Gunnar Andersson: Kritik und Wissenschaftsgeschichte

Dissertationen und Habilitationschriften zeichnen sich normalerweise nicht gerade dadurch aus, dass sie für Otto Normalverbraucher lesbar sind, oder auch nur interessant – zu fachspezifisch ist meist ihr Thema, zu verwickelt und voller Fachtermini ihr Stil. Das ist an und für sich nichts Schlechtes, sondern eine normale Konsequenz der immer weiter führenden Spezialisierung in allen Wissenschaften. Hier aber haben wir eine Habilitation vor uns, die für einmal sehr gut lesbar ist und auch Otto Normalverbraucher, der ein bisschen über den Tellerrand seiner Liebesschmonzetten oder SF-Fantasy-Horror-Stories gucken möchte, zugänglich ist.

Ausgangspunkt von Anderssons Kritik und Wissenschaftsgeschichte ist Karl Raimund Popper. Der Wissenschaftstheoretiker Popper kritisierte in der Logik der Forschung (1934) die Sicht des damals herrschenden logischen Positivismus, der für die Naturwissenschaften die sog. empiristische Methode postulierte. Diese Methode geht von einem systematischen Sammeln von Fakten aus, die in logischen Protokollsätzen festgehalten werden. Mittels Induktion wird dann auf allgemeingültige Naturgesetze geschlossen, entweder mit dem Anspruch auf Sicherheit, oder zumindest auf eine hohe Wahrscheinlichkeit. Diese Ansichten vertraten von Aristoteles und Francis Bacon ausgehend die meisten Wissenschaftstheoretiker. Popper unterstrich demgegenüber noch einmal die Überlegung David Humes, dass man aus formallogischen Gründen aus Einzelfällen kein allgemeines Gesetz ableiten, sondern nur allgemeine Sätze widerlegen kann. Anders gesagt: Man kann keine wissenschaftlichen Theorien verifizieren, sondern sie höchstens im Laufe der Forschung falsifizieren.

Dieser Ansicht Poppers erwuchs in den 1970er Jahren ziemlicher Widerstand. Ich erinnere mich noch gut an das Rauschen im philosophischen Blätterwald, das Kuhns Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen und  Feyerabends Wider den Methodenzwang verursachten. Anderssons Habilitation nun ist eine Auseinandersetzung mit den Positionen von Kuhn und Feyerabend. (Sowie von Imre Lakatos, aber dessen Werk habe ich nicht gelesen und lasse es deshalb aussen vor.)

Kuhn wie Feyerabend gehen davon aus, dass Poppers Falsifikations-Theorie nicht stimmt, wissenschaftliche Theorien auch nicht falsifiziert werden. Anhand verschiedener Beispiele aus der Wissenschaftsgeschichte will Kuhn aufweisen, dass Vertreter einer ‘neuen’ Theorie in einer andern Welt leben als die der ‘alten’. Er verwendet als Illustration das bekannte Vexierbild aus Wittensteins Philosophischen Untersuchungen, das je nach Auffassung ein Häschen oder ein Entchen darstellt. Feyerabend geht noch weiter als Kuhn und postuliert, dass wissenschaftliche Theorien im Grunde genommen gar nicht auf rationaler Grundlage akzeptiert oder diskutiert würden, sondern wie politische oder religiöse Grundannahmen verankert sind. Ein Wechsel vom Newton’schen zum Einstein’schen Weltbild z.B. entspricht nichts Minderem als einer Konversion, und um eine solche Konversion zu erzielen, braucht es nicht logisch-wissenschaftliche Überzeugungskraft, sondern Reklame und Macht. Man hat deshalb Feyerabends Position auch als anarchistische bezeichnet.

Andersson nun gelingt es, nachzuweisen, dass sowohl Kuhns wie Feyerabends Positionen wissenschaftsgeschichtlich nicht gültig sind, und auch nicht wissenschaftstheoretisch-logisch. Er kann das, indem er die wissenschaftliche Theorie nicht als Monolithisch-Ganzes betrachtet, sondern als ein System von logisch miteinander verbundenen Haupt- und Hilfssätzen. So ist es nicht unbedingt nötig (und wird wissenschaftsgeschichtlich wohl auch selten bis nie der Fall sein), dass eine ganze Theorie falsifiziert wird. Es bleiben immer Haupt- oder Hilfssätze, die zum Bau der neuen Theorie mit verwendet werden. Wenn Aristoteles bewiesen hat, dass sich die Erde nicht bewege, weil sonst ein Stein, den man von einem Turm aus fallen lässt, schräg vom Turm wegfallen würde, so hat Galilei ‘nur’ die hierin implizierte Hilfshypothese einer nicht-vorhandenen Trägheit in Frage gestellt. Damit fiel Aristoteles’ Theorie als Ganzes zusammen. Auch die Vertreter der Phlogiston- und der Sauerstofftheorie lebten keineswegs in verschiedenen Welten, wie es Kuhn behauptet. Sie hatten im Gegenteil dasselbe Phänomen vor sich, und konnten auch darüber fachsimpeln. Nur einige ihrer Hilfshypothesen waren unterschiedlich, und die Diskussion ging genau darum, welche der Hilfshypothesen als falsifiziert zu betrachten seien. Manche Hilfshypothesen sind allerdings recht tief im System versteckt, so musste z.B. bei Herschels ‘Entdeckung’ des Georgssterns (heute: Saturn) die nicht unbedingt den Wissenschaftern der Zeit bewusste Hilfshypothese, dass Beobachtungen von blossem Auge sicherer und genauer seien, als welche mit Hilfe von Teleskopen, in ihr Gegenteil verkehrt werden.

Andersson legt seine ‘Rettung’ des kritischen Rationalismus in sieben Kapiteln dar. Ein achtes dient als Zusammenfassung. Ein neuntes beinhaltet die logische Formulierung von Anderssons Theoremen. Ich kann mich der Meinung von scheichsbeutel nur anschliessen:

Beeindruckt hat mich an Anderssons Beweisführung vor allem der „logisch-technische“ Teil, der ein wunderbarer Beweis dafür ist, dass derlei nicht hochkompliziert oder abgehoben sein muss. Fast alle seine Formeln sind von Beispielen (nichts wichtiger in solchen Dingen als Beispiele) begleitet; die Auslagerung der Theoreme über Prognosededuktion, bedingte Voraussage und Falsifikation in den Anhang (wobei auch diese rein theoretischen Teile von seltener Klarheit sind, alle Ableitungsschritte werden dargelegt und können leicht nachvollzogen werden) verhindert, dass man sich in diesen theoretischen Ausführungen verliert. (Hier zu finden.)

Eilige Leser können auch nur das 8. Kapitel lesen 🙂 . Den übrigen empfehle ich das ganze, mit 200 Seiten auch recht schmale Büchlein.

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