Martin Broszat: Kommandant in Auschwitz. Autobiographische Aufzeichnungen des Rudolf Höss

Ein beklemmendes Buch. Nicht so sehr der Fakten wegen (die ja hinlänglich bekannt sind, auch wenn sie dann trotz dieses Wissens wieder schockieren, weil alles so unglaublich erscheint), sondern wegen des Menschen Höss. Dessen Bericht sich manchmal liest, als ob er von seiner Zeit als Abteilungsleiter eines simplen Industrieunternehmens erzählte.

Und genau so dürfte er das alles auch betrachtet haben: Immer im Sinne der Effizienz, im Sinne der Vorgaben seiner Vorgesetzten, die nach Möglichkeit zu erfüllen waren. Natürlich ist das auch unumgänglich: Ein Mensch, der hinterfragt, das vor seinen Augen Geschehende an sich herankommen lässt, mitfühlt, mitleidet (obschon Höß immer wieder einmal von Mitleid schreibt – und ich ihm, so seltsam das klingen mag, dies teilweise sogar glaube), hätte von dieser Position entbunden werden müssen. Deshalb auch sein ständiges darauf Hinweisen, dass Gefühle nicht am Platz gewesen seien, dass man angesichts der Kriegslage gezwungen sei, seine Arbeit so gut als möglich – für den Endsieg – zu erledigen und dass ein Zweifeln an der Führung etwas völlig Denkunmögliches gewesen sei. Oder ein Widersprechen – Himmler gegenüber.

Höss wurde 1900 geboren, der Vater, streng religiös, bestimmte ihn für die kirchliche Laufbahn. Nach dessen überraschenden Tod entsteht eine Art Befehlsvakuum: Der Junge sehnt sich nach der Welt, meldet sich mehrmals freiwillig als Soldat und wird schließlich mit 16 Jahren angenommen und in den Irak geschickt. Ausführlich beschreibt er sein erstes Gefecht, seinen ersten Toten: Und man hat den Eindruck, dass diese frühen Kriegserlebnisse mehr als prägend für seinen weiteren Lebenslauf wurden. Nach Ende des Ersten Weltkrieges ist er einer der vielen Entwurzelten: Er überwirft sich mit seiner Familie, tritt in eines der Freikorps ein und macht das einzige, wofür ihm bisher jemals Anerkennung gezollt wurde: Kämpfen und – Gehorchen.

Im Dunstkreis dieser Freikorps kommt es dann zum “Fememord” (über den unterschiedliche Versionen kursieren, wobei Höss’ Darstellung, dass er die Schuld eines anderen weitgehend übernommen habe, wohl nicht zutrifft und er selbst an diesem “Ehrenmord” (es ging um Verrat) keinesfalls unbeteiligt war). Er wird zu 10 Jahren Haft verurteilt und fügt sich – nicht weiter verwunderlich – nach anfänglichen Schwierigkeiten in den Knastalltag sehr gut ein. Höss ist Musterhäftling, übererfüllt sein ihm aufgegebenes Arbeitspensum, fällt nie negativ auf und wird schließlich nach 6 Jahren (im Rahmen einer Amnestie für politische Häftlinge – sowohl von rechts als auch von links) entlassen. Über die Artamanen, einer obskuren völkisch-esoterischen Gruppe, in der er mit seiner Frau ein ursprüngliches Landleben zu führen beabsichtigte, findet er zur SS und wird aufgrund seiner Erfahrung als Häftling in verschiedenen Konzentrationslagern eingesetzt: Zuerst in Dachau, dann in Sachsenhausen und schließlich mit dem Aufbau des Lagers in Auschwitz betraut.

Höss war sicher kein besonders mitfühlender, empathischer Zeitgenosse: Aber es ist durchaus vorstellbar, dass aus ihm ein vollkommen unauffälliger, nie besonders in Erscheinung tretender Mensch geworden wäre, der sein gesamtes Leben lang keinem etwas zuleid getan hätte. Und es ist gerade diese vorgebliche “Normalität”, die das Beklemmende dieses Berichtes ausmacht. Ein Jugendlicher, der in streng autoritären Strukturen groß wird und diese Strukturen verinnerlicht, sodass es ihm zu einer Unmöglichkeit wird, später Befehle zu hinterfragen oder gar zu verweigern. Die Zugehörigkeit zu einer Organisation verleiht Sicherheit, durch eine kritische Haltung würde man gerade dieses sichere Fundament untergraben: Weshalb auch die gesamte Propaganda wie selbstverständlich geglaubt wird. Selbst als er 1944, nicht mehr in Auschwitz tätig, sondern eine Art Inspektor aller Konzentrationslager, die tatsächliche Lage zu begreifen gezwungen wird, versteht er es noch, sich selbst zu belügen, gesteht sich diese seine eigene Einschätzung nicht zu.

Und immer will man fragen: “Aber die Kinder, diese vollkommen unschuldigen Menschen, wie konntest du, wie ist das vereinbar mit einem Gewissen, das ansonsten die eigenen Familie, die eigenen Kinder über alles stellte?” Wenn er in diesen Aufzeichnungen dann feststellt, dass dies falsch war, so klingt das im Tonfall ähnlich wie die vorher angeführte “Notwendigkeit”, die Volksschädlinge auszurotten. Man hat nicht den Eindruck, in dieser Hinsicht jemals wirklich zum Menschen Höss durchzudringen bzw. zu dem Bereich, der mit Mitgefühl oder Empathie umschrieben wird. Denn es ist zu leicht, ihm diese Dinge einfach abzusprechen, er war kein Sadist wie manch andere, fühlte sich zu Tieren, insbesondere Pferden hingezogen, zeigte sich um deren Wohl besorgt. Aber sämtliche “normalen” Regungen wurden unterdrückt, sobald es darum ging, einen Befehl zu erfüllen. Hier scheint sich der entscheidende Unterschied zu verbergen: Während ein Mensch üblicherweise mit einer bestimmten moralischen Grundhaltung ausgestattet ist, die kaum oder gar nicht ausgeschaltet werden kann, scheint er diese beiden Sphären des Gehorsams und des Menschseins völlig getrennt zu haben. Er glaubte an die Partei, an die Ideologie in einem absolut religiösen Sinn, in einer Weise, die jeden Zweifel zu einem unverzeihlichen Sakrileg gemacht hätten. Und dieser Glaube an bestimmte Grundsätze dominierte seine ganze Person, sodass er nur außerhalb des Einflussbereichs der Partei als Mensch agieren konnte. Und es wird ihm auch nie wirklich klar, dass dieser Gehorsam ihn zu einem Massenmörder gemacht hat: So sagt er denn am Ende, dass er es traurig fände, nun sterben zu müssen. “Er sei doch kein schlechter Mensch gewesen.”


Martin Broszat: Kommandant in Auschwitz. Autobiographische Aufzeichnungen des Rudolf Höss. München: dtv 1963.

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