Alban Nikolai Herbst: Traumschiff

Zu diesem Buch habe ich bislang ausschließlich euphorische Kritiken gefunden: Und das verwundert denn doch. Mich haben weder Sprache noch Inhalt oder Konstruktion besonders beeindruckt – im Gegenteil: Gerade die Erzählform wirkt so fragwürdig wie künstlich und bleibt schlussendlich unerklärt.

Gregor Lanmeister, ein 69jähriger ehemaliger Unternehmer, beschreibt auf einer Kreuzfahrt sein langsames Absterben von dieser Welt, wobei er für die Niederschrift Hefte benutzt, Hefte, die aber so offenbar gar nicht existieren können (von den Mitreisenden wird des öfteren erwähnt, dass in diesen Heften (Kladden) ausschließlich die Koordinaten der Reise notiert würden). Ein solches Schreiben wäre denn auch wenig realistisch bei einem Menschen, der sich gegen Ende seines Lebens kaum noch aufrecht erhalten, schließlich nur noch die Augen bewegen kann. Weshalb sich die Frage stellt, weshalb Herbst überhaupt zu dieser Erzählweise mittels der „Kladden“ gegriffen hat, warum er nicht einfach ohne diesen Kunstgriff ausgekommen ist und sich eines inneren Monolges bedient hat. Möglicherweise deshalb, weil er sich damit um einige Pointen gebracht hätte, die direkt im Zusammenhang mit der Schreibtätigkeit des Dahinsiechenden stehen. Oder aber auch aus einer Art Originalitätssucht, die ein wenig Verwirrspiel und Unausgegorenheit für originell und modern hält. Damit wird aber in der Regel bloß die Unfähigkeit im Umgang mit dem Text kaschiert.

Lanmeister erzählt vom eigentümlichen Leben auf dem Kreuzfahrtsschiff, von der Tatsache, dass – entsprechend der Anzahl von Steinen eines Mahjongg-Spieles – 144 Personen das „Bewusstsein“ hätten, ein Bewusstsein, das die Erkenntnis des eigenen (baldigen) Todes beinhaltet. Diese so Auserwählten verlassen das Schiff nicht mehr (oder sterben bei dem Versuch), sie wissen um ihr Ende, ohne dieses Wissen einander mitzuteilen: Wobei es für das „Bewusstsein“ geradezu konstituierend ist, es selbst zu spüren und anderen anzusehen, es ist ein Gefühl, das sich der sprachlichen Mitteilung versagt. Lanmeister selbst spricht ohnehin nicht mehr, nach einem Herzanfall hat er sich in sich selbst (in seine „Kathedrale“) zurückgezogen und widersteht der Versuchung des Sprechens bis kurz vor seinem Ende. Aber er erzählt – überraschenderweise – vom Leben auf dem Traumschiff – und zwar trotz nachlassender körperlicher und geistiger Kräfte, trotz beginnender Amnesie – durchaus luzide und kritisch, wobei er auch sein eigenes Leben in diese Analyse miteinbezieht.

Zu all dem gesellt sich ein beachtlicher metaphorischer Wust: Das schon erwähnte Mahjonggspiel verbunden mit tatsächlichen und eingebildeten Erscheinungen von Vögeln, die da wohl als entfliehende Seelen vorgestellt werden sollen, das schicksalhaft Vorbestimmte des Sterbens der einzelnen Reisemitglieder, synästhetische Spielereien, in denen Farben mit Wochentagen oder Tonarten assoziiert werden (wobei ich mich des Eindrucks nicht erwehren konnte, dass diese recht sinnfreien Zusammenstellungen ein Teil des Vexierspieles sind, das Autoren in der Hoffnung, als klug und tiefsinnig gesehen zu werden, mit ihren – hoffentlich kreativen – Lesern betreiben), dann wiederum lauscht man auf offener See den Zikaden, die aber nur der Pianistin des Schiffes und dem Protagonisten zu hören vergönnt sind, sieht anderes mehr-weniger mythisches Getier, blickt ergriffen in Sternbilder oder sieht eine Nixe als Todesengel.

Nur selten gibt es gelungene Szenen, die den Verfall und das Sterben Lanmeisters in seiner ganzen Tragik nachvollziehbar erscheinen lassen, zumeist aber sind die Beschreibungen allzu bemüht um Tiefsinnigkeit (so manches könnte aus einer eher banalen Aphorismensammlung entnommen sein) und allegorisch überfrachtet – vor allem dort, wo der Autor an die Grenzen seiner Möglichkeiten gelangt. Weshalb mir die eingangs erwähnten, ausschließlich positiven Besprechungen ein Rätsel sind: Weder vermag hier die Sprache zu beeindrucken noch Darstellung einer Psychologie des Sterbens. Vielmehr scheint sich der Autor mit seinem Thema, mit dem ganzen Entwurf übernommen zu haben – und diese Überforderung zu kompensieren war er mit unzulänglichen Mitteln bemüht.


Alban Nikolai Herbst: Traumschiff. Hamburg: Mare 2015.
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3 Kommentare zu Alban Nikolai Herbst: Traumschiff

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  2. Alban Nikolai Herbst hat deinen Verriß entdeckt. Seit jeher bin ich lediglich ein Leser seines Arbeitsjournals und fiebere, was sein Leben und Arbeiten angeht, mit ihm mit.

    • Ich bin – wie du dir wahrscheinlich denken kannst – durch dich auf Herbst aufmerksam geworden. Und habe in diesem „Arbeitsjournal“ nun ein wenig geblättert, für mich ein bisschen zu viel Nabelschau. So eine Art postpubertäres Tagebuch, immer den Blick auf den prospektiven Leser und dessen zu erwartende, vorgestellte Reaktion gerichtet. Allerdings habe ich nur kurz darin gelesen. Und tue nun vielleicht doch Unrecht.

      Zum Traumschiff: Ich bin froh, dass er als Autor sich nicht geärgert hat – daran ist mir nicht gelegen. – Er hat ja eine nicht geringe Zahl an Kritiken verlinkt, die sich alle recht begeistert über das Buch auslassen. Wenn ich allerdings die Formulierungen in diesen Kritiken lese (ein „wichtiger postmodernen Autor“ oder „Der erste Satz verglich sich mir mit dem berühmten ersten Prousts“) so wird mir meine eigene Unzufriedenheit mit dem Roman umso verständlicher. Über postmodernen Schnickschnack in der Philosophie haben wir hier ja schon allenthalben diskutiert, in der Literatur könnte man ein solche Haltung (vielleicht) eher verteidigen. Wie auch immer: Ich mag diesen Tiefsinn mit Anlauf einfach nicht. Mir ist ein Autor wie Ralf Rothmann, der mir Teile seines Lebens ganz ohne postmoderne Versatzstücke liefert, sehr viel lieber. Und bei dem man auch nicht das Gefühl hat, dass er stolz ist auf das Wissen aus zwei Bänden Kereny und das wenigstens in Teilen unterzubringen intellektuelle Pflicht zu sein scheint.

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