Abbas Khider: Ohrfeige

Im Herbst des Jahres 2000 flieht Karim aus dem Irak in Richtung Westen: Er, der unter Gynäkomastie leidet, will sich dem Gespött beim Wehrdienst in der Armee des Saddam Hussein nicht aussetzen und macht sich auf zu seinem Onkel nach Paris. Eine Reise, die irgendwo in der Nähe von München ein Ende findet: Die Schlepper setzen ihn aus, seine Odyssee durch diverse Flüchtlingslager in Deutschland beginnt.

Um den Status eines politisch Verfolgten zu erlangen muss er seine Geschichte modifizieren: Wehrdienstverweigerung reicht nicht aus, als Oppositioneller hingegen stehen seine Chancen gut. Und tatsächlich erfolgt die Anerkennung nach fast einem Jahr: Allerdings hat sich die politische Lage nach den Anschlägen auf das World-Trade-Center entscheidend verändert. Der vorher politisch Verfolgte wird zum politisch Verdächtigen, er wird auf seine Nationalität reduziert und der Traum von einem regulären Studium in Deutschland rückt in weite Ferne. Außerdem stellt sich nach dem Einmarsch der Amerikaner die Lage plötzlich gänzlich verändert dar: Nun wäre man als Anhänger Saddam Husseins ein Verfolgter, als ehemaliger (und angeblicher) Oppositioneller wird ihm hingegen die Heimkehr in den nun befreiten und sicheren Irak nahegelegt. Tatsächlich wird die befristete Aufenthaltserlaubnis nicht mehr verlängert und Karim begibt sich wieder in die Hände von Schleppern: Diesmal ist das Ziel Finnland – in der Hoffnung, dort Asyl zu finden.

Erzählt wird das alles in der Ich-Form, wobei es die zuständige Sachbearbeiterin, Frau Schulz ist, die zum Zuhören gezwungen wird: Mit Klebeband an ihren Stuhl gefesselt berichtet ihr Karim sein Leben, ihr, die niemals auch nur ansatzweise Menschlichkeit hat erkennen lassen (diese Erzählsituation und die ihr zu Beginn verabreichte Ohrfeige werden am Ende als fiktiv ausgewiesen. Karim wartet rechtschaffen bekifft in einer Münchner Wohnung auf seinen Transport, das Buch schließt mit dem Satz: „Irgendwann werde ich sie erwischen und ohrfeigen.“)

Humorvoll und sarkastisch wird dieses Flüchtlingsdasein beschrieben, wobei Karim von nichts anderem angetrieben wird als vom Wunsch nach ein wenig Ruhe, Normalität im Leben. Die Zerrissenheit und Ausweglosigkeit seiner Situation wird beim Einmarsch der amerikanischen Truppen in den Irak deutlich, im Fernsehen sprechen Exiliraker von den notwendigen Opfern, von der Pflicht mit den Amerikanern zusammenzuarbeiten. „Aber keiner will daran denken, dass unter den Menschen, die geopfert werden sollen, die eigene Familie sein könnte.“

Trotz einiger gelungener humoristischer Szenen, der teilweise eindrucksvoll dargestellten Ausweglosigkeit des Flüchtlingsdaseins hat mich das Buch nicht wirklich überzeugt. Denn über weite Strecken handelt es sich hier doch um recht einfache Kost – sowohl sprachlich als auch inhaltlich. Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit bleiben oft klischeehaft, oberflächlich, der Wahnsinn des Freundes von Karim, eines Schriftstellers, wirkt konstruiert, die Szenen, in denen sich irakische Flüchtlinge als Stricher für ältere Damen und Herren verdingen (nebst einer Figur, für die ganz offenkundig Rudolf Mooshammer Pate gestanden hat) haben ebenfalls künstlichen Charakter. Vieles erweckt den Eindruck, als ob es um einer (witzigen) Idee willen erzählt würde – ohne handlungstechnische Einbindung. Das alles macht das Buch nicht wirklich zu einer schlechten, unerfreulichen Lektüre, aber der Hype, der den Roman seit einigen Wochen in den Medien begleitet, scheint völlig unbegründet. Ein wenig drängt sich der Verdacht auf, dass hier mal schnell ein Buch produziert wurde, das aufgrund der aktuellen politischen Lage sich gut verkaufen müsste. Dieses Kalkül dürfte aufgehen.


Abbas Khider: Ohrfeige. München: Hanser 2016

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