Franz M. Wuketits: Was Atheisten glauben

Dieses Buch unterscheidet sich von vergleichbaren Werken dadurch, dass es auf eine ausführliche, philosopische Analyse von Gottesbeweisen (wie etwa bei Mackie) oder philologische Untersuchungen (wie bei Flasch) weitgehend verzichtet, sondern vielmehr die Gründe darlegt, weshalb ein wissenschaftlich auch nur halbwegs gebildeter Mensch heute schizophreniefrei nicht mehr an Gott glauben kann. Und Wuketits führt Gründe an, weshalb ein atheistisches Leben kein nihilistisches Leben sein muss (eigentlich auch gar nicht sein kann) und warum es keiner transzendenten Sinngebung bedarf.

Wuketits ist nicht nur Philosoph, sondern auch und vor allem Biologe und Paläontologe und argumentiert daher auf evolutionär-naturwissenschaftlicher Basis. Tatsächlich sind die Religionen jedweder Provenienz seit Darwin im Grunde genommen obsolet geworden: Wir sind eine vor etwa 5 Millionen Jahren entstandene Tierart, unterscheiden uns von unseren Verwandten (Schimpansen, Bonobos, Gorillas) nur marginal und sind durch nichts berechtigt, unserem zufälligen Dasein etwas Besonderes (oder gar Gottgleichheit – was immer das dann sein soll) zuzusprechen. Unsere Gottesvorstellungen haben offensichtlich sehr viel mehr mit der psychologischen Befindlichkeit des Menschen zu tun, mit seinem Wunsch, verbindliche Erklärungen für Unverständliches zu finden bzw. mit der Schwierigkeit, den eigenen Tod zu “denken”. Aber angesichts unserer heutigen Erkenntnisse Märchen und Mythen (von geopferten Gottessöhnen oder wiedergeborenen Seelen) für wahr zu halten ist nur möglich, indem man die Heranwachsenden entsprechend indoktriniert: Ohne diese Überlieferungen aus archaischen Zeiten käme niemand mehr auf die Idee, die phantasievollen Welterklärungensmodelle von annodazumal für wahr zu halten. Man muss schon einen sehr biegsamen (und wiederum kreativen, wohl aber auch schizoiden) Geist sein eigen nennen, um die monotheistischen Religionen (oder auch den Hinduismus oder Buddhismus) mit einer 4,5 Milliarden Jahre alten Erde, mit Menschen, die sich aus vor 3,5 Milliarden Jahren erstmals nachgewiesenen Einzellern entwickelt haben, in Einklang zu bringen. So wie wir vor diesen Zeitspannen nicht existiert haben, so sicher werden wir auch in Zukunft nicht mehr in unserer jetzigen Form existieren, werden uns entweder völlig verändern (so wie wir mit dem kleinen, am ehesten einer Maus vergleichbaren Säugetier, das vor 65 Millionen Jahren unser Ur-ur-ur-Ahne war, keine Ähnlichkeit mehr aufweisen) oder aber – wie die meisten Arten auf unserer Erde, aussterben. (Ob wir dieses Aussterben selbst verursachen oder es als Folge eines natürlichen Ereignisses eintritt ist dabei völlig irrelevant.)

Angesichts der Faktenlage bedarf es also schon einer gewaltigen, anti-wissenschaftlichen Anstrengung, den Gottesglauben aufrecht zu erhalten. Vorstellungen vom ewigen Leben des Einzelnen (einer Weiterexistenz einer Seele*, von der man nicht weiß, was sie ist oder sein soll) sagen etwas über die Wunschvorstellungen des Betreffenden, aber nichts über die Realität aus. Da also vom wissenschaftlichen Standpunkt aus der Gottesglauben unrettbar ist, bleibt noch die moralische Argumentationsweise: Gott oder eine entsprechende Wesenheit wären für das gedeihliche Miteinander unabdingbar. Dagegen wäre aber einzuwenden, dass der Gottesbegriff in der Geschichte sehr häufig ein Grund für die Tötung anderer (aus den – in fast allen primitiven Kulturen bestehenden Tötungsverboten – sind die “anderen”, die nicht zum Stamm gehörenden, immer ausgenommen, wovon schon das alte Testament und sein “lieber” Gott zeugt, der Midianiter, Pharisäer & Co. (5. Buch Mose) auszurotten befiehlt), sehr selten aber für Mitmenschlichkeit in Anspruch genommen wurde. Das, was wir als moralisches Verhalten bezeichnen (Empathie, Nächstenliebe, die aber ohne Selbstliebe nicht denkbar ist), ist ebenso evolutionär entstanden wie unsere physischen Eigenheiten: Das Zusammenleben in Gruppen bringt automatisch einen bestimmten Verhaltenskodex mit sich (was sich bei vielen Säugetieren beobachten lässt), wobei ein Übertreten dieser unausgesprochenen Ordnung von der Gruppe entsprechend geahndet wird. “Mitmenschliches” Verhalten ist also nichts anderes als ein evolutionär und für den einzelnen offenbar günstiges und daher auch natürliches Verhalten. Kaum jemand kommt als Massenmörder zur Welt (und ein solcher Typus würde sich wohl evolutionär nicht bewähren) und kaum jemand wurde von irgendwelchen Schandtaten durch seinen Glauben an ein überirdisches Wesen abgehalten (sondern eher dazu angeleitet**).

So bleibt einzig der “Sinn des Lebens”, der – wenn absolut gedacht – häufig auf den Gottesbegriff rekurriert. Allerdings ist auch eine solche “absolute Sinngebung” höchst fragwürdig: Angesichts der uns umgebenden Welt, des Kosmos mit seinen “unendlichen Weiten”, einer kontingenten Natur, müssen wir wohl dem Verdacht Ausdruck verleihen, dass dies alles im menschlichen Sinne vollkommen sinnlos ist. Nirgendwo findet sich ein Hinweis auf einen “höheren” Sinn, nirgendwo ein telos oder eschaton, auf das die Welt zusteuert, sondern Leere und Zufälligkeit. So ist das Ergebnis auch hier höchst trivial: Der Sinn kann nur in uns selbst gefunden werden, in dem, was dem Menschen Freude macht, was ihn “erfüllt”. Das impliziert keineswegs einen kruden Egoismus: Denn fast alle Menschen fühlen sich in netter Gesellschaft glücklich, freuen sich über das Lachen eines Kindes, über ein geglücktes Unternehmen und fühlen sich bemüßigt, diese ihre Freude anderen mitzuteilen (sie mit diesen anderen zu teilen). Ein hedonistisches Leben ist keineswegs mit einem egoistischen Leben gleichzusetzen (wie dies von religiöser Seite häufig behauptet wird): Gerade Freude und Glück sind Dinge, die nach außen drängen, nach Mit-Teilung. Hingegen belegen Religionen diese Freuden (vor allem wenn sie körperlicher, gar sexueller Natur sind) häufig mit widernatürlichen Verboten, fordern Askese und verhindern so ein zufriedenes Dasein (wer kennt nicht den moralinsauren sonntäglichen Kirchengänger, der vorwurfsvoll auf lachende oder lärmende Jugend blickt und in seiner selbstgefälligen Sündlosigkeit totunglücklich ist).

Das ist nun eine recht freie Zusammenfassung dessen, was Wuketits in diesem Buch geschrieben hat – aber sie dürfte mit den Intentionen des Autors weitgehend übereinstimmen. Ich kann jedenfalls die von manchen Seiten geäußerte Kritik, es würde sich hier um eine recht billige Auseinandersetzung mit dem Thema des Atheismus handeln, nicht teilen. Denn um vernünftigerweise Atheist zu sein (in dem Sinne, in dem man auch A-Feeist oder A-Dämonist ist) muss man keineswegs eine tiefsinnige Analyse des ontologischen Gottesbeweises von Anselm über Descartes bis Hegel schreiben, auch nicht, wie Kurt Flasch, seine areligiösen Überzeugungen durch philologische Untersuchungen an den heiligen Quelltexten belegen, sondern sich nur seines Hausverstandes bedienen und sich mit den gängigen naturwissenschaftlichen Theorien vertraut machen. (Das wäre im übrigen – im Gegensatz zum Religionsunterricht – die Aufgaben der Erziehungs- bzw. Lehrberechtigten.) Der Atheismus ist so selbstverständlich wie der Unglaube an ein phantastisches Feen- oder Zwergenreich – und er bietet in Bezug auf Lebenssinn und Moralität wesentlich mehr als doktrinäre Glaubensvorstellungen: Vor allem hat er den Vorteil des Undogmatischen, der Möglichkeit, seine Einstellungen bei Bedarf zu modifizieren.

So ist dieses Buch für mich das natürlich, selbstverständlich anmutende (aber nicht selbstverständlich seiende) Bekenntnis eines Menschen, der ein wenig über diese Problematik nachgedacht hat. Dass es nicht “tiefsinniger” ist, liegt am Gegenstand: Gott ist nicht tiefsinnig, sondern eine recht platte, menschliche (und meist unmoralische) Phantasie.


*) Ich frage mich angesichts der Evolutionstheorie immer, ab welchem Zeitpunkt der Mensch plötzlich beseelt war und deshalb seine Unsterblichkeit erlangt hat. War das schon bei Lucy vor 5 Millionen Jahren so – beim homo sapiens vor 100 000 Jahren oder erst mit Beginn der Landwirtschaft vor 10 000 Jahren? Und was unterschied den ersten, beseelten Menschen von seinem Vorfahren, der ein solches Seelending noch nicht sein eigen nennen und deshalb auch keine Ewigkeit für sich in Anspruch nehmen konnte? Oder sind alle Lebewesen beseelt – oder nur die Säugetiere? Aber das schiene mir doch eine willkürliche Ungerechtigkeit gegenüber den Vögeln und Wirbellosen. Wir schaut’s aber dann mit den Einzellern aus – und wenn man die als seelenlos bezeichnet: Wo und wann und wie geschah dann wiederum der Übergang vom Seelenlosen zum Beseelten? Eine solche Seelenannahme kann wohl tatsächlich nur mit einer Art göttlichem Funken und damit genuin märchenhaft erklärt werden. Diese Argumentation lässt sich auch auf die Dualisten unter den Philosophen anwenden: Wieder müsste man definieren, wann denn nun “Geist” auftritt, ob es denn ein “bisschen” Geist gibt (in der Katze oder im Grottenolm) oder ob das, was wir Geist nennen, nicht doch eine bloße Funktion einer mehr oder minder komplexen Steuerungseinheit namens Gehirn ist.

**) So nebenbei: 99 % aller in den USA Inhaftierten geben an, ein inniges Verhältnis zu Gott zu haben.

Franz Wuketits: Was Atheisten glauben. München: Gütersloher Verlagshaus 2014.

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