Hans Albert: Traktat über rationale Praxis

Ist der kritische Rationalismus ein bloß wissenschaftstheoretisches Instrument oder aber kann diese Form der Problemlösung auch auf andere Gebiete angewandt werden? Diese Frage sucht Albert in diesem Band zu beantworten, wobei mit dieser Antwort auch eine Kritik der “spezifisch geisteswissenschaftlichen Methode” – von Dilthey bis Habermas – verbunden ist.

Schon Popper hat im “Elend des Historizismus” und in der “Offenen Gesellschaft” auf das Potential des Kritischen Rationalismus in den Sozialwissenschaften hingewiesen. Trotzdem wurde die “nomologische” Herangehensweise schon im Positivismusstreit auf das Schärfste kritisiert (vor allem von Vertretern der Kritischen Theorie), da es in den Sozialwissenschaften anderer Methoden bedürfe. Begründet wurde dies zum einen mit den unterschiedlichen “Erkenntnisinteressen” als auch mit dem dieser Wissenschaft zugrunde liegenden Gegenstand (dem Menschen bzw. seinen Verhältnissen), der eine solche Betrachtung nicht zuließe.*

Albert zeigt, dass unter den Voraussetzungen eines kritischen Realismus und der Fallibilität aller wissenschaftlichen Erkenntnis der Kritische Rationalismus auch in diesem Bereich nicht nur seine Berechtigung hat, sondern auch zu praktikablen, umsetzbaren Ergebnissen führt. Wie in den Realwissenschaften kann auch in den Sozialwissenschaften von Problemen bzw. Problemlösungen ausgegangen werden, die hinwiederum einer rationalen Kritik zugängig sind. Diese Lösungen betrachtet Albert als Formen einer “Sozialtechnologie”, die sich mit den entsprechenden Aufgaben unter Berücksichtigung wissenschaftlicher Erkenntnisse auf pragmatische Weise auseinandersetzt. Nicht nur fließt die nomologische Denkweise hier durch die realwissenschaftlichen Bezüge indirekt ein, auch die soziologischen Probleme können (wenngleich mit größeren Schwierigkeiten als in den Naturwissenschaften) regelgeleitet analysiert und entsprechende Prognosen erstellt werden.

Die Ergebnisse einer solchen Technologie müssen einer permanenten Prüfung unterzogen werden, um Abweichungen feststellen zu können bzw. unerwünschte Auswirkungen nach Möglichkeit zu vermeiden. Komplikationen sind in den Sozialwissenschaften aufgrund der vielfältigen Zusammenhänge, einer von unzähligen Faktoren bestimmten Gemengelage unvermeidbar: Und es ist die Aufgabe der ständigen (politischen) Kontrolle, diese Probleme frühestmöglich zu erkennen. Albert folgt damit dem Popperschen Begriff des “piecemeal-engineering”, einer Politik der kleinen Schritte, die der Komplexität sozialwissenschaftlicher Belange wegen das Verfolgen großer Utopien für unmöglich hält. Im Gegenteil: Gerade weil solche Utopien auf ihrem Weg zur Verwirklichung keine Kritik zulassen und auftretende Schwierigkeiten und Widerstände unter Hinweis auf das zu erreichende Ziel (das zumeist in weiter Ferne liegt) ignoriert werden, verursachen sie ungeheures Leid, ohne dass man dem aspostrophierten Idealzustand je nahe kommt.

So kann die Alternative zur Revolution nur die Reform sein: Und diese muss eben einer ständigen Kontrolle unterliegen, die sich an (real-)wissenschaftlichen Erkenntnissen orientiert, damit das angestrebte Ziel verbesserter Lebensbedingungen für die Gesellschaft nicht utopischen Zielen geopfert wird, die – ähnlich den messianischen Heilserwartungen – in die ferne Zukunft verlagert werden, während das Leiden der Gegenwart als notwendiges Opfer für diese Schimäre betrachtet wird. Albert hat hier vor allem die marxistischen Heilsideen im Auge, insbesondere jene, die in den 70ern großen Zuspruch erfuhren (wie etwa in Marcuses “Der eindimensionale Mensch” vorskizziert). Indirekt gestehen die meisten dieser Zukunftsentwürfe ihre Unbrauchbarkeit für den gegenwärtigen Menschen ein: Denn häufig ist in ihnen die Rede von einem “neuen”, zukünftigen Menschen, der sich durch ein offenkundiges Mehr an Erkenntnis und/oder Kraft auszeichnet, um das Paradies zu verwirklichen. So wird dem großen Glück der Zukunft das einzige geopfert, dass der Mensch tatsächlich besitzt: Seine Gegenwart.

Alberts Darstellung des zu überwindenden, klassischen Rationalismus mit seinem (obsoleten) Erkenntnisideal der Gewissheit bzw. seine methodenkritischen Ausführungen zu den Sozialwissenschaften sind – wie in allen seinen anderen Büchern – mit beeindruckender Klarheit und Genauigkeit vorgetragen – wie auch die Herleitung des juristisch-politischen Denkens aus den soziomorphen, an der Theologie sich orientierenden Konzepten. Dennoch ist dieses Buch zwischendurch eine ein wenig schwere Kost: Dies liegt an der (zu) ausführlichen Darstellung ökonomischer Theorien nebst den Schwierigkeiten, die sich aus ihren Idealisierungen ergeben. Albert wird nicht müde, die verschiedenen ökonomischen Modelle in seine Kritik (zu Recht) einzubeziehen, weist auf aus diesem Bereich bekannte Schwierigkeiten hin (einen Abschnitt hat er beispielsweise dem Pareto-Kriterium gewidmet), wobei es allerdings auf der Hand liegt, dass das Prinzip der Kontrolle, Fallibilität oder Wissenschaftlichkeit in diesem Bereich ebenso gilt wie in den anderen Sozialwissenschaften. In seiner Gesamtheit aber ein noch immer aktuelles und wichtiges Buch, dessen Erkenntnisse zu berücksichtigen der Politik gut anstehen würde.


*) Die von Max Weber formulierten Einwände gegen eine solche methodologische Zweiteilung wurden von der Frankfurter Schule kaum zur Kenntnis genommen, sie haben bis heute ihre Gültigkeit bewahrt (siehe Link Keuth).


Hans Albert: Traktat über rationale Praxis. Tübingen: Mohr 1978.

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