Anlässlich des 100. Todestags der Marie von Ebner-Eschenbach: Unsühnbar

Gestern vor 100 Jahren, am 12. März 1916, starb Marie von Ebner-Eschenbach. Diese runde Zahl hat offenbar der eine oder andere Verlag zum Anlass genommen, das eine oder andere ihrer Werke wieder zu veröffentlichen. So auch der Zürcher Manesse-Verlag, der Unsühnbar in seiner Bibliothek der Weltliteratur auflegte, mit einem Nachwort von Sigrid Löffler.*)

Unsühnbar ist die Geschichte der Gräfin Maria Wolfensberg, einer hypersensiblen jungen Frau, die im und am patriarchalischen Milieu des Adels, aus dem sie stammt und in das sie heiratet, zu Grunde geht. Ihre Mutter ist seit langem tot. Ihr Vater redet ihr ihre Jugendliebe mehr oder weniger sanft aus und verheiratet sie mit Hermann Dornach – ein dynastischer Schachzug, wie er so oft unter Adelshäusern stattfand. Die Ehe ist nicht einmal unglücklich; Dornach ist sogar ganz ehrlich in Maria verliebt, und das rührt sie. Aber es kommt, wie es kommen muss: Maria trifft ‚zufälligerweise‘ ihre Jugendliebe Tessin wieder. Und auch da kommt es, wie es kommen muss: Sie werden – ein einziges Mal! – intim und Maria wird von Tessin schwanger. Den Rest ihres Lebens bringt Maria nun mit ihrem schlechten Gewissen zu. Als dann der ältere (und legitime) Sohn auf einer Landpartie in einen Bach stürzt und ertrinkt, der Vater, der den Sohn retten will, ebenfalls dabei stirbt, ist es um Maria geschehen. Sie bricht zusammen und gesteht ihre ‚Schande‘. Die Dornachs kennen sie ab sofort nicht mehr; der Vater Wolfensberg versteckt seine Tochter auf einem abgelegenen Familiensitz.

So weit das Handlungsgerüst. Aber dahinter steht mehr. Die Geschichte der Maria Wolfensberg ist eine Anklage des patriarchalischen Systems. Nicht nur, dass die Töchter aus dynastischen Gründen verschachert werden. Die Frauen leiden ganz allgemein unter der herrschenden Doppelmoral. Die Männer nämlich dürfen mehr oder weniger offen die Ehe brechen. Auch Wolfensberg Vater ist so ein Ehebrecher. Zu ihrer Volljährigkeit kriegt Maria eine Schatulle geschenkt mit dem Tagebuch ihrer Mutter, das beweist, dass die Mutter an des Vaters Ehebruch zerbrochen ist. Der illegitime Sohn aus dieser Affäre, Marias Halbbruder, wird seinerseits zum Instrument von Tessin, der nämlich Maria keineswegs ‚zufällig‘ getroffen hat, sondern das Ganze sorgfältigst arrangierte, um Maria einmal f… zu können. Obwohl Maria es im Folgenden als ihre unsühnbare Schuld betrachtet, ‚gefallen‘ zu sein, zerbricht sie im Prinzip an der (im wahrsten Sinne des Wortes) herrschenden Moral, die die Frau zum blossen Sexual-Spielzeug der Männer macht. Selbst ihre Schuldgefühle sind noch von aussen aufgezwungen und nicht genuin.

Unsühnbar ist 1890 erschienen, 5 Jahre vor Effi Briest, worauf auch der Klappentext hinweist. Solche Hinweise sind gefährlich, denn sie führen unweigerlich dazu, dass der Leser vergleicht. Und obwohl ich Effi Briest keineswegs für Fontanes bestes Werk halte: Unsühnbar kommt nicht daran heran. Ebner-Eschenbach liefert zwar ein paar äusserst gelungene satirische Spitzen gegen de Adel und seine Lebensweise. Sie erkennt und beschreibt sogar, wie diese Lebensform langsam verschwindet: Die Gleichaltrigen waren nicht bereit, zusammen mit der Vätergeneration Maria Dornach für ihren Fehltritt zu verurteilen. Wenn Maria sich selber nicht verurteilt hätte – sie hätte ihr früheres Leben durchaus fortführen können. Allerdings ist diese neue Gesellschaft auch gedankenlos und kümmert sich nicht weiter um Maria, als diese sich völlig von ihr zurückzieht. Unsühnbar kommt nicht an Effi Briest heran, habe ich geschrieben, und das ist vor allem eine Frage des Stils. Wo Fontane subtil andeutet, wird Ebner-Eschenbach recht explizit. Die Seelennöte der jungen Frau drücken sich melodramatisch in Ohnmachtsanfällen, Tränen, Zittern und Händeringen aus. Maria wie Effi sterben an gebrochenen Herzen – aber wie melodramatisch ist Marias Tod nicht geschildert. Ihr Vater, der endlich seine Fehler erkennt, reist aus Wien auf seinen Landsitz, wo die Tochter im Sterben liegt. Wie er ankommt, ist sie gerade gestorben, und – schwupps! – liegt die Leiche des Vaters neben der der Tochter. Das ist ein bisschen zu viel des Guten und bedauerlich insbesondere, weil der Anfang, wo Marie von Ebner-Eschenbach schildert, wie das Publikum gerade aus einer Vorstellung des Fidelio strömt, jeder aber nur an das nun folgende körperliche Plaisir (essen, trinken, beischlafen) denkt, und keiner noch einen Gedanken an die Oper verschwendet (die doch – worauf auch Sigrid Löffler in ihrem Nachwort hinweist – eine Hymne auf eheliche Liebe und Treue darstellt!), dieser Anfang ist einer der gelungensten Romananfänge, die ich kenne. Aber schon der kurz darauf folgende erste Auftritt von Marias Halbbruder, von dem sie damals noch nichts weiss, erfolgt überdramatisch. Ebner-Eschenbach hämmert dem Leser so richtig ein, dass wir hier einen gefährlichen Menschen vor uns haben, und dass diese Begegnung ein schlechtes Omen für Maria sei. Der Leser merkt’s und ist ein bisschen verstimmt.

Ansonsten in der üblichen, hohen Qualität der Manesse Bibliothek der Weltliteratur erschienen: Leinen, Fadenheftung, Lesebändchen. Die Erläuterungen haben in etwa das rechte Mass, auch wenn einem fleissigen Leser ‚älterer‘ Literatur die meisten Kutschen-Typen zumindest dem Namen nach bekannt sein sollten (viel mehr erfährt er auch nicht aus den Anmerkungen), und auch der im Text des öftern zitierte Walpole und dessen Burg von Otranto (auch eine Geschichte um genealogisch-dynastische Machenschaften – und Walpoles häufiges Auftauchen vielleicht ein Hinweis darauf, dass Ebner-Eschenbach ihre eigene Geschichte nicht so ganz ernst nehmen konnte) sollten bekannt sein. Dennoch eine verdankenswerte Tat, diese Edition, für jeden, der Marie von Ebner-Eschenbach jenseits von Hundegeschichten und Aphorismen kennen lernen will. (Obwohl aphoristische Zuspitzung einzelner Sätze auch in diesem kurzen Roman zu finden ist.)


*) Von der Random House Group dankenswerter Weise als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

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