Arthur Conan Doyle: The Hound of the Baskervilles

Dass die Überstzung Der Hund von Baskerville, wie man sie meist findet, nicht ganz korrekt ist, es Der Hund der Baskervilles heissen müsste, hat sich mittlerweile wohl herumgesprochen. Nicht, dass das wirklich eine Rolle spielt – letzten Endes gehört der Hund ja genau so wenig den Baskervilles, wie er auf dem Landgut Baskerville in Devonshire lebt, wo der kleine Roman spielt.

Zwei Dinge sind Sir Arthur Conan Doyles Roman merkwürdig – ausser der Tatsache, dass The Hound of the Baskervilles zu den wenigen Romanen gehört, in denen Sherlock Holmes und Dr. Watson auftreten (meist sind es ja nur Kurzgeschichten). Zum einen ist es die Tatsache, dass zum Zeitpunkt, als The Hound of the Baskervilles erschien, Sherlock Holmes von Dr. Watson – äh … Conan Doyle – offiziell bereits zum Tode in den Reichenbachfällen verurteilt worden war. Das liess sich allerdings, wenn sich der Autor einmal von der Notwendigkeit überzeugt hatte, dass in dieser und nur in dieser einen Figur sein schriftstellerisches Heil begründet war, relativ leicht aushebeln. Man brauchte ja die gerade erzählte Geschichte nur auf der fiktiven Zeitachse des Erzähluniversums vor dem Tod des Protagonisten zu platzieren. (Auch Winnetou war ja früh von seinem Autor zum Tode verurteilt worden – nur, um in x Romanen und Erzählungen fröhliche Urständ zu feiern. Das Erzähluniversum Karl Mays ähnelt dem Doyle-Watsons auch hierin, dass die Geschichten nicht sauber in einer Zeitachse hinterlegt werden können, weil dies dem Autor letzten Endes ‚wurscht‘ war, und deshalb Überschneidungen und Lücken an der Tagesordnung sind.) Der Erfolg des Hound of the Baskervilles war sicher mit eine Motivation für Doyle, Holmes wieder auferstehen zu lassen. (Ein Religionsphilosoph möchte an dieser Stelle verführt sein, über Parallelen von Jesus Christus und Sherlock Holmes zu sinnieren.)

Dabei ist an der Geschichte selber gar nichts Übernatürliches. Der Hund, der aus einer alten Sage in aktuelle Existenz im 19. Jahrhundert übergegangen zu sein scheint, ist nur Teil von verbrecherischen Machinationen, die Sherlock Holmes souverän wie immer aufklärt. Der Verbrecher, hochintelligent und, wie Holmes nicht müde wird zu betonen, die grösste Herausforderung, der er bisher begegnet ist, verwendet die gleich unter der dünnen Firniss des scheinbar aufgeklärten Wesens des 19. Jahrhunderts liegende Unsicherheit und Abergläubigkeit, um ein ganzes Dorf in Angst und Schrecken zu versetzen. Dadurch vernetzt Doyle alte Horror-Geschichten, die alte Gothic Novel, mit der Moderne. Das Holmes-Universum ist dabei bedeutend näher an der alten Gothic Novel, am Mistery Thriller, angesiedelt, als am Kriminalroman des 21. Jahrhunderts, wo der Detektiv vor allem eines sein muss: eine kaputte Existenz. (Was wiederum darauf hinweist, dass der Krimi seiner Zeit immer hinten nachhinkt: Die Konsequenzen existentialistischen Denkes aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg sind jetzt erst dort angekommen.) Doyles unmittelbare Vorfahren in der Geschichte der Kriminalliteratur sind also Collins und Le Fanu, die als erste anfingen, den viktorianischen Horror in natürliche Erklärungen aufzulösen.

Nicht alle Romane um Sherlock Holmes sind ihrem Autor gelungen. Diesen hier kann man für gelungen erklären – auch wenn der strikte Logiker und Krimileser wohl die Motivierung der Morde anzweifeln möchte: Der Verbrecher hat sich ein allzu kompliziertes und verwickeltes Verfahren gewählt für etwas, das mit ein paar Pistolenkugeln schneller und effizienter hätte erledigt werden können. Aber dann hätte Doyle die gruslige Atmosphäre von Devonshire (für diesmal agiert Holmes nämlich nicht in seiner Londoner Homebase) nicht schildern können.

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