Michael Lüders: Wer den Wind sät

Dieses Buch bietet einen ausgezeichneten Überblick über die Politik des Westens im arabischen Raum seit dem Sturz Mossadeghs. Den teilweise erhobenen Vorwurf der Einseitigkeit kann ich nicht wirklich nachvollziehen: Diktatoren wie Gaddafi oder Saddam Hussein werden durchaus nicht geschont, allerdings wird – im Unterschied zu anderen Publikationen – die Scheinheiligkeit einer vorgeblich von humanistisch-demokratischen Werten beeinflussten Politik des Westens hervorgehoben: Menschenrechtsverletzungen sind nur dann von Belang, wenn die entsprechenden Staaten kein Bündnis mit den USA bzw. Europa unterhalten (wie etwa Syrien oder Lybien), die Regierungen der Golfstaaten – allen voran Saudi-Arabien – werden hingegen von solchen Forderungen ausgenommen (so gab es etwa in Assads Syrien sehr viel mehr Freiheiten – bei aller Unterdrückung – als noch heute in Saudi-Arabien).

Diese Doppelmoral ist die Ursache für das berechtigte Misstrauen, das die arabischen Länder den “humanitären” Hilfsmaßnahmen, der Unterstützung Oppositioneller entgegenbringen: Europa und die USA unterscheiden sich hierbei nicht im mindesten von der Klientelpolitik Russlands oder Chinas. Der Schutz, der Assad von seiten Putins zuteil wird, stößt in Europa auf Unverständnis (und man begibt sich durch die kategorische Forderung seines Sturzes diplomatischer Möglichkeiten), das saudische Regime wird aber mit Waffen (etwa auch aus Deutschland) unter dem Vorwand beliefert, dass dort weitgehend Frieden herrsche (was u. a. darauf zurückzuführen ist, dass eben das Regime vom Westen mit der entsprechenden militärischen Ausrüstung versehen wurde). Es ist nur allzu offensichtlich, dass es sich hier nicht um die vielgepriesenen Werte des Westens handelt, die man diesen Staaten uneigennützig zu vermitteln sucht, sondern um politische Macht und ökonomischen Einfluss.

Ich stimme dem Autor im übrigen zu, dass der Sturz Mossadeghs (der demokratisch legitmiert war) die Ursünde im Nahostchaos war (neben der Ignoranz palästinensischen Leidens in Israel). Ohne den vom Westen inthronisierten Schah keine iranische Revolution, anschließend Unterstützung Saddam Husseins in einem an Grauen kaum zu überbietenden Krieg gegen den Iran. Als sich der wirtschaftlich darniederliegende Irak Kuwaits bemächtigen will ist für den Westen der geeignete Augenblick gekommen, sich des unliebsamen Diktators zu entledigen, wobei eine Entmachtung im ersten Golfkrieg ungleich “humaner” gewesen wäre: Die 10 Jahre dauernden Sanktionen haben nicht nur Millionen Tote im Irak zur Folge gehabt, sondern auch durch die wirtschaftliche Zerstörung der Mittelschicht dem Land die einzig vorhandene, der Demokratie zugängige Basis genommen. Der Rest war fortgesetzte Katastrophe: Saddam Hussein wurde durch eine nicht minder korrupte und brutale Schiitenregierung ersetzt, vor allem aber wurden alle Staatsangestellten, alle Armeeangehörigen als Staatsfeinde entlassen und in den Untergrund getrieben. Der Grundstein für den islamischen Staat war gelegt, die Bewaffnung der syrischen Opposition (in der man in seltener Einfalt und völlig grundlos aufrechte Demokraten zu sehen sich entschloss) tat den Rest.

Der zweite, oben erwähnte Grund ist die vorbehaltlose Unterstützung Israels: Man enteignet rund 800 000 Palästinenser und ist erstaunt, wenn sich mit diesen Enteigneten (nur etwa 10 % des Grund und Bodens wurde von Juden rechtmäßig erworben) andere arabische Staaten solidarisieren. Die Siedlungspolitik in den besetzten Gebieten macht eine Lösung des Palästinenserproblems zusehends unmöglich, Israel kann mittlerweile als eines der wenigen noch existierenden Apartheitregimes bezeichnet werden (da den in Israel lebenden Palästinensern zahlreiche Grundrechte – wie etwa freie Berufswahl – vorenthalten werden, sie sind fast in jeder Hinsicht Staatsbürger zweiter Klasse). Diese nun schon 70 Jahre anhaltende Unterdrückung könnte – und dessen sind sich sowohl Araber als auch der Westen bewusst – innerhalb kürzester Zeit durch entsprechenden Druck seitens der USA auf Israel gelöst werden. Aber auch hier kommt wieder die erwähnte Doppelmoral zum Zug: Wenn Israel UNO-Resolutionen ignoriert, so wird das schlicht zur Kenntnis genommen, andere Länder (etwa der Iran) wird mit Sanktionen belegt oder aber wie der Irak mit Krieg überzogen.

Das einzige Manko dieser Darstellung bei Lüders ist die Kürze: Viele Krisenherde würden eine sehr viel eingehendere Betrachtung verdienen. Als Überblick oder Einführung in das nahöstlich-arabische Chaos nebst seinen westlichen Wurzeln ist das Buch aber sehr gut geeignet. Die Kritik in Bezug auf Einseitigkeit scheint ein Teil der westlich-politischen Sicht: Man ist es einfach nicht gewohnt, sich selbst als einen maßgeblichen Teil des Problems zu betrachten, versteckt die eigenen Interessen hinter dem Gerede von Menschenrechten oder der Demokratie. Zum einen ist dies angesichts der westlichen Politik Heuchelei (da die Menschenrechte exklusiv dort als Argument herhalten müssen, wo es dem Westen genehm ist), zum anderen ist es wahrscheinlich eine politische Unmöglichkeit, diesen Ländern ohne Übergangszeit eine entsprechende Ordnung aufzuzwingen. Eines aber ist Tatsache: Der Eingriff des Westens hat immer nur zu einer Verschlechterung der Lage für die Bevölkerung beigetragen, zu unglaublichem Leid, unzähligen Toten. Wobei ein Eingreifen nicht per se falsch sein muss: Sinnvoll kann es aber nur dann sein, wenn man eine praktikable Lösung des Problems vor Augen hat und die Interessen der Bevölkerung zu wahren versucht, von seinen eigenen – wirtschaftlichen – Interessen aber absieht. Also jene Humanität auch lebt, von der man so häufig spricht.*


*) Ich will der Eu-Außenbeauftragten Federica Mogherini keine Heuchelei unterstellen, als sie vor zwei Tagen angesichts der Toten in Brüssel bei einer Pressekonferenz mit den Tränen kämpfte. Dennoch muss so etwas in arabischen Ländern sonderbar anmuten: Da man dort Tag für Tag weinen müsste angesichts der permanenten Bombenanschläge. Vielleicht sollte man das auch. Aber: Wir erleben nur einen kleinen Teil dessen, was für diese Menschen alltäglich ist. Und wir – der Westen – tragen in nicht unerheblichem Maße zu diesem Leid bei.


Michael Lüders: Wer den Wind sät. München: Beck 2015.

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