jenseits dienen, das der Fürst auf diese Weise offenbar zu erlangen versucht. Dennoch lässt sich Nechljudow nicht von seinem Vorhaben abbringen, folgt Katjuschka auf dem Weg in die Verbannung, wo er mit den Schicksalen zahlloser anderer Strafgefangener (vor allem der „Politischen“) konfrontiert wird. Das alles gibt Anlass zu theoretischen Betrachtungen über den Sinn und Unsinn des Strafrechts, über Moral, gesellschaftliche und politische Zustände. Schließlich hat das Gnadenersuch Erfolg, Katjuschka (die mittlerweile sich wieder in den Fürsten verliebt hat) aber folgt einem Mitgefangenen in die Verbannung, weil sie das Leben von Nechljudow ansonsten zu zerstören meint.

Die Geschichte birgt in ihrer Dramatik die Gefahr russischer Gefühlsduselei, wie man sie auch aus Dostojewskijs Romanen zur Genüge kennt: Das gefallene Mädchen mit dem eigentlich untadeligen Herzen, die sich schließlich für irgendeine obskure Liebe meint opfern zu müssen, die „tiefe“ russische Seele, die meist dann doch nur aus Sentimentalität und Alkohol besteht, ein ungerechtes Schicksal, das erst im Jenseits seine wahre Erfüllung findet. Und teilweise sind diese Dinge auch in diesem Roman auszumachen: Aber glücklicherweise ist Tolstoi ein wirklich großartiger Schriftsteller, sodass neben aller Dramatik auch psychologisch sehr gut und differenziert gezeichnete Figuren auftreten und – wie erwähnt – ein Sittenbild des alten Russland gezeichnet wird, das die knapp zwanzig Jahre später stattfindende Revolution (nebst allen Gräueln der „Roten“ und „Weißen“) folgerichtig und verständlich erscheinen lässt. Neben uneigennützigen Revolutionären und armen, geknechteten Bauern gibt es auch die Machthungrigen, denen das Elend der Bevölkerung nur ein Vorwand für ihr eigenes Vorwärtskommen ist, neben verkommenen Subjekten der Oberschicht auch manche, die sich dieser Ungerechtigkeit bewusst sind und sich ihr entgegenzustellen versuchen.

Trotz dieser subtil beschriebenen einzelnen Charaktere entgeht Tolstoi leider über weite Strecken nicht der Vereinfachung, betreibt er zuviel an Schwarz-Weiß-Malerei, sind seine Utopien eben genau das: Utopisch – nämlich in Bezug auf den Menschen. Für ihn ist Zivilisation und Gesellschaft das Schlechte an sich, der an sich gute Mensch (wie Nechljudow) wird durch die Umstände, den zivilisatorischen Geist verdorben, während der den Boden bearbeitende Bauer mit der Natur – und somit „richtig“ lebt, seine möglicherweise schlechten Eigenschaften (wie auch die der Gefangenen) alle durch das System bedingt sind. Da mag nun viel Wahres daran sein und diese fortgesetzte Ungerechtigkeit hat sich schließlich auch in der Revolution von 1917 entladen: Aber Menschen sind – ob ausgebeutet oder privilegiert – nicht einfach nur gut (und werden durch die Umstände schlecht gemacht), sondern sind höchst differenzierte Wesen, die sich einer solche einfache Katalogisierung entziehen. Weshalb verwirklichte Utopien bzw. Revolutionen je nach Grad der Gewalt bei ihrer Durchsetzung mit bald ebenso viel Gewalt ihre neue Macht zu festigen versuchen.

Was bei Tolstoi aber noch viel mehr verstört als eine gewisse Blauäugigkeit in Bezug auf die Menschen ist die Tatsache, dass er ein Erbteil der christlichen Religion wie einen Riesenrucksack durch sein ganzes Werk mitschleppt. Soziale Probleme, die gewachsene gesellschaftliche und politische Ungerechtigkeit, auch die Unsinnigkeit vieler Dogmen der christlichen Religion, deren Einbindung in die Machtstrukturen – all das erkennt Tolstoi durchaus und geißelt und kritisiert diese Institutionen (er wurde sogar von der Kirche aufgrund seiner revolutionären Ansichten exkommuniziert), hingegen scheint er die Sexualfeindlichkeit dieses Christentums tief in sich selbst verankert zu haben, sodass ihm auch nie nur der Gedanke kommt, dass sexuelle Beziehungen auch etwas Schönes, Angenehmes, Erstrebenswertes, Positives sein können. Die von Tolstoi dargestellte Liebe ist immer nur dann bewundernswert, wenn sie alles Geschlechtliche daraus verbannt (schon in der Kreutzersonate wird das explizit thematisiert) – und da er aus männlicher Sicht schreibt, ist es oft nur ein kleiner Sprung, der Frau als dem begehrten Wesen die Schuld an diesem Umstand zuzuschreiben. So sind seine idealen Frauen klug, aber hässlich, und sie sind dann umso bewundernswerter, wenn sie das Ideal der Jungfräulichkeit verwirken. (Und wenn sie denn doch attraktiv sind, müssen sie dies als einen Makel empfinden: Maria Pawlowna, eine „Politische“, ist hübsch, aber sie verzichtet auf jede Koketterie und betrachtet ihren Eindruck auf Männer mit „Abscheu und Grauen“. An anderer Stelle wird die positive Veränderung der Katjuschka dadurch beschrieben, dass sie nun ihr Haar durch ein Tuch bedeckte und auf ihr Aussehen keinen Wert mehr legte.) Nur die Josefsehe scheint ihm akzeptabel zu sein, jedwedes sexuelle Begehren (und damit ist er ein wohlgeratener Schüler des hl. Augustinus, der seine Sexualneurosen auf Millionen von Christen übertrug) hingegen des Teufels. Während er ansonsten also der institutionalisierten, dogmatisierenden Kirche durchaus kritisch gegenübersteht, war er nie in der Lage, seine verqueres, durch das Christentum bedingte Verhältnis zur Sexualität zu analysieren und zu relativieren. Noch in seinen späten Lebensjahren hat er seine Sexualtät verflucht (offensichtlich hatte er gehofft, dass sich das Problem jenseits der 60 von selbst löse), sich als verdorben und sündhaft empfunden. Dieses Begehren als zum Menschsein zugehörig anzunehmen kam ihm offenbar nie in den Sinn – und auch der Grund dieser völlig unnatürlichen Besessenheit vom Verderblichen aller Sexualität blieb ihm verborgen, obwohl er, wie erwähnt, ansonsten das Ungerechte und Dumme von überkommenen Zuständen oder Normen durchaus erkannte.

Trotz allem habe ich das Buch gern gelesen: Weniger dramatisch als der mir mittlerweile fast unerträglich gewordene Dostojewski, psychologisch sehr viel subtiler als anfangs befürchtet und ein Dokument des Lebens im zaristischen Russland, dass die nachfolgenden Umwälzungen verständlich, fast unausweichlich erscheinen lässt.

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