Zu Alexander Puschkin, anhand einiger seiner kürzeren Prosatexte

Ich kann kein Russisch und bin deshalb für die Lektüre russischer Literatur auf Übersetzungen angewiesen. Vielfach wähle ich dafür auch nicht eine deutsche, sondern eine englische Übersetzung. Diese lesen sich meist noch einen Tick eleganter – und sind ganz sicher einfacher und billiger zu haben. So auch im vorliegenden Fall Puschkin. Ich habe vor kurzem die Lektüre von The Queen of Spades and Other Stories beendet, eine Sammlung kürzerer Texte Puschkins, die 1997  zum ersten Mal bei Oxford University Press erschienen ist. Übersetzer ist Alan Myers.

Darin enthalten sind:

Die Geschichten des verstorbenen Iwan Petrowitsch Belkin / Erzählungen Belkins

Rahmenerzählung: In den nachgelassenen Papieren den Iwan Petrowitsch Belkin finden sich einige Notizen über Ereignisse, die sich tatsächlich so in der russischen Provinz zugetragen haben sollen. Diese vier Erzählungen sind leicht-luftig aufgebaut, manchmal etwas gruselig, manchmal etwas melancholisch. Die Romantik, der Puschkin letztendlich ja zuzuzählen ist, lässt grüssen, auch wenn Puschkin sich nicht einfach nur als Nachahmer erweist. Die vier Geschichten sind durchaus empfehlenswert; die Rahmenerzählung hat selber keinen weiteren Inhalt als eben den, als Rahmen der Sammlung zu dienen.

Pique Dame

Die Kurzgeschichte, die der Sammlung den Titel gegeben hat. Angesiedelt im Milieu des russischen Militärs, geht es um das Schicksal eines deutsch-russischen Offiziers, der sich solange vom Kartenspiel fernhält, bis ihm der Geist einer verstorbenen Gräfin einen Tipp gibt, wie er gewinnen kann. Anstatt aber aufs Ass zu setzen, wie ihn der Geist geheissen hat, setzt er (aus Versehen? unbewusst? vom Geist der Gräfin verführt? – Puschkin lässt alle Antworten zu) auf die Pique Dame. Er verliert und wird verrückt.

Die Hauptmannstochter

Ein kleiner historischer Roman aus der Zeit von Zarin Elisabeth II. Wieder im Soldaten- bzw. Offiziersmilieu angesiedelt, wieder in einem ziemlich entlegenen Fort an der Grenze zum nur noch offiziell russischen Gebiet, einem Gebiet also, das in Tat und Wahrheit von Kosaken, Tartaren und andern nicht-russischen Völkern beherrscht wird, die die russische Zarin keineswegs als Oberhaupt akzeptieren. Ein junger Edelmann erzählt in Ich-Form von seiner Kindheit und Jugend, bis er dann zum Militär geht und als Unteroffizier in jenes entlegene Fort abkommandiert wird. Er verliebt sich dort in die Tochter seines Hauptmanns. Er kriegt die Frau zum Schluss auch, muss aber einiges durchmachen, ist doch gerade dieses Fort eines der ersten Ziele des aufständischen Don-Kosaken Jemeljan Iwanowitsch Pugatschow, der von 1773 bis zu seiner Hinrichtung 1775 eine grössere Schar Aufständischer anführte. Ich halte diesen kurzen Roman nicht für Puschkins gelungenstes Werk. Einzig die Szene, in der sich Puschkin herausnimmt, die Zarin Elisabeth II. persönlich – im Morgennegligé! – auftreten zu lassen, weist eine feine und verlockende Ironie auf.

Der Mohr Peters des Großen / Der Mohr des Zaren

Unvollendet. Es wird darin die Geschichte von  Puschkins aus Eritrea stammenden Urgrossvater erzählt. ‘Unvollendet’ heisst auch, dass sich über diese Erzählung kein abschliessendes Urteil bilden lässt. Was wir haben, kann irgendwo zwischen Voltaire und Heinse platziert werden: ein bisschen Adelskritik, ein bisschen Geniewesen in der Art des Sturm und Dranges.

Fazit: Puschkin ist ein ausgezeichneter Erzähler. Es fällt aber auf, wie oft seine Protagonisten spielen und / oder sich duellieren. In Russland soll Puschkin bekannter und beliebter sein als seine Landsleute Tolstoi oder Dostojewski. Insofern als er bedeutend weniger düster zu lesen ist, bedeutend ironischer, ja satirisch an seine Themen herangeht, kann ich das nachvollziehen. Dennoch fällt dem mitteleuropäischen Leser ein sanftes Epigonentum auf: Als Puschkin romantisch zu schreiben begann, und damit in Russland die Literatur erneuerte, war die romantische Strömung in Mitteleuropa bereits am Versickern.

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