Olaf Stapledon: Die letzten und die ersten Menschen [Last and First Men]

Gelesen in der 2015 bei Piper erschienenen Neuausgabe, übersetzt von Kurt Spangenberg.

Stapledons Last and First Men wird fast überall, von Autoren-Kollegen ebenso wie von Kritikern und ‚gewöhnlichen‘ Lesern, in höchsten Tönen gelobt. In diesem Roman von 1930 (dem einzigen von Stapledon, der berühmt wurde) erzählt der Brite die Geschichte der Menschheit, ausgehend vom 20. Jahrhundert bis zum Ende der Welt, 2 Milliarden Jahre später. Die Rasse ‚Mensch‘ entwickelt sich in diesen 2 Milliarden Jahren: Der heutige (erste) Mensch wird im Laufe der Jahrmillionen durch ganz andere, innerlich wie äusserlich völlig unterschiedliche Menschen abgelöst. Da gibt es Menschen, die fliegen können, welche, bei denen Zoophilie ein normaler Bestandteil ihrer Entwicklung ist, welche, die im Grunde genommen nur ein riesiges Hirn darstellen, und welche, die an die Bedingungen des Mars oder der Venus angepasst sind. Zu guter Letzt wandert die Menschheit auf den Planeten Saturn aus, weil die Sonne sich derart aufbläht, dass sie alle andern Planeten verschluckt. Über unser Sonnensystem hinaus kommt die Menschheit aber auch in 2 Milliarden Jahren nicht.

Stapledons Fiktion ist es, dass ein Vertreter der letzten, der 18. Menschheit sich des Hirns eines der ersten Menschen bemächtigt hat, um ihm die Geschichte der Menschheit zu diktieren. (Warum er das tut, wird erst ganz am Schluss halbwegs klar.) Dieser 18. Mensch erzählt sehr trocken, fast bürokratisch. Individuen kommen in diesem Roman nicht vor. Zu Beginn, beim ersten Menschen, sind es Nationen, die agieren – später dann die jeweilige Menscheit als Ganzes.

Stapledon war Pazifist und Sozialist. Das merkt man Last und First Men auch an: Kriege führen die Menschheit immer in eine Katastrophe; und, egal welcher Menschheitstyp gerade existiert, alle, alle streben sie eine Weltregierung an.

Eine zwei Milliarden Jahre umspannende Menschheitsgeschichte: Das könnte – trotz des trockenen Erzählstils – spannend und interessant sein. Aber Stapledon ist zu sehr Kind seiner eigenen Zeit. Nicht nur, dass die Voraussage der nächsten 100 Jahre (natürlich!) völlig daneben liegt, das liegt in der Natur der Sache. Aber, dass Stapledon die Entwicklung des ersten Menschen einzig auf nationalen Ressentiments beruhen lässt, mutet doch seltsam an. Ich will solche Ressentiments keineswegs in Abrede stellen – zu sehr erleben wir gerade in diesen Monaten, wie sehr solche Ressentiments die Politik aller Nationen beeinflussen. Aber Stapledons 18. Mensch prangert diese Ressentiments keineswegs an – er benutzt sie selber als Erklärungsmodell.

Überhaupt: Geschichte. Irgendwann fällt es auf, dass sich die Geschichte offenbar für jede Menschheit mehr oder weniger wiederholt. Und lange, bevor Stapledon schreibt, dass sich der 5. Mensch noch im Stadium des Hirten befinde, realisiert man ein fatales zyklisches Geschichtsbild in diesem Roman. Eher Toynbee als Spengler, weil Stapledons Kulturen sich durchaus differenziert entwickeln – letzten Endes aber doch Spengler, weil jede Kultur dem Untergang geweiht ist.

Ja, es kommt noch schlimmer: Der 18. Mensch erzählt die Geschichte der Menschheit nur deshalb, weil das Weltall als Ganzes dem Untergang geweiht ist. So weit, so physikalisch korrekt. Doch soll das Weltall gemäss dem 18. Menschen auch wieder neu entstehen. Und es soll dieselbe Entwicklung wieder durchmachen. Nietzsches ewige Wiederkunft… Wenn dann der 18. Mensch sagt, dass nur zwei Vertreter der ersten Menschheit die philosophischen und ethischen Errungenschaften der 18. Menschheit ansatzweise geahnt hätten, nämlich Sokrates und Jesus, dann ist das zwar nicht mehr Nietzsche, aber pseudo-philosophische Mystik, der Stapledon auch sonst offenbar anhing.

Dem Roman geht ein grossartiger Ruf voran. Ich halte ihn aber, mit Ausnahme vielleicht der brillanten Idee, die Menschheitsgeschichte über 2 Milliarden Jahre zu schreiben, für ungerechtfertigt. Stapledons Aliens (nämlich die ursprünglichen Bewohner von Mars und Venus) sind zu unpräzise gezeichnet. Und sein historisch-philosophischer Mystizismus lässt mich schaudern. Definitiv keine Leseempfehlung.

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Ein Kommentar zu Olaf Stapledon: Die letzten und die ersten Menschen [Last and First Men]

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