Arthur Schnitzler: Casanovas Heimfahrt

Casanova hat zu Stande gebracht, was wohl sonst keinem Menschen gelungen ist: Sein Name wurde zum Synonym für ‘Frauenheld’. Kein Wunder, hat sich auch die Literatur immer wieder mit Giacomo Girolamo Casanova beschäftigt.

Arthur Schnitzlers kleiner Roman schildert eine (fiktive) Episode aus Casanovas späte(re)m Leben. Casanova ist, wie uns schon der erste Satz informiert, unterdessen 53 Jahre alt. Seine Jugend ist vorbei, er wünscht sich im Grunde genommen nur noch ein geruhsames Alter und möchte deshalb in seine Heimat Venedig zurück kehren. Auf dem Weg nach Venedig trifft er zufällig auf einen Mann, dem er vor Jahren geholfen hat, seine Geliebte ehelichen zu können, indem er das junge Paar finanziell auspolsterte. Der Dank der jungen Frau in Form von Sex war ihm sicher. Casanova kehrt bei diesem Paar ein.

Die junge Frau ist nicht mehr ganz so jung, aber immer noch ansehenswert, und keineswegs abgeneigt, dem damaligen Abenteuer mit Casanova noch ein Kapitel anzuhängen. Der aber hat sich in ihre Nichte verguckt und weist die Avancen zurück.

Der Roman handelt vom Heimkehren und vom Altern. Casanova muss die Erfahrung machen, dass sein Name zwar bei vielen Damen älteren Semesters noch glänzende Äuglein hervorruft, aber die jüngeren Frauen sehen ihn, als das, was er ist: Einen alternden Lüstling, dessen Kopf zwar noch pimpern möchte, dessen langsam zerfallender Körper aber nicht mehr kann. Überhaupt versteht Casanova mittlerweile die Welt nicht mehr. Die Rolle der Frau beginnt sich offenbar zu ändern – die Frauen sind nicht mehr bereit, einfach Sexualobjekt für den Mann zu sein. Da ist eben diese Nichte, eine Philosophin, eine Gelehrte, die die Freuden der Bücher über die des Körpers stellt. Und wenn sie sich doch einen Geliebten wählt – und sie wählt ihn, nicht umgekehrt, und so, dass der Leser den Eindruck erhält, dies geschehe sozusagen aus hygienischen Gründen – dann kommt sicher nicht Casanova zum Handkuss (und zu mehr), Casanova, der so gern möchte, sondern ein junger Offizier (der selbstverständlich auch will – bei den Männern scheint keine Änderung in ihren Verhaltensmustern aufzutreten). Selbst die noch nicht geschlechtsreife Tochter des Paares, bei dem er zu Gast ist, versucht Casanova in seiner Verzweiflung zu verführen, indem er sie ziemlich direkt und gewalttätig abküsst und betatscht. Und selbst bei dieser Tochter muss Casanova erleben, wie sie schon einen halben Tag später das Ganze offenbar vergessen hat, so wenig hat ihr Casanovas Verführungs’kunst’ Eindruck gemacht.

Schnitzler erzählt zwar in der auktorialen Er-Form, aber mit seinen typischen inneren Monologen, die machen, dass wir die Ereignisse aus der Sicht Casanovas sehen. Damit erreicht Schnitzler, dass einem der alte Mann, der sein Altern nicht akzeptieren will, wirklich leid tut. Casanovas Leben ist gescheitert, seine Heimkehr aus der Verbannung erkauft er sich damit, dass er sich der Republik Venedig als Spion zur Verfügung stellt. Er hat keine Chance, dieses Angebot abzulehnen, denn über Geld verfügt er schon lange nicht mehr. Casanova gibt das zwar sogar vor sich selber nicht zu, aber man spürt beim Lesen, dass er sich dessen bewusst ist: Seine neue Tätigkeit ist nur eine andere Form von Prostitution. Im Übrigen ist Schnitzlers Sprache sehr elegant, seine Sätze sehr elaboriert. Sie können denn auch schon mal eine halbe Seite oder mehr umfassen.

Vielleicht nicht die ganz, ganz grosse Literatur, aber besser als der Durchschnitt dessen, was damals (wie heute) den Buchmarkt überschwemmte, allemal.


Gelesen in einer bibliophilen Ausgabe der Büchergilde, illustriert von Cynthia Kittler. (Deren Nachwort das gute alte Sprichwort sich bewahrheiten lässt: Schuster, bleib’ bei deinen Leisten – Illustrator, bleib’ bei deinen Zeichnungen!)

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