Chiara Frugoni: Inventions of the Middle Ages [a.k.a.: Book, Banks, Buttons and Other Inventions from the Middle Ages / dt.: Das Mittelalter auf der Nase: Brillen, Bücher, Bankgeschäfte und andere Erfindungen des Mittelalters / OT: Medievo sul naso: Ochiali, Bottoni e altre invenzioni medievali]

Erklärtes Ziel dieses 2001 auf Italienisch erschienenen Buches ist es, mit dem Vorurteil des ‚finsteren Mittelalter‘ aufzuräumen. Chiara Frugoni ist Historikerin mit dem Spezialgebiet ‚Mittelalter‘, sollte also wie keine zweite dafür prädestiniert sein, so ein Buch schreiben zu können. Tatsächlich ist die Menge der von ihr aufgeführten Erfindungen des Mittelalters stupend 1) – vieles von dem, was wir als ‚modern‘ einstufen, stammt tatsächlich schon aus jener Zeit. (Nicht alles davon sind Erfindungen im eigentlichen Sinn; vieles sind einfach Übernahmen aus andern Kulturen, vor allem Arabien, Indien und China waren die Gegenden, aus denen das mittelalterliche Europa solche Neuerungen importierte.)

Der Text ist reich illustriert. (Das war er schon im Original; der Folio Society, in deren Ausgabe ich ihn gelesen habe, ist für einmal nur das Verdienst zuzuschreiben, dass sie die farbigen Illustrationen in ausgezeichneter Qualität abgedruckt hat.) Zudem verfügt er über eine (kleine) Bibliografie, Anmerkungen und Index am Ende. Im Grunde genommen also alles, was der Leser braucht, um mit einem Fach- oder Sachbuch glücklich werden zu können.

Dass ich dennoch nicht so ganz damit glücklich geworden bin, liegt daran, dass Frugoni ein bisschen sehr über die einzelnen Erfindungen hinweg ‚hudelt‘. Sie hüpft von einem Thema zum nächsten, ohne das vorhergehende Thema wirklich erschöpft zu haben. Wenn es z.B. um die Einführung der arabisch-indischen Zahlen geht, erwähnt Frugoni in einem Satz, dass es mit den römischen Zahlen fast unmöglich war, Multiplikationen oder Divisionen auszuführen und es dafür ausgebildete Mathematiker brauchte. Hier hätte der Leser (hätte zumindest ich!) gern Genaueres gewusst, vielleicht ein Beispiel für die Rechenkunst mit römischen Zahlen gesehen. Aber Fibunacci gibt mit dem üblichen Stolz der Geisteswissenschafter zu, nicht viel von Mathematik zu verstehen und hier nicht weiter helfen zu können. (Ihr Geisteswissenschaftertum führt sie auch an einem andern Ort in die Irre, wo sie angibt, dass die Brille für (Alters-)Weitsichtigkeit – im Gegensatz zur Lupe – die Objekte nicht vergrössern würde, sondern ihnen wieder ihre Originalgrösse verleihe. Wie das gehen soll, erklärt sie allerdings nicht.)

Ich habe so zwar das eine oder andere Aha-Erlebnis gehabt. Dennoch wage ich zu behaupten, dass das Buch eher für 10- oder 12-Jährige geeignet ist, die eine erste Einführung in die komplexe Thematik der Wissenschaftsgeschichte suchen. Da ist auch die grosszügige Ausstattung mit Illustrationen am Platz. Ich hätte den Stoff dieses Buchs gern in 2 Bänden à 600 Seiten vorgestellt bekommen…


1) In der Reihenfolge ihres Auftretens: Das Buch und die Brille, das Fensterglas und die Hauskatze, Sitzen zum Essen am Tisch, die Universität, erste betäubende Mittel in der Medizin, auch der Notar erscheint zum ersten Mal im Mittelalter, unsere Zeitrechnung „seit Christi Geburt“, Banken sowie Leih- und Pfandhäuser, Papier (inkl. Wasserzeichen), Karten- und Schachspiel, der Karneval (das Wort bedeutet eigentlich ja: der Abschied vom Fleisch – ergo eine Zeit des Fastens), um im christlichen Umfeld zu bleiben: die Einführung und Datierung von Weihnachten ebenso wie die Einführung des Fegefeuers, die mechanische Uhr, die Tonleiter bzw. die Benamsung der einzelnen Töne darin, der Knopf ebenso wie die Unterwäsche, die Gabel und mit ihr die Tischmanieren, windbetriebene Mühlen aller Art, das Schiesspulver (das der Europäer im Gegensatz zum Chinesen auch im Krieg einsetzte und damit das Ende des Ritters einläutete – jedenfalls gemäss Frugoni), der Steigbügel (der nicht unbeträchtlich zum Untergang des Römischen Reichs beigetragen haben wird – machte doch erst der Steigbügel es möglich, dass der Reiter sein Pferd lenken konnte, ermöglichte also erst die Bildung einer Kavallerie, mit der Roms Feinde den römischen Fusstruppen – Pferde gab es nur im Train – nun überlegen waren), überhaupt dann das Pferd als Arbeitstier (bzw. die Ersetzung des dem Ochsen angemessenen, aber für Pferde ungeeigneten Jochs durch das Kummet), die Schubkarre und das Schiffsruder. Eine wahrlich imposante Liste!

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