G. E. Lessing: Laokoon

Mit vollem Titel heisst dieses 1766 erschienene und für die deutsche Literatur, v.a. die deutsche Klassik, bedeutend gewordene Werk: Laokoon oder über die Grenzen der Malerei und Poesie. Mit beiläufiger Erläuterung verschiedener Punkte der alten Kunstgeschichte. Der volle Titel deutet es an: Lessing bewegt sich hier – wie eigentlich immer in seinen theoretischen Schriften – an der Grenze zur Essayistik. Stilistisch eindrucksvoll, ja perfekt; inhaltlich leicht mäandernd.

Ausgangspunkt von Lessings Überlegungen wird eine Bemerkung Winckelmanns in jenem andern für die deutsche Klassik bedeutungsvollen Werk Von der Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst, wo sich Winckelmann der sog. Laokoon-Gruppe gewidmet hat, einer nicht ganz vollständig überlieferten Marmor-Skulptur aus der Antike, die darstellt, wie der trojanische Priester Laokoon zusammen mit seinen beiden Söhnen von Schlangen verschlungen wird. Diese Schlangen hat Athene gesandt, um zu verhindern, dass Laokoon mit seinen Warnungen vor dem trojanischen Pferd bei seinen trojanischen Landsleuten Erfolg habe. Die Darstellung des Schmerzes der drei Angegriffenen, ihres Todeskampfs, faszinierte Winckelmann – und in seinem Gefolge auch Lessing.

Lessing verglich die Darstellung Laokoons in der Skulptur mit der in Vergils Äneis und leitet daraus ein prinzipielles Unterscheidungsmerkmal der bildenden Künste einerseits, der Literatur andererseits ab: Ob Malerei oder Bildhauerkunst – die bildenden Künste stellen immer Momantaufnahmen dar. Die Literatur hingegen erzählt eine Geschichte, liefert ein Vorher und ein Nachher zur Momentaufnahme der Schwesterkunst. Daraus ergeben sich verschiedene Regeln für die beiden Kunstformen. Während z.B. Laokoon bei Vergil im Todeskampf schreien darf, ja muss, wäre die Darstellung eines schreienden Menschen in der Bildhauerei zur Lächerlichkeit verdammt. (Das weiss heute jedes Kind, das mit der Stopp-Funktion der Fernbedienung einen Film an den unpassendsten Momenten anhält. Das weiss auch die Presse, die je nach Gesinnung gegenüber dem jeweiligen Politiker, mehr oder weniger hässliche Momentaufnahmen, also Fotos, desselben in ihre Artikel setzt.)

Lessing verlässt die antike Statue über lange Strecken seines Aufsatzes und widmet sich vor allem der Literatur. Denn von der Tatsache, dass die Literatur und nur die Literatur dem Leser Handlung vor Augen führen kann, geht er zur Forderung über, dass die Literatur dem Leser Handlung vor Augen führen soll. Vielleicht müsste man eingrenzend sagen, dass Lessing nur vom Epos spricht; Lyrik und Dramatik sind im Laokoon ausgeklammert. Lessing kritisiert Vergil dafür, dass er den Schild des Äneas eben nur schildert, während Homer in der Szene, die für den Römer zur Vorlage wurde, die einzelnen Teile des Schildes des Achilles nicht einfach so darstellt, sondern den Leser / Zuhörer an der Verfertigung dieser Teile und am Zusammenfügen teilhaben lässt. Meine Addition des Wörtchens ‘Zuhörer’ zeigt bereits einen Grund für das unterschiedliche Vorgehen der beiden Dichter auf, den Lessing, wenn ich das richtig sehe, ignoriert: Homers Epos war für den mündlichen Vortrag konzipiert, und damit für Zuhörer, die einem Text anders folgen als ein Leser. Zu Vergils Zeiten wurde bereits für Leser geschrieben. Lessing aber hat weder Auge noch Ohr für Epik, die Natur schildert, und so kommt Albrecht von Hallers Die Alpen ganz schlecht bei ihm weg. (Brockes scheint er nicht gekannt oder einer Erwähnung nicht für würdig gehalten zu haben.)

Im Übrigen verliert sich Lessing, wie immer in seinen Kritiken, gern in Details – sei es nun philologischer, sei es kunstkritischer Natur. Aber nur schon auf Grund der hohen Sprachkunst, die Lessing allen seinen Werken angedeihen lässt, ein Text, der die Lektüre lohnt.

PS. Hirts Kritik an der Laokoon-Interpretation der Zeit trifft Lessing nur ganz am Rande – dort diskutiert vor allem ein Kunsthistoriker mit einem andern. Lessing, der Polyhistor, liefert zu wenig Details.

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