Sheridan Le Fanu: Uncle Silas. A Tale of Bartram-Haugh

The writer of this Tale ventures, in his own person, to address a very few words, chiefly of explanation, to his readers. A leading situation in this ‚Story of Bartram-Haugh‘ is repeated, with a slight variation, from a short magazine tale of some fifteen pages written by him, and published long ago in a periodical under the title of ‚A Passage in the Secret History of an Irish Countess,‘ and afterwards, still anonymously, in a small volume under an altered title. It is very unlikely that any of his readers should have encountered, and still more so that they should remember, this trifle. The bare possibility, however, he has ventured to anticipate by this brief explanation, lest he should be charged with plagiarism–always a disrespect to a reader.

So Joseph Sheridan Le Fanu selber in A Preliminary Word, dem Vorwort zur Buchpublikation von Uncle Silas im Jahr 1864. Keine Angst aber, lieber Le Fanu, wir sind Deiner Passage in the Secret History of an Irish Countess nicht nur begegnet; wir haben sie sogar sehr gemocht. Und nun hast Du sie also erweitert, in einen Roman umgestaltet? Dann sind wir ja sehr gespannt.

Aber bevor der Roman beginnt, fährt Sheridan Le Fanu noch in seinem Vorwort weiter. Er verwahrt sich dagegen, despektierlich als Autor von Sensation Novels abgetan zu werden. Schliesslich, so sein Argument, kämen in Sir Walter Scotts historischen Romanen mindestens so viel Gewalt, Blutvergiessen, Mord und Totschlag vor wie in den seinen; und niemand käme auf die Idee, Sir Walter Scott als Autor von Sensation Novels abzutun. Sein Hinweis auf Scott ist nicht ganz unberechtigt, auch wenn er die Erfordernisse eines historischen Romans ganz einfach mit der eines Schauerromans gleichsetzt und beide in der legitimate school of tragic English romance zusammenfasst. Zu Recht aber weist er auf die Schauergeschichte The Tapestried Chamber hin, wo sich Scott voll und ganz und mit nicht üblem Resultat der Gothic Novel ergibt.

Im Nachhinein kann man sagen, dass sich Le Fanu gar nicht hätte wehren müssen. Uncle Silas gehört gar nicht zum Genre der Gothic Novel, ist gar kein Schauerroman. Jedenfalls ist er kein Schauerroman im klassischen Sinn, wie er im Deutschen von E. T. A. Hoffmann so meisterhaft aufgeführt wurde, wie er im Englischen z.B. von Ann Radcliffe so exzessiv verschandelt wurde. (Ann Radcliffe, bzw. ihre völlig passiven und weinerlichen Heroinen sind übrigens immer wieder Ziel von kleinen satirischen Spitzen der Heldin und Ich-Erzählerin Maud Ruthyn of Knowl.) Ann Radcliffe ist, um Horror erzeugen zu können, auf übernatürliche Phänomene angewiesen, und auf Theaterrequisiten – auf Geister also oder auf versteckte Geheimtüren. Uncle Silas hingegen, wie schon sein Nucleus, die Secret History of an Irish Countess, kommt ohne solche Dinge aus. Der Horror, den Maud empfindet, stammt von ihren Mitmenschen, ihrem Onkel vor allem, ihrem Cousin und ihrer Gouvernante. Nichts Übernatürliches, nicht einmal eine Geheimtür.

Was ist denn nun im Roman anders als in der Kurzgeschichte? Am Grundgerüst seines Plots hat Sheridan Le Fanu wenig geändert. Den dürfen der Leser, die Leserin dieses Aperçus gern im Artikel zur Secret History of an Irish Countess nachlesen. Der Autor hat lediglich zwei neue Hauptfiguren hinzugefügt: Da ist die schon erwähnte französische Gouvernante. Sie wird von Mauds Vater für deren finale Erziehung auf den Familiensitz geholt. Schon bald wird die Französin dem simplen Gemüt von Maud unheimlich. Schliesslich, nachdem sich sogar der gegenüber seinen Mitmenschen mit merkwürdiger Blindheit geschlagene Vater hat davon überzeugen lassen, dass sie mittels Nachschlüssel zu seinem Schreibtisch in seinen Papieren geschnüffelt hat, wird sie entlassen – nur, um gegen Ende des Romans, nunmehr von Onkel Silas, wiederum als Gouvernante eingestellt zu werden. Im Moment ihres Triumphs über Maud, als diese in ihrem Zimmer eingesperrt ihres sicheren Todes harrt, fällt sie allerdings tief. Nicht ganz in alle teuflischen Pläne von Silas eingeweiht, trinkt sie den der Nichte zugedachten und mit einem starken Schlafmittel versetzten Wein, verfällt in Tiefschlaf und wird an Stelle Mauds im Bett erschlagen. Es ist im Roman also nicht die Freundin und Cousine, deren Ermordung Maud tatenlos zusieht, sondern die Ermordung ihrer Feindin, der Gouvernante, was Mauds Passivität nun auch psychologisch hinreichend erklärt. Die andere neue Hauptfigur sind eigentlich deren zwei, indem Le Fanu die Cousine aufsplittet, in eine ältere Verwandte und Vertraute Mauds, die immer wieder versucht, Vater wie Onkel davon zu überzeugen, dass das junge Mädchen in andere Verhältnisse gehöre, in die mondäne Welt eingeführt werden müsse, und in eine gleichaltrige junge Frau, die als Tochter von Silas in absoluter Unwissenheit herumläuft, mehr ein Waldschrat denn ein Menschenkind, und mit der sich Maud dann auch befreundet. Wohl eher aus geschäftlichen Überlegungen wurde der Ort der Handlung nach England transponiert – Irland als Handlungsort wäre bei den herrschenden politischen Spannungen in weiten Teilen Englands wohl ein Verkaufshindernis gewesen. Aber der Ort der Handlung ist im Grunde genommen egal – und die Zeit der Handlung ist immer regnerischer, kalter Spätherbst.

Die unheimlichste Person in diesem Roman ist aber nicht etwa Onkel Silas. Den lernen wir erst ungefähr in der Mitte des Romans persönlich kennen, auch wenn er immer ein bisschen wie ein Drohgespenst im Hintergrund von Mauds Gedanken spukt. Es ist Mauds Vater. Distanziert, kühl, unnahbar. Dazu Swedenborgianer, was ihn der Tochter noch unheimlicher macht, da sie ‚Swedenborg‘ mit ‚Gespensterseher‘ gleichsetzt. Noch in A Glass Darkly von 1872 werden Swedenborgianer in einigen Geschichten eine wichtige Rolle spielen – wo die Überzeugungen Swedenborgs und seiner Sekte dann auch (im Gegensatz zu hier) eine zentralere Rolle spielen.

Mit dem Zimmer, in dem Maud sterben soll, hat es übrigens seine eigene Bewandtnis: Darin ist schon einmal ein Gast von Silas gestorben, in einem enormen Blutbad. Da Türe und Fenster offenbar von innen verschlossen waren, kam die untersuchende Behörde zum Schluss, es müsse Selbstmord gewesen sein. Wir haben also das klassische ‚locked-room-mystery‘ des Kriminalromans vor uns – und damit einen weiteren Hinweis darauf, dass Uncle Silas eben kein Schauerroman ist. Er gehört tatsächlich vielmehr in die Ahnenreihe des Mystery Thrillers, und ist (auch durch die Selbständigkeit, die seine Protagonistin an den Tag legt) bedeutend näher mit den praktisch gleichzeitig erschienen Mystery Thrillers von Wilkie Collins (The Women in White, The Moonstone) verwandt als mit Ann Radcliffe. Es wird denn zum Schluss auch aufgelöst, wie die Bösewichte durch das anscheinend hermetisch von innen verschlossene Fenster eindringen konnten.

Fazit: Wer’s ‚quick and dirty‘ mag, soll sich auf die Kurzgeschichte beschränken. Dort findet er denselben Horror eingedampft auf ein paar Seiten. Uncle Silas schildert über weite Strecken Befindlichkeiten, Gespräche und Gedanken sowie Selbstanalysen der Heldin. Diese Verzögerungstaktik kann vom Leser als schmerzhaft und unerträglich empfunden werden – sprich: Langeweile erzeugen. An Fahrt gewinnt die Geschichte erst so auf den letzten 75 bis 100 Seiten – dann allerdings rapide, fast zu rapide.

Als Exempel eines frühen Kriminalromans für den Literaturhistoriker aber unabdingbare Lektüre.

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