Ralf Rothmann: Milch und Kohle

Rothmann gelingt hier etwas, das man manchmal auch bei Erstlingswerken beobachten kann: Eine authentische, dichte Atmosphäre zu erzeugen, die das Buch durchgehend zu einem Erlebnis werden lässt.

Erzählt wird in der Ich-Form über das Leben einer Familie in den 60er Jahren im Ruhrgebiet, der Vater Bergarbeiter, die Mutter Hausfrau, einer der beiden Söhne Epileptiker (und dadurch mit dem Stigma des “Geisteskranken” versehen). Eine Familie wie unzählige andere, der Wiederaufbau und damit die Zeit der Entbehrung liegt hinter ihnen, man beginnt sich Kleinigkeiten zu leisten, Fernseher, Plattenspieler, man versucht zu leben, das Leben nachzuholen, aber all das mit einer verbissenen Attitüde, die die neugewonnenen Annehmlichkeiten in einem düsteren Licht erscheinen lassen. Der Vater bieder, die Mutter mit kleinen Affären, mit der Sehnsucht nach Abenteuer. Über all dem der Alkohol, der das Trübsinnige dieses Lebens leichter ertragen lässt, doch auch zu kleinen und großen Tragödien führt.

Das Normale und Aussichtslose bedrückt, macht hoffnungslos: Immer nur kurze Exzesse des Lebens (die dann auch einmal zum Tod führen, wenn der Freund des Erzählers mit dem Ford seines Vaters verunglückt), dann wieder graues Einerlei, Unfälle im Bergwerk, ständiger Geldmangel, Liebeleien, Wutausbrüche, Eifersucht. Eingebettet in eine trübe, rauchgeschwängerte Trostlosigkeit, Bierdunstatmosphäre in Gaststätten mit klobigen Holzstühlen und den Hirschgeweihen an den Wänden.

All das wird im Rückblick erzählt: Denn der Roman beginnt und endet mit dem Tod der Mutter, dem Heimkehren des Erzählers, der sich durch die Hinterlassenschaften eines Lebens wühlt. Gebügelte Wäsche in den Schränken, angebrochene Medikamentenpackungen, Resopalmöbel. Es gibt nichts Tröstliches, der Tod als das kaum beachtete Ende eines nur selten lebenswerten Daseins. Wiederkehrend die Worte der Mutter: Wir hatten ja auch gute Tage.

Der Autor schafft es mit geringen Mitteln, den Leser die Stimmung jener Zeit spüren zu lassen, man meint den Kohlestaub unter den Nägeln des Vaters zu sehen, das schäbige Mobiliar, meint auch den Lebenshunger der Jungen zu spüren, ihr Anrennen gegen eine immer stärker werdende Sinnlosigkeit, gegen die Angst, ihren Eltern in all dieser Trübseligkeit nachzufolgen. Ohne jedes Pathos, unsentimental und doch sprachlich genau schafft der Autor ein mehr als beeindruckendes Panorama dieser Zeit. Für mich ein großartiger Roman*.


*) Obwohl mich das Ende ge- und verstört hat: Der Aufenthalt des Erzählers in einem Zen-Kloster, die Stimme eines Verstorbenen. Hätte man ersatzlos streichen können, müssen.

Ralf Rothmann: Milch und Kohle. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2000.

Dieser Beitrag wurde unter Lit(t)eratur, Roman abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.