Knut Hamsun: Nach Jahr und Tag

Der letzte Teil der Landstreicher-Trilogie: Nach etwa 20 Jahren taucht August wieder auf, in Segelfoß, zwei Tagesreisen südlich jener Bucht, aus der er zuvor geflohen war. Hier arbeitet er als “Allerhand-Mann” im größten Unternehmen dieser Kleinstadt, er ist umtriebig wie eh und je, aber doch ein wenig schrulliger und älter geworden. Und er erfährt von seinem Geldgewinn von vor 20 Jahren, wagt es aber nicht, diesen bei Pauline abzuholen oder gar einzufordern, sodass diese sich gezwungen sieht, in den Süden zu fahren und ihm das Geld zu übergeben.

Das weckt wieder den alten Geschäftsmann in ihm: Er beginnt in großem Stil Schafe aufzukaufen, spielt den Wohltäter und großen Unternehmer, wirkt aber nicht mehr souverän wie seinerzeit, sondern häufig ein wenig lächerlich: So auch in seinem Bemühen um die junge Cornelia, die aber von ihm nichts wissen will. August erleidet das typische Schicksal eines früher berüchtigten, manchmal bewunderten oder gefürchteten, immer aber im Mittelpunkt stehenden Menschen im Alter (heute sind das die blondierten, die welke Haut seltsam straff über die Gesichtsknochen gezogenen, cabriofahrenden 60jährigen, die sich mit viel Geld all diese Lächerlichkeiten mühsam erkaufen): Sie leben in und von der Vergangenheit, von der Legende, kleinen und größeren Lügenmärchen (eigentlich wie früher), nur dass die Bewunderung von damals zu einem nachsichtigen Belächeln geworden ist, das die Betreffenden verzweifelt zu ignorieren versuchen.

Dieser letzte Band lebt nicht mehr von der Gegenüberstellung einfaches Landleben vs. städtisch-industrialisierte Zivilisation, sondern vielmehr von der liebevollen Beschreibung der Kleinbürger in der Stadt Segelfoß: Der Frau des Postmeisters, die ihre Liebe zu Musik und Kunst einer biederen Ehe geopfert hat, sich mit viel Ironie und Sarkasmus durchs Leben zu bringen versucht, dann aber doch den Tod einem solchen Leben vorzieht, einem pedantischen Rechtsanwalt, dessen Geiz und Sparsamkeit ihn schließlich in den Wahnsinn treibt oder einem verrückt-leichtsinnigen Apotheker, der mit viel Humor und Witz sich selbst und seine Umgebung betrachtet und mit dieser Einstellung höchst erfolgreich ist. Und so entsteht der Eindruck nicht eines Abschlussbandes der Trilogie, sondern der eines eigenständigen Romanes, der mit den vorhergehenden nur noch einige Personen und Örtlichkeiten gemein hat. Das tut dem Lesevergnügen aber keinen Abbruch: Hamsun beweist sich auch in diesem Teil als großer Romancier, als souveräner Erzähler.

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