Carlo Emilio Gadda: Die Erkenntis des Schmerzes

Nur selten habe ich mir schwerer getan bei der Beschreibung, Bewertung eines Romanes. „Die Erkenntnis des Schmerzes“ ist ein seltsames Stück Literatur, vielleicht unübersetzbar (aber das vermag ich mangels Kenntnis des Italienischen nicht zu beurteilen), es ist Fragment (zumindest gibt es einen später entstandenen Schluss, der in die Romanausgabe nicht aufgenommen wurde) und besteht aus teilweise höchst abenteuerlichen Wortkaskaden, die mich manchmal amüsiert, häufiger aber ratlos zurückgelassen haben.

Die Handlung spielt in einem fiktiven südamerikanischen Land (wohl eine Vorsichtsmaßnahme des Autors, da es im Buch einige kritische Anspielungen auf das faschistische Regime im Italien der 30er gibt: Gadda war zwar der faschistischen Partei 1921 beigetreten, stand ihr aber in weiterer Folge distanziert gegenüber), einem kleinen Ort auf dem Land, in dem sich die saturierte Bürgerlichkeit ihre Villen erbaut hat. So auch der Vater von Gonzalo Pirobuttirro, der Hauptperson des Buches (und vermutlich das alter ego des Autors). Dieser Pirobuttiro ist das Paradebeispiel eines bürgerlichen Versagers: Intellektuell hochgebildet, aber unfähig, sich in irgendeiner Weise eine gesellschaftliche Stellung zu schaffen, aufbrausend, unberechenbar, mal verschwenderisch – dann wieder geizig und zutiefst egoistisch. Ein Hypochonder, mit der Welt zerfallen und zutiefst unglücklich lebt er mit seiner alternden Mutter in dem bröckelnden Gemäuer seiner Villa, ergeht sich in verächtlichen Tiraden über die Dienstboten, den besitzergreifenden Staat, die Ungerechtigkeit der Welt, um plötzlich wieder voller Hochachtung von den Menschen zu sprechen. (Dem Nachwort entnehme ich, dass der Roman mit der Ermordung der Mutter hätte enden sollen, wobei es zwar wahrscheinlich, aber nicht sicher ist, dass der Sohn zum Mörder wird.) Eingestreut in diesen Abgesang auf die Bourgeoisie sind amüsante Geschichten über das Wachpersonal einer dubiosen (wohl die faschistische Partei karikierende) Wachfirma, die sich vorgeblich den Schutz der Villen widmet, tatsächlich aber dem bloßen Geldverdienen und der Versorgung von Kriegsveteranen dient.

Die Sprache des Buches ist durchkomponiert, aber zumeist in einer Weise überbordend, voller Metaphern aus den unterschiedlichsten Bereichen (von der Mythologie bis zur Chemie und Physik), dass ein „normaler“ Lesefluss ein Ding der Unmöglichkeit ist, einige Male musste sogar der Übersetzer Zuflucht zu erläuternden Fußnoten suchen. Dazu gibt es Wortspiele, Verbindungen aus dem Lateinischen, Italienischen und Spanischen (angeblich verwendete Gadda auch lombardische Dialekte), Sinnbilder, die sich mir auch nach mehrmaligen Lesen nicht erschlossen haben, es findet ein seitenlanges, freies Assoziieren statt, dessen Bezug zur Handlung (mir) oftmals ein Rätsel blieb, es sind Sprachexplosionen, die – so mein Eindruck – als eigenständige Kunstwerke, um ihrer selbst willen eingestreut werden. Gadda hat den Roman angeblich unzählige Male bearbeitet und abgeändert, aber wohl kaum, um Klarheit oder Struktur in den Text zu bringen, sondern um weitere Arabesken dem ohnehin schon verwirrenden Sprachfluss hinzuzufügen. Über weite Strecken war dies weniger unterhaltend oder amüsant als vielmehr anstrengend, als ob da jemand einfach nicht wüsste, wohin mit all seinen Einfällen und schließlich alles ins Buch kippt: Was allerdings auch wieder ein schiefes Bild ergibt. Denn dass der Autor angestrengt und mit Akribie gearbeitet hat steht für mich außer Zweifel: Diese Müllhalde an Ideen ist das Bild dessen, der das Ganze liest: Also das Bild, das sich mir aufgedrängt hat.

Wahrscheinlich ist der Roman eine wahre Goldgrube für den Literaturkritiker: Mir aber schienen beim Lesen Aufwand und Ertrag in einem Missverhältnis zu stehen.


Carlo Emilio Gadda: Die Erkenntnis des Schmerzes. München: Piper 1963.

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