Richard Dawkins: Die Schöpfungslüge

Dawkins gehört im Bereich Biologie/Evolution zu den allerbesten Sachbuchautoren. Leider wird sein Name fast ausschließlich mit seinem Buch „Der Gotteswahn“ in Zusammenhang gebracht und werden seine anderen, äußerst lesenswerten Bücher weniger beachtet.

Auch das vorliegende Buch verdient großes Lob: Dawkins versteht es, komplizierte Zusammenhänge verständlich darzustellen, betrachtet Probleme aus unterschiedlichen Blickwinkeln, seine Argumentation ist immer durchdacht und nachvollziehbar. In diesem Buch ist es ihm darum zu tun, die unterschiedlichsten Belege für die Richtigkeit von Darwins (modifizierter) Evolutionstheorie darzulegen, wobei er sich schon zu Beginn gegen die Verwendung des Begriffes „Theorie“ als einer bloßen Spekulation wendet: Wie er in den nachfolgenden Kapiteln zeigt, ist die Evolutionstheorie längst keine reine Hypothese, sondern eine der am besten mit empirischen Belegen versehenen Theorien überhaupt.

Wie aber bereits aus dem (deutschen) Titel hervorgeht (im Englischen lautet er „The greatest show on earth“) richtet sich das Buch auch an die von ihm sogenannten „Geschichtsleugner“: Also Kreationisten und Vertreter des Intelligent Design jeder Couleur. Diese seine Mission ist für den „Normalleser“ ein wenig enervierend, andererseits belegen die von Dawkins in einem Anhang präsentierten Zahlen über die Akzeptanz der Evolutionstheorie die Notwendigkeit für ein solches Engagement: So sind in den USA nur 14 % von der Evolutionstheorie Darwinschen Zuschnittes überzeugt (obschon diese Zahl durch eine m. E. etwas verquere Fragestellung verursacht worden sein könnte), über 40 % sind der Meinung, dass die Erde nicht älter als etwa 10 000 Jahre ist. Selbst in Europa liegt die Akzeptanz der Evolutionstheorie noch knapp unter 50 %, ein zwar ungleich besserer, aber trotzdem beunruhigender Wert.

Dawkins führt in diesem Buch nicht nur die altbekannten Fossilien als Beleg für die Entwicklungsgeschichte des Lebens an, sondern ist um eine Gesamtdarstellung bemüht: Beginnend mit den beeindruckenden Ergebnissen menschlicher Züchtung (etwa bei Hunden, aber auch bei zahlreichen essbaren Pflanzen), über die Wechselwirkung von Organismen untereinander (so konnte man aufgrund einer Orchideenart in Madagaskar auf speziell gebaute Nachtfalter Rückschlüsse ziehen, die für die Bestäubung zuständig sein mussten – und sie wurden auch gefunden), die verschiedenen Datierungsverfahren (von der Dendrochronologie bis zu den Methoden der Altersbestimmung über den radioaktiven Zerfall verschiedener Elemente), die vor unseren Augen ablaufende Evolution (wenn etwa Tiere aus ihrem angestammten Lebensraum in einen anderen verbracht werden), die Fötusentwicklung (die uns in unsere eigene Vergangenheit blicken lässt) bis zu den faszinierenden molekularbiologischen Vergleichen oder auch den unsinnigen Irrwegen der nur durch die Evolution zu erklärenden Physiologie: Das Vorhandensein eines Blind-Darms oder der überaus seltsame Verlauf des Kehlkopfnerves, dessen Umwege nur über die entsprechenden Entwicklungsschritte erklärt werden kann. Außerdem räumt er auch mit der Mär des „missing links“ auf: Die Homo- und Australopithecinenfunde weisen längst nicht jene Lücken auf, die von Evolutionsleugner gerne ins Feld geführt werden. Im Gegenteil sind sogar die Streitigkeiten über die Zuordnung der einzelnen Skelette ein Hinweis auf den kontinuierlichen Verlauf der Entwicklung. Diese Kontinuität sei auch Philosophen einmal mehr in Erinnerung gerufen, wenn sie sich über die ganz besondere (oder gar gottgleiche) Stellung des Menschen ereifern: Jeder dualistische Ansatz von res extensa und res cogitans müsste zu erklären in der Lage sein, wo denn in der Entwicklung vom Prokaryonten zum Menschen dieser Sprung stattgefunden habe.

Ein in jedem Fall ganz ausgezeichnetes, gut geschriebenes Buch, dessen Lektüre für den mit der Evolutionstheorie Vertrauten zwar nicht immer Neues bringt, das aber die grundlegenden Faktoren auf beeindruckend klare Weise darzustellen versteht. Die häufigen Ausfälle gegen die Unsinnigkeit von Kreationismus & Co. waren für mich entbehrlich, angesichts der oben dargestellten Meinungen (selbst in aufgeklärten Ländern) sind sie aber offenkundig notwendig. Insgesamt aber wunderbar zu lesen, anregend zu weiterer Lektüre und Aufklärung im besten Sinne.


Richard Dawkins: Die Schöpfungslüge. Warum Darwin recht hat. Berlin: Ullstein 2010.

Dieser Beitrag wurde unter Fach- und Sachliteratur, Theoretische und angewandte Naturwissenschaft abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.