Karl Löwith: Weltgeschichte und Heilsgeschehen

Der Untertitel dieses Buches lautet „Die theologischen Voraussetzungen der Geschichtsphilosophie“ und präzisiert den Titel, der eigentlich Weltgeschichte vs. Heilsgeschehen lauten müsste oder zumindest könnte. Löwith skizziert die geschichtsphilosophischen Entwürfe in umgekehrter, chronologischer Reihenfolge: Von Burkhardt bis Augustin und Orosius, wobei er dann noch Ausführungen zur biblischen Auslegung der Geschichte anschließt. Diese a-chronologische Konzeption ist m. E. ein wenig gelungener Kunstgriff und auch die Verteidigung dieses Konzeptes hat mich nicht überzeugt: Löwith glaubt zwar (zu Recht), dass das metaphysische Ordnungsschema eines Burkhardt dem modernen Leser näher stehe, weshalb er aus didaktischen Gründen diesen Entwurf voranstellt. Damit verhindert er allerdings das Erkennen des historischen Kausalzusammenhangs, denn Burkhardt ist kein einsamer Denker, sondern entwickelt seine Geschichtsphilosophie als einen Gegenentwurf zu den historischen Schemata eines Hegel oder Comte. Der erwähnte Kausalzusammenhang lässt auch die Behauptung, dass „eine angemessene Erfassung von Geschichte und ihrer historischen Ausdeutungen […] rückläufig vorgehen muss“ zweifelhaft erscheinen. Wenn man sich der „gegenwartsbedingten Beweggründe“ für die Beschäftigung mit Geschichte bewusst ist, muss man keineswegs ständig auf diese Weise zurückgehen, um den Zweck von Geschichtsforschung nicht aus den Augen zu verlieren. Zum dritten glaubt Löwith, dass „wir uns mehr oder weniger am Ende des historischen Denkens befinden“ und seine Vorgehensweise dadurch rechtfertigen zu können. Auch dies scheint eine bloße Behauptung (das Buch ist 1953 erschienen), wenigstens führt er keine plausiblen Gründe für dieses „Ende der Geschichte“ an, dies erinnert vielmehr an zahlreiche andere Geschichtsphilosophen, die samt und sonders immer am Ende, am Beginn oder einfach nur zu einer alles entscheidenden Zeit zu leben vermeinten, um ihren Systemen das entsprechende Gewicht zu verleihen.

Aber von dieser Art der Darstellung abgesehen handelt es sich um ein sehr gehaltvolles, geistreiches Buch, das die Entwicklung von Geschichtskonzeptionen von der Antike bis zur Gegenwart eindrücklich nachzeichnet. Grundsätzlich muss zwischen der antiken (griechischen) und der späteren christlich-heilsgeschichten Auffassung unterschieden werden. Für die antiken Denker war die Geschichte in einen ewigen Kreislauf eingebunden, ein Kreislauf, der ein bestimmtes Ziel von vornherein ausschloss. Geschichte strebte auf keine Vollendung zu, es gab kein telos, sondern die Darstellung dessen, was geschehen ist (Thukydides). Mit dem Auftreten des Christentums ändert sich die Situation völlig: Nach Erscheinen des Jesus von Nazareth als Christus wird die Weltgeschichte bedeutungslos, die Heilsgeschichte mag sich zwar mit bestimmten politischen Ereignissen kreuzen (und in der heilsgeschichtlichen Konzeption wird die politische Geschichte häufig als Zweck betrachtet, etwas, das schon im Alten Testament offenbar wird, wenn die verschiedenen Reiche der Babylonier oder Perser nur im Hinblick auf ihre Behandlung des auserwählten Volkes von Belang sind, Nebukadnezar oder Kyros sind bloße Handlanger der Vorsehung bzw. Gottes, um dessen Absichten umzusetzen), diese politischen Ereignisse sind aber an sich kontingent und werden – etwa bei Augustinus oder Orosius – bedeutungslos.

Diese Geschichtsentwürfe auf ein telos hin sind bis Hegel und Comte der Regelfall: Und dieses telos wird nach Löwith auch durch den im 17. Jahrhundert aufkommenden Fortschrittsgedanken nicht verdrängt, sondern ersetzt. Waren die Joachimiten im Hochmittelalter noch vom Anbruch eines dritten (letzten), geistigen Zeitalters überzeugt (die Ära des Heiligen Geistes im Gegensatz zu jener des Vaters und des Erlösers) und betrachtet man die gesamte historische Entwicklung als von der Vorsehung geleitet, so wird dieser Gedankengang bei Giambattista Vico noch auf Gott hin interpretiert (hier ist Gott derjenige, der sich eben der Geschichte bedient), ebenso bei Bossuet, während Voltaire sich bereits über diese kurzsichtige Betrachtungsweise von Geschichte lustig macht (er war auch der erste, der den Chinesen, die in sämtlichen Geschichtsphilosophien wie selbstverständlich vernachlässigt wurden, einige Aufmerksamkeit schenkte). Er unterscheidet Vernunftwissen von Offenbarungsglauben und betrachtet den Geschichtsverlauf als keineswegs von einer höheren Macht, sondern von kontingenten Umständen abhängig. (Pangloß im Candide macht mit seiner von Leibniz inspirierten Auffassung der besten aller Welten eine höchst lächerliche Figur.)

Bei Hegel wird schließlich Gott durch die Vernunft ersetzt, die sich aber ebenso der Vorsehung bedient wie seinerzeit der Weltenschöpfer: Er spricht von der „List der Vernunft“, die bestimmte geschichtliche Personen benutzt, um eine vernünftige Zukunft zu verwirklichen. Diese List der Vernunft, die die Zukunft auf ein Ziel hin steuert, wird auch von Marx übernommen, die Herrschaft des Proletariats ist ebensowenig zu verhindern wie das jüngste Gericht nebst Wiederkunft des Erlösers für den Christen. Und auch Comte kann sich von diesem teleologischen Denken nicht lösen: Nur dass es für ihn nach dem religiösen und dem metaphyischen das Zeitalter des Materialismus und der Wissenschaft ist, das unweigerlich anbricht (und ebensolches Glück im Gepäck zu haben verspricht wie die kommunistischen und christlichen Visionen).

Erst bei Burkhardt wird von einem derartigen Denken Abstand genommen, er betrachtet die Geschichte als bloße Kontinuität, die Verteilung von Glück und Unglück als zufällig (und vom Standpunkt abhängig), übernimmt vom Christentum nur noch die (vorgestellte) moralische Integrität der frühen Christen und sieht den Sündenfall des Christentums darin, dass es sich in die weltlichen Belange hineinziehen ließ. Aber – und dies ist der Hauptunterschied – er bietet keinerlei geschichtsphilosophische Auflösung an, der Begriff des telos ist bei ihm obsolet geworden.

In einem Anhang geht Löwith (der als einer der besten Nietzsche-Kenner gilt) auf dessen – nur scheinbar an den alten Griechen sich orientierenden – Philosophie der ewigen Wiederkehr ein. Und er zeigt, dass Nietzsche hier sehr viel mehr ein Kind seiner eigenen Zeit war denn ein Bewahrer des antiken Gedankens, dass sein Übermensch auf eine Zukunft verweist, die den Griechen völlig fremd war, dass sein Denken – wie es im Untertitel von „Jenseits von Gut und Böse“ heißt, ein „Vorspiel zu einer Philosophie der Zukunft“ war. Das ist weder dionysisch noch apollinisch gedacht sondern klingt nach Erlösung – und ist genuin christlich. Die Worte, die der „letzte Papst“ zu Zarathustra spricht, sind auch für dessen Schöpfer mehr als treffend: „[…] du bist frömmer als du glaubst, mit einem solchen Unglauben! Irgendein Gott in dir bekehrte dich zu deiner Gottlosigkeit … In deiner Nähe, ob du schon der Gottloseste sein willst, wittere ich einen heimlichen Weih- und Wohlgeruch von langen Segnungen: mir wird wohl und wehe dabei. Laß mich dein Gast sein … für eine einzige Nacht. Nirgends auf Erden wird es mir jetzt wohler als bei dir! – Amen. So soll es sein sprach Zarathustra mit großer Verwunderung …“ Nietzsche war ein religiöser Denker par excellence – gerade dort, wo er mit viel Pomp und Pathos Gottes Tod zelebrierte.

Das Buch ist eine ausgezeichnete Zusammenstellung historischer Entwürfe der letzten 2000 Jahre, die von einem brillianten Geist und großem Wissen zeugen. Selbstverständlich wird man nicht überall mit den Ansichten des Autors übereinstimmen, so spürt man besonders seine Skepsis gegenüber jedem Fortschrittsgedanken, der ganz offenbar auf den gerade erst beendeten Zweiten Weltkrieg zurückzuführen ist. Jeder ist Kind seiner Zeit, so auch Löwith, für den im Nachwort der Untergang Europas und die aufsteigende Macht Russlands bereits feststand. Aber er macht selbstverständlich nicht den Fehler all der besprochenen Historiker und Philosophen, die da zu wissen glaubten, was die Zukunft bringen würde. Man spürt nur eine leise Resignation.

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Ein Kommentar zu Karl Löwith: Weltgeschichte und Heilsgeschehen

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