Hektor Haarkötter: Der Bücherwurm. Vergnügliches für den besonderen Leser

Fussnoten in einer literaturwissenschaftlichen Dissertation gehören mit zum Überflüssigsten und Sinnentleertesten auf diesem Erdenrund. Wenn er denn nicht an seiner eigenen Legende gebastelt hat, wird sich auch der Doktorand Haarkötter Ähnliches gedacht haben. Er schmuggelte in seine Dissertation eine höchst sinnlose und überflüssige Fussnote über den Bücherwurm ein. Aber sein Doktorvater, Horst Turk, drang keineswegs auf Entfernung der Fussnote, sondern ermutigte Haarkötter, doch das Thema auszubauen. So entstand letzlich das kleine Büchlein, das nun, 2013, in dritter, erweiterter Auflage bei Lambert Schneider erschienen ist.

Nach einem ersten Exkurs im Vorwort über das Essen von Büchern im Allgemeinen, stürtzt sich Haarkötter dann in medias res. Er unterscheidet zwei Formen von Bücherwürmern – sozusagen Schädlinge und Nützlinge (aus Sicht des Buches).

Der Schädling, das sind jene kleinen Lebewesen, deren Spuren wir jeweils in den Büchern erkennen: Kleine Löcher in den Seiten, die zum ganzen Tunnel gehören, die so ein Tierchen vom Buchdeckel her in das Buchinnere frisst. Die Spuren sind leicht zu finden – das Tierchen selber nicht. Zwar hat schon Aristoteles einen Wurm ohne Stachel als Bücherwurm identifiziert – aber anhand seiner Beschreibung liess sich trotzdem kein solches Tierchen auffinden. Zu licht- und zu menschenscheu war es wohl. Erst dem 20. Jahrhundert gelang es, das Tierchen aufzufinden. Oder, besser gesagt: die Tierchen aufzufinden. Gemäss aktuellen Kenntnissen gibt es nämlich den Bücherwurm gar nicht, sondern wir haben eine Vielzahl von Schädlingen vor uns, die in den ruhigen Tiefen von Bibliotheken sich an Holz und Papier delektieren. Immerhin gibt Aristoteles‘ Bezeichnung Wurm Haarkötter die Gelegenheit zu einem philologisch-literaturwissenschaftlichen Exkurs zum Wort ‚Wurm‘ und dessen Verwendung. Von der Antike bis in die beginnende Neuzeit bezeichnete dieses Wort nämlich jedes Tier mit einem länglichen Körper und keinen oder im Verhältnis zur Grösse des Rumpfs zu klein geratenen Extremitäten. Zwanglos landet Haarkötter so beim Lindwurm, dem Drachen, dessen Blut bekanntlich Siegfried unverwundbar machte. (Dass Siegfried ganz offenbar mehr ein Mann der Muskeln als des Geistes gewesen ist, zeigt sich daran, dass er nicht in der Lage war, darauf zu achten, dass wirklich jeder Körperteil gründlich mit der Sauce eingerieben wurde – aber mit dieser Bemerkung habe ich Haarkötter auch schon hinter mir gelassen.)

Die beste Schädlingsbekämpfung im Falle des Bücherwurms ist es – den Nützling Bücherwurm einzusetzen. Das Lesen der Bücher, das Ein- und Umsortieren der Regale, stören den Schädling, egal, welcher zoologischen Klasse er im Einzelnen zuzuordnen ist. Er meidet solche Gegenden. Im zweiten Teil des Buchs haben wir also den Bücherwurm im metaphorischen, auf den menschlichen Leser bezogenen Sinn, vor uns. Was ich nicht wusste: zumindest im Deutschen war es kein geringerer als Gotthold Ephraim Lessing, der diese Metapher einführte. In seinem frühen Lustspiel Der junge Gelehrte wird ebendieser Protagonist abschätzig als Bücherwürmlein bezeichnet. Der Zeitpunkt des Auftretens dieses Wortes ist nur konsequent. Es war auch das Zeitalter der Aufklärung, in dem das Drucks- und Verlagswesen einen ungeheuren Aufschwung erlebte. Der Bücher auf dem Markt wurde es immer mehr; die Bücher wurden immer billiger, und das Publikum ging vom intensiven zum extensiven Lesen über. Das heisst, dass man nicht mehr dieselben paar Bücher immer wieder las, sondern immer neue Bücher – diese dafür nur ein- oder zweimal.

Allerdings ist das Verhalten des Nützlings Bücherwurm dem Buch oft auch schädlich. Haarkötter vertritt – nicht ganz zu Unrecht, wie ich finde – die These, dass auch Bücherverbrennungen das Werk von Bücherwürmern sind. Nur ein Bücherwurm kann auf die Idee kommen, der Inhalt eines Buches sei von solcher Wichtigkeit und von solchem Einfluss, dass es sich lohnt, gegen eben dieses Buch vorzugehen. (Dass die untersten, die ausführenden Organe – z.B. im Nationalsozialismus – kaum mehr Bücherwürmer gewesen sind, lässt Haarkötter beiseite. Bei diesen spielte wohl eher der Hass auf den Intellektuellen, der lesen und schreiben nicht nur kann, sondern es auch noch gerne tut, eine Rolle – und so ist bei jenen Leuten wohl bis heute. Dieser mit sehr viel Furcht vermischte Hass hat schon im Mittelalter aus dem grossen Intellektuellen Albertus Magnus im Volksmund und -glauben einen Zauberer gemacht. Zauberern macht man den Garaus, und mit dem Faszinosum ‚Zauberer‘ machte erst vor kurzem noch die Harry-Potter-Reihe viel Geld.)

Und dann gibt es da noch jene privilegierte Sorte Bücherwurm, die am meisten Schaden anrichten kann: den Bibliothekar. Nicht, dass Haarkötter prinzipiell etwas gegen Bibliothekare hätte (Jorge Luis Borges ist sogar einer von denen, die in den den Kapitel-Titeln folgenden Zitatfetzen aufgeführt ist), aber er erzählt auch die Geschichte von ‚Deakzessionierungen‘. Im Zeitalter anderer Massenspeichermittel verliert das recht sperrige und voluminöse Buch an Fürsprechern gerade bei jenen, die eigentlich welche sein sollten. In den USA wurden und werden am Laufmeter Bücher gescannt (wofür sie m.W. auseinander genommen werden müssen) und nur noch als Mikrofiche oder elektronisch aufbewahrt. Die katholische Universität Eichstädt hat

im Jahr 2007 gut 80 Tonnen Bücher aus den Beständen der bayerischen Kapuziner in den Müllcontainer geworfen. Das waren 1400 Bücherkisten mit zum Teil mehr als 200 Jahre alten Werken, die ohne jede Überprüfung in den Müll wanderten.

Kein Wunder reagierte damals Hans Magnus Enzensberger recht geharnischt in der FAZ über diesen ins Innere der Bibliotheken vorgedrungenen Feind.

Das Büchlein endet mit einem Ausblick auf die Zukunft des (gedruckten) Buchs im Zeitalter des e-books. Aber zum e-book hat Haarkötter nur wenig zu sagen, und dieses Kapitel ist das unbefriedigenste im ganzen Büchlein, das ansonsten nicht nur höchst informativ und belesen ist und in bibliophiler Aufmachnung daher kommt, sondern das auch eine sehr vergnüglich Lektüre darstellt. Möchte doch jede Dissertation eine Fussnote aufweisen, die der Nukleus eines solchen Büchleins wird. Oder, um im Bild zu bleiben: eine Fussnote, die das Ei darstellt, aus dem ein weiterer Bücherwurm schlüpft.

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