John Keats

Keats ist ein Frühvollendeter. Schon im Alter von 25 Jahren brachte dem 1795 Geborenen die – man ist versucht zu sagen: familienerbliche – Tuberkulose den Tod. Entsprechend schmal ist sein Œuvre. Keats wurde zu Lebzeiten von der Presse mit offener Verachtung und Verhöhnung behandelt, seine Gedichte kaum abgedruckt. Entsprechend unsicher ist die Textüberlieferung. Doch dies interessiert vielleicht den Literaturwissenschafter; den ‘normalen’ Leser wird interessieren: Kann oder soll man Keats im 21. Jahrhundert noch lesen?

Gleich voraus gesagt: Ja. Man kann und man soll. Natürlich ist nicht alles von gleichem Interessse. Da gibt es relativ viele Gedichte zur zeitgenössischen englischen Politik. Im Gegensatz zu andern Romantikern (Coleridge oder Wordsworth) war Keats ein überzeugter Liberaler. Die äusserst repressive Politik der herrschenden Tory-Regierung war nicht nur schuld an der Verachtung des Lyrikers, die Keats in deren Presse entgegenschlug. Viele seiner Freunde wurden in politischen Prozessen zu Haftstrafen verurteilt. Keats’ Gedichte auf diese seine Freunde sind wohl Zeugnisse seiner Freundschaft, aber sie vermögen eher den Historiker und den Biografen zu interessieren.

Bis heute von Interesse sind Keats’ grosse ‘mythologische’ Gedichte: Endymion, Hyperion, Ode to Psyche, On Fame. In ihnen finden wir eine Trauer über eine grosse Vergangenheit, die von einer bedeutend weniger grossen Gegenwart ausgelöscht wurde – so, wenn er Hyperion zeigt, den Titanen, der zusammen mit Saturn von den olympischen Göttern vom Himmel herabgestürzt wurde, Hyperion, der einst der Sonnengott war. Das Ganze eingebettet in eine Natur, die mehr als blosse Staffage ist, sondern eigentlicher Stimmungsträger. Auch formal wandelt Keats in neuen Bahnen: Seine Mischform von Ode und Ballade war zu seiner Zeit im wahrsten Sinn des Wortes ‘unerhört’, und sie ist bis heute ein Genuss zum Lesen. Seine grossen Mythologeme sind also sicher auch heute noch für jeden Freund der Lyrik äusserst lesenswert.

Daneben finden wir – bei einem Romantiker: natürlich! – auch Liebesgedichte. Diese reflektieren Keats’ persönliches, problematisches Verhältnis zu den Frauen (der todkranke Mann wollte und konnte sich nicht binden; er litt darunter eben so sehr wie die betroffenen Frauen). Sie reflektieren den von ihm so empfundenen Wankelmut und die Unerreichbarkeit der Frauen (La Belle Dame sans Merci. A Ballad), die sich oft als Schlangen entpuppen. Sie reflektieren darüber hinaus die Vergänglichkeit – und die Trauer des lyrischen Ich über diese Vergänglichkeit.

Keats ist kein fröhlicher Dichter. Seine Natur und seine Frauengestalten sind bestenfalls launenhaft, schlimmstenfalls gefährlich. Seine Menschen und Götter erinnern sich an bessere Zeiten, die niemals wiederkehren werden. Mit andern Worten: ein ganz grosser Romantiker.

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