George H. Smith: Atheism. The Case Against God

Atheismus: Das Verfahren gegen Gott – müsste wohl die deutsche Übersetzung des Titels lauten. Das Buch existiert meines Wissens nicht auf Deutsch. Und das hat seine Gründe, die hoffentlich am Ende meiner Darstellung klar werden.

George H. Smith will in diesem Buch eine philosophische Begründung des Atheismus geben. Die Gottesbeweise der Scholastik werden ebenso zerpflückt wie die moderne Variante des Intelligent Design. Last but not least will Smith eine atheistische, also wissenschaftliche Ethik begründen. Gedacht ist das Buch allerdings für Laien. Im Besonderen wendet sich Smith dann gegen den christlichen Gott (ob katholisch oder protestantisch); und eine Kritik am biblischen Jesus wird auch geliefert. Smith will eine allgemeingültige atheistische Position definieren und gleichzeitig die Doktrinen des Christentums demolieren. Das ist viel aufs Mal, zu viel, wie sich unter der Lektüre herausstellt: Smith ist nicht alles gleichermassen gut geglückt.

Eigentlich ist ihm sogar wenig geglückt: erste Kapitel (The Scope of Atheism) und das letzte (The Sins of Christianity). Im ersten Kapitel definiert er den Begriff ‚Atheismus‘. Er stellt dabei für den Atheismus die Position des Nicht-Glaubens ins Zentrum, nicht die des Verneinens, da ein Atheist nicht verneinen kann, woran er nicht-glaubt (Rechtschreibung von mir – P.H.). Agnostizismus wird dabei als eine Spielart des Atheismus betrachtet: Der Agnostiker nicht-glaubt im Grunde genommen Gott, weil sich für dieses Wesen keine Evidenz findet. Damit verbringt er Teil Eins – Part One: Atheism and God.

Im weiteren Verlauf des Textes wird Smith diese klare Position allerdings verwässern. Jedesmal, wenn er die Argumente des Christen nachvollzieht und dabei bei einem Gott endet, der jenseits der menschlichen Erkenntnis existiert, wird er diesem Christentum Agnostizismus beimessen, weil der Christ nicht weiss, welche Attribute seinem Gott zuzuordnen sind, bzw. ihm Attribute zuordnet wie ‚allmächtig‘, die alles und nichts über Gott aussagen. Das ist ein geschickter rhetorischer Schachzug Smiths, vernebelt aber seinen gerade definierten Sprachgebrauch gehörig. Teil Zwei ist erkenntnistheoretisch ausgerichtet und setzt auf die Vernunft als einzig gültiges Instrument des Erkennens der Welt – im Gegensatz zum vom Christentum begünstigten Glauben oder der Offenbarung – Part Two: Reason, Faith, and Revelation.

Teil Drei ist im Grunde genommen überflüssig. Den Laien werden die Auseinandersetzungen mit den Gottesbeweisen der Scholastiker kaum interessieren. Es kommt hinzu, dass – weil für Laien schreibend – Smith vieles wegzulassen und/oder vereinfachen zu müssen glaubt. Das macht diesen Teil leider nicht interessanter und nicht einmal einfacher. Part Three: The Arguments for God.

Zum Schluss versucht Smith eine wissenschaftlich begründete Ethik zu formulieren – dies auch, weil es eines der wichtigsten volktümlichen Argumente gegen den Atheismus (wenn auch von offizieller Seite kaum noch verwendet) ist, dass ohne göttliche Supervision und ohne göttliche Bestrafung im Jenseits kaum ein Mensch im Diesseits ethisch-moralisch korrekt handeln würde. Hier funktioniert Smith, wo der den christlichen Ethikern nachweist, dass ihr Gott so aus der Bibel herausinterpretiert wird, dass er genau jene Ethik vertritt, die der christliche Autor selber gutheisst. Hier funktioniert Smith, wo er fast alle Stellen aus der Bibel – auch aus dem Neuen Testament, wo angeblich der Gott der Liebe dargestellt wird, und Jesus als der grosse All-Liebende – zusammenträgt, in denen dem Sünder die ewige Verdammnis angedroht wird. Und Sünder ist jeder, der sich nicht unbedingt den Geboten Gottes unterwirft, selbst in Gedanken. Part Four: God: The Practical Consequences.

Teil Eins und das letzte Kapitel von Teil Vier (also auch das letzte Kapitel des Buchs), The Sins of Christianity, sind einigermassen gelungen. Der Rest aber zeigt schonungslos die grosse Schwäche Smiths auf: Er hat zwar offenbar Philosophie studiert, aber nie einen formalen Abschluss gemacht. Seine philosophischen Kenntnisse beschränken sich auf Grundlagen einzelner Disziplinen, der Logik und der Erkenntnistheorie vor allem. Aus der Geschichte der Philosophie weiss er wenig; er kennt vor allem zeitgenössische, US-amerikanische Werke. (Und ‚zeitgenössisch‘ meint hier die 1970er Jahre; das Buch ist 1979 zum ersten Mal erschienen.) Gottesbeweise zurückzuweisen, ohne sich auf Hume oder Kant zu berufen, mutet zumindest den europäischen Philosophen merkwürdig an. (Und selbst der US-amerikanische merkt, dass er nur einige thomistische Beweise, nicht einmal alle, anführt.) Smith müht sich in seinen Zurückweisungen ungeheuer ab – im Grunde genommen laufen aber alle seine Argumente auf eine Anwendung von Ockhams Rasiermesser hinaus: Gott ans Ende der Kette als Ursprung zu setzen, verschiebt z.B. bei der Ersten Ursache das Kausalitätsproblem einfach eine Stufe weiter nach hinten, ohne neue Erkenntnis zu generieren. Deshalb kann im Sinne des „Entia non sunt multiplicanda praeter necessitatem“ auf Gott genau so gut verzichtet werden.

Eine weitere, mindest so grosse Schwäche Smiths ist es, dass seine Kenntnisse der Physik ungefähr 1913, bei Bohrs Atommodell, stehen geblieben sind. Schon 1915, Einsteins Allgemeine Relativitätstheore, scheint er nicht mehr zur Kenntnis genommen zu haben. Das wäre nicht so tragisch, wenn Smith nicht immer wieder versuchen würde, ein wissenschaftlich fundiertes Erklärungsmodell der Welt und ihres Ursprungs an die Stelle eines theologischen Modells mit dem Schöpfergott zu setzen. Für Smith ist das Universum ewig; seine Grundlage sind die für immer stabilen Atome. Es gibt seiner Meinung nach im Universum kein zufällig sich ereignendes Phänomen. Alles lässt sich kausal begründen, auch wenn es keine kausale Letztbegründung gibt. Durch diesen starken Rückbezug auf eine veraltete Wissenschaft wird das Buch für den Laien-Atheisten als Argumentationshilfe, als welche es gedacht war, immer unbrauchbarer. Schon 1979 mit einer nicht gerade modernen Physik ausgerüstet, kann es keine Antwort geben auf die Fragen nach den Konsequenzen z.B. aus der Heisenberg’schen Unschärferelation, die von vielen Leuten so verstanden wird, dass damit die Physik dem Zufall Tür und Tor geöffnet habe. Die Entwicklungen in der Physik bis heute verschärfen das Problem. Smith kann keine Antwort geben auf Fragen aus der modernen Quantenpyhsik, auf die Frage nach Schrödingers Katze, auf die Frage nach dem Urknall oder dem ‚Gottesteilchen‘ (Higgs-Teilchen). Zum Glück sind Theologen meist ebenso unbedarfte Physiker wie Smith.

Noch ein Wort zu seiner wissenschaftlichen Begründung der Ethik. Bei seiner Definition der wissenschaftlichen Ethik bezieht sich Smith ‚offiziell‘ auf Aristoteles – ohne je auch nur aus einer seiner Ethiken zu zitieren. Ethisch-moralisch gerechtfertigt und nützlich sei, so definiert Smith ex cathedra (genau so ex cathedra, wie die von ihm deswegen kritisierten christlichen Ethiker!), was dem (Über-)Leben des Individuums diene. Ob das aristotelisch sei, soll hier nicht untersucht werden, denn tatsächlich bezieht Smith seine Ethik aus einer andern Quelle. Smith ist in den USA neben seinem Einsatz für den Atheismus mindestens so bekannt für seinen Einsatz für den Libertarismus. Diese Doktrin verlangt, vereinfacht gesagt, eine möglichst grosse Freiheit für das Individuum (weshalb Libertarismus und Atheismus sehr wohl Hand in Hand auftreten können), möglichst wenig staatliche und/oder kirchliche Eingriffe in welchen Teil des Lebens eines Einzelnen auch immer. (In der Politik hat das den nackten Kapitalimus als Konsequenz.) Bei seiner Begründung der Ethik bezieht sich Smith denn auch nicht auf irgendeinen philosophisch anerkannten Text, sondern auf Schriften von Ayn Rand. Diese russisch-amerikanische Autorin jüdischer Herkunft ist in Europa praktisch unbekannt; in den USA ist sie eine Bestseller-Autorin. Ayn Rand

[…] geht von einer vom Bewusstsein unabhängigen (in diesem Sinne „objektiven“) Realität aus. Diese könne der Verstand durch verlässliche Beobachtung, Begriffsanwendung, Logik usw. erkennen. Rationalität sei auch eine Haupttugend der Ethik. Darunter versteht Rand den Verstandesgebrauch im Streben nach einem „höchsten Wert“, den Rand mit dem menschlichen Leben identifiziert. Der Selbstwert des Lebens habe dabei die zentrale Funktion, Schlussfolgerungen von der Natur des Menschen als sich selbst erhaltenden Wesens auf „objektive“ Werte und Tugenden zu ermöglichen. Von Wert ist demzufolge, was das Leben des einzelnen Menschen fördert. (Quelle: Wikipedia)

Smiths Lehre in nuce. Wie bei Rand, wird bei Smith die Frage, ob von einem Sein auf ein Sollen übergegangen werden kann, kurz entschlossen mit „Ja!“ beantwortet. Das ist keineswegs selbstverständlich; ich halte dies sogar für äusserst problematisch. Doch selbst, wenn wir dies zugeben: Es muss logisch keineswegs sein, dass das Leben des Einzelnen gefördert werden soll. Smith hat schon früher im Text dem Menschen einmal eine Sonderstellung im Universum (oder mindestens im Tierreich) eingeräumt, die macht, dass es mich nicht wundert, wenn er hier eine grundlegende Erkenntnis der Evolutionstheorie komplett missachtet: Nicht das Überleben des Individuums steht für die Natur im Zentrum, sondern das Überleben der Art. Auf die Frage, ob für das Überleben der Art eventuell nicht die für das Individuum grausame christliche Ethik notwendig sein könnte, kann Smith keine Antwort geben – weil er die Frage gar nicht stellen kann.

Der Schluss, in dem Smith die Aussagen des biblischen Jesus auseinanderklamüsert, um festzustellen, dass unbedingter Gehorsam unter Strafe ewiger Verdammnis sich schon in den synoptischen Evangelien und bei Jesus findet (nicht erst bei Paulus); dass Jesus sich nur als Prophet der Juden geriert; dass sowohl Jesus wie dessen unmittelbaren Jünger an ein baldiges Ende der Welt glaubten – ist zwar wieder besser als der ethische Teil, bringt aber dem Religionskritiker nichts Neues.

Das Buch gilt vielerorts als ‚Bibel des Atheismus‘. Ich kann das nicht nachvollziehen, bin aber auch das falsche Zielpublikum. Man müsste es wohl als allerersten, einführenden Text in den Atheismus lesen. Wer Hume, Kant, Feuerbach oder auch nur Nietzsche gelesen hat, wird sich langweilen.

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