Apuleius: Amor und Psyche

Bei Amor und Psyche handelt es sich um eine Geschichte, die im Rahmen von Apuleius‘ Roman Metamorphosen (seit Augustins De civitate Dei auch bekannt als Der goldene Esel) erzählt wird. Sie wird dort von einer alten Vettel einer jungen Frau erzählt (in Beisein des Ich-Erzählers als Esel), die gerade von Räubern gekidnappt wurde, und hat innerhalb des Romans durchaus eine narrative Funktion. Apuleius lebte und schrieb im 2. Jahrhundert u.Z. und schon früh wurde Amor und Psyche als eigenständige Erzählung aus ihrem grösseren Rahmen herausgelöst und so weitergegeben. In dieser eigenständigen Form hat sie wohl auch Boccaccio beeinflusst (der sogar die narrative Struktur von Rahmenerzählung und Binnenerzählung kennt, auch wenn im Decamerone die Binnenerzählungen kaum Einfluss nehmen auf den Rahmen). Auch bei Shakespeare lassen sich Einflüsse aus Amor und Psyche erkennen. Daneben gab und gibt es auch mehr oder minder texttreue Bearbeitungen / Übersetzungen; William Morris z.B. hat eine geliefert, in der aus Psyche eine viktorianische Lady wurde.

Der Inhalt von Amor und Psyche ist rasch erzählt. Psyche ist die jüngste von drei Prinzessinnen: eine schöne, junge Königstochter – so schön in der Tat, dass der Ruhm ihrer Schönheit sogar den Ruhm der Göttin Venus überstrahlt. Diese wird eifersüchtig und beauftragt ihren Sohn Amor, sie an der jungen Frau zu rächen. Der entführt sie in einen prächtigen Palast, wo sie des Nachts von einem unsichtbaren Liebhaber besucht wird. Leider glauben ihre (ebenfalls eifersüchtigen) Schwestern nicht so ganz an ihren Tod. Da auf der andern Seite die junge, naive Frau Sehnsucht verspürt nach ihrer Familie, gelingt es den beiden bösen Schwestern, bis zu Psyche vorzudringen und sie zu überreden, ihren unsichtbaren Liebhaber im Schlaf zu überraschen. Sie entdeckt einen schönen Jüngling, nämlich Amor selber, der allerdings im Zorn darüber, dass Psche ihr Versprechen gebrochen hat, ihn nie auszuspionieren, gen Himmel fährt und die junge (mitterweile schwangere) Frau alleine zurücklässt. Da jetzt auch Venus von der Geschichte Wind bekommen hat, beschliesst die Göttin, sich selber an Psyche (und ein bisschen auch an ihrem Sohn) zu rächen. Nach längerem Leiden kommt es, wie es kommen muss: Psyche wird doch noch von Amor geheiratet und auf Befehl des Zeus in den Kreis der Götter aufgenommen. Selbst Venus tanzt an ihrer Hochzeit.

Meine Ausgabe wurde von Eduard Norden übersetzt. Norden sollte später zu einem der bekanntesten Latinisten werden; bei der Übersetzung von Amor und Psyche im Jahr 1902 stand der junge Mann noch ganz am Anfang seiner Karriere. Und er tat etwas, das heute kein Übersetzer mehr tun würde, mehr tun dürfte: Er bildete sich eine Theorie und begann, an Hand dieser Theorie zu übersetzen – sprich: das Original zu bearbeiten.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts standen die Literaturwissenschaften noch immer im Bann ihrer Gründer. So kam Norden unter dem Einfluss der Brüder Grimm zum Schluss, bei Amor und Psyche müsse es sich um Apuleius‘ Bearbeitung eines älteren Volksmärchens handeln. Nun gibt es sicherlich im Inhalt der Erzählung so einige märchenhafte Elemente zu finden: Wir finden eine jüngste Prinzessin mit einem ganz speziellen Schicksal, wir finden zwei böse Schwestern, wir finden die böse Schwiegermutter, wir finden den geheimnisvollen Prinzen (der seiner Gemahlin geheimnisvolle Auflagen macht), wir finden zwar nicht das arme Mädchen, das einen Prinzen heiratet und zur Königin wird, aber eine Prinzessin, die einen Gott heiratet und zur Göttin wird. Alles Elemente, die ähnlich auch das Volksmärchen kennt. Nur, dass Apuleius derber und obszöner erzählt als die Brüder Grimm. Das führte Norden zur Annahme, der Lateiner habe sozusagen ein ursprüngliches Märchen verderbt. Dieses ursprüngliche Märchen nun wollte der Übersetzer wiederherstellen. Sprich: Norden glättet – ganz im Geist seiner wilhelminischen Zeit – den derben Humor des Apuleius und bringt obszöne Stellen zum Verschwinden. Es gelingt ihm denn auch, eine im Tonfall den Grimm’schen Märchen sehr ähnliche Erzählung zu präsentieren.

Dennoch würde so etwas heute allenfalls den Literaturhistoriker interessieren – oder einen jener Verlage, die gemeinfreie Texte – meist billig und schludrig gemacht – für teures Geld auf den Markt bringen. Hier aber haben wir eine (allerdings auch nicht billige!) Ausgabe des WBG-Imprints ‚Lambert Schneider‘ vor uns. Es wurde nämlich nicht nur die Übersetzung wieder aufgelegt: Wir haben einen bibliophilen Nachdruck der (ebenfalls bibliophilen) Jugenstil-Ausgabe von 1902 vor uns, mit den Illustrationen von Walter Tiemann. (Diese Illustrationen sind interessanterweise bedeutend freizügiger als die Übersetzung!) Der Druck von Schrift und Rahmen ist in Grün und Rot gehalten, der Einband selbstverständlich Leinen, das Papier ist kräftig und fein zugleich. Im Anschluss an die nur 62 Seiten umfassende Erzählung findet der interessierte Leser noch jede Menge Informationen zu Amor und Psyche, dem Autor, dem Übersetzer und dem Illustrator.

Es handelt sich dabei um eine auf 1’199 Exemplare limitierte Sonderauflage – wer sich dieses bibliophile Gesamtpaket wünscht, muss sich u.U. beeilen.

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