Gary Cox: Wie werde ich Philosoph?

Schon der Titel verrät, dass es sich hier nicht um eine philosophische Studie mit besonderem Tiefgang handelt, zu deren Verständnis umfangreiche Spezialkenntnisse notwendig wären. Aber ich habe ein gewisses Faible für solche semi-philosophischen Bücher, die denn häufig auch einiges Interessantes zu bieten vermögen.

Und als so ganz misslungen würde ich dieses Werk denn auch nicht bezeichnen (obschon es für einen auch nur wenig mit der Philosophie Vertrauten kaum Neues bieten wird). Der Versuch, das Philosophieren über den grundsätzlichen Zweifel an allem und jedem aufzubauen, ist ein durchaus guter Ansatz, der kurze Ausflug in die Moralphilosophie einigermaßen gelungen, auch die Ausführungen zu Sartre lesbar. Aber insgesamt vermittelt das Buch kaum einen Einblick in das Denken der Philosophen oder gar in dessen historische Abfolge (und immer wieder an solcher Stelle die Empfehlung an alle Philosophieinteressierten (und auch an diejenigen, die einen entsprechenden Abschluss haben), sich Musgraves “Alltagswissen, Wissenschaft und Skeptizismus” zuzulegen: Nirgendwo wird sowohl der Kern als auch die Geschichte der Erkenntnistheorie besser, fundierter dargestellt), der Autor befleißigt sich einer “lockeren” Sprache, die nicht jedermanns Sache ist und meint, mit allerlei Anekdoten und Bemerkungen seine Ausführungen unterstützen zu müssen.

In diesem Anekdotischen aber spiegelt sich auch die philosophische Nachlässigkeit: So etwa wird Wittgenstein der Verschwendung seines Reichtums bezichtigt, weshalb er sich später als Professor in Cambrigde durchschlagen musste und von Schopenhauer weiß Cox gar zu berichten, “dass er abseits seines Nihilismus ein heiterer Geselle und liebevoller Vater” gewesen sei, “der jeden Morgen auf seiner Flöte gespielt habe”. Nun ist es wahrlich nicht notwendig, dass ein Philosophieprofessor über das Leben längst verstorbener Denker genau Bescheid weiß, es zeugen allerdings die beiden erwähnten Beispiele (Fehlinformationen dieser Art gibt es noch mehr im Buch) von einer doch beachtlichen Ignoranz gegenüber der Philosophie: Denn Wittgensteins Denken ist von seinem Leben nur schwer zu trennen – und auch Schopenhauers verächtliches Frauenbild erst vor dem Hintergrund seines verqueren Verhältnisses zur Frau (und zur Familie) zu verstehen. Weniger verheiratet zu sein als Schopenhauer* ist schwer vorstellbar: Selbst einem Kantschen Familienleben verwehrt sich die Phantasie nicht in diesem Ausmaß.

Wenn denn ein Autor schon glaubt, die Verkaufszahlen seiner Bücher durch allerlei Privates und diverse Geschichtchen steigern zu müssen, sollte er ein Mindestmaß an Sorgfalt walten lassen: Ansonsten wirkt das wie im vorliegenden Fall doppelt peinlich. Leider ist seine Herangehensweise auch bezüglich philosophischer Probleme – vorsichtig ausgedrückt – nachlässig: Vom Wiener Kreis weiß er nur etwas über das Verifikationsprinzip, von Hume behauptet er, dass dieser festgestellt habe, “dass es die Natur selbst und nicht das metaphysische Nachsinnen sei, die die hartnäckigsten und verstörendsten philosophischen Zweifel und Probleme säe”. Und entblödet sich nicht, im Anschluss an diesen Satz jenes Zitat Humes zu bringen, dass das genaue Gegenteil davon sagt (was ja auch die Meinung Humes war): “Da die Vernunft unfähig ist, diese Wolken zu zerstreuen, so ist es ein glücklicher Umstand, dass die Natur dafür Sorge trägt und mich von meiner philosophischen Melancholie und meiner Verwirrung heilt, sei es, indem sie die geistige Überspannung von selbst sich lösen lässt, sei es, indem sie mich aus ihr durch einen lebhaften Sinneseindruck, der alle diese Hirngespinste verwischt, gewaltsam herausreißt”. (meine Hervorhebung)

Mit diesem Buch wird man also eher kein Philosoph werden, sondern mit zweifelhaften bis falschen Erkenntnissen versorgt, die das Buch schon wegen ihrer Häufigkeit zu einem fragwürdigen Elaborat machen (dazu passen noch die unzähligen Fehler im Buch: Natürlich keine Rechtschreib- oder Tippfehler – da sei der Computer davor – aber zahlreiche Fallfehler, Verwechslungen von “die”, “sie”, sinnlose Wortkombinationen u. v. m. Der Theiss-Verlag, ein Imprint der WBG, zeichnet dafür verantwortlich.) Cox wollte offenbar Geld verdienen (woran nichts Schändliches ist), ohne aber die notwendige Kompetenz zu besitzen und/oder sich die entsprechende Mühe machen zu wollen. Das mit dem Verdienen könnte trotzdem klappen: Denn auf Amazon bekam das Buch fünf Punkte. Ich hingegen rate von einem Kauf des Buches ab. (Andere philosophische Einführungen – von Musgrave abgesehen – sind bei weitem vorzuziehen: Etwa Rafael Ferbers Buch “Philosophische Grundbegriffe”.)


*) “Heiraten heißt, mit verbundenen Augen in einen Sack greifen und hoffen, dass man einen Aal aus einem Haufen Schlangen herausfinde.”

Gary Cox: Wie werde ich Philosoph? Darmstadt: WBG 2015.

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