Atheist, der:

Symphonie in drei Sätzen, einem Präludium und einer Coda

Preludio

Dieses Aperçu ist ursprünglich im Rahmen einer Blogtour entstanden, die zum Buch E.D.E.N von Mike Engel geplant war. Die Blogtour wurde kurzfristig abgesagt. Vielleicht hat das Buch bei dem einen oder andern Blog für dieselbe Verwirrung gesorgt, für die es bei so manchem amazon-‚Rezensenten‘ verantwortlich war? Wir haben hier nämlich eine relativ triviale Geschichte vor uns, angereichert mit sehr viel Sachinformationen zu so unterschiedlichen Themen wie Atheismus, Neurowissenschaften, Border-Line-Syndrom oder Nahtoderfahrungen. Das mag den einen oder andern stören; ich bin relativ hart im Nehmen, mir ist diese Reizüberflutung nicht einmal aufgefallen.

Erster Satz (Allegro con brio)

Atheisten leugnen Gott und sind deshalb völlig unmoralische Menschen. Atheisten rauchen, saufen, fluchen, huren. Da Atheisten kein höheres Wesen anerkennen, anerkennen sie auch keine Moral. Ein Atheist wird Dir, lieber Leser, Deine Gattin verführen und Deine minderjährigen Söhne und Töchter verderben. (Permutationen mit Atheistinnen, Leserinnen und Gatten ad libitum.) Atheisten sind Materialisten, sind Kommunisten. Sie werden Dir, liebe Leserin, Dein bisschen Erspartes klauen, um es selber zu verjubeln. Sie werden Dir Dein Häuschen enteignen, um selber darin zu wohnen. Dass kein erklärter Kommunist in den sog. Panama Papers erscheint, zeigt nur, dass Kommunisten viel schlauer und skrupelloser sind, als die armen Kapitalisten, die über Off-Shore-Geschäfte ihre paar Millionen oder Milliarden an hart ersparter Altersrente geparkt haben. Atheisten sind gottlose Geisteskranke und nicht zu Unrecht in gewissen US-amerikanischen Staaten bis weit ins 20. Jahrhundert vor Gericht als Zeugen nicht zugelassen worden. Wenn ein Atheist Gott leugnet, leugnet er ja auch die Vergeltung irdischer Missetaten in einem Jenseits. Wovor soll ein Atheist sich denn fürchten, wenn er einen Meineid ablegt?

Atheisten sind arme Wesen, die im Grunde genommen den Gott, den sie verleugnen, suchen, aber noch nicht gefunden haben. Enttäuschte Gottessucher, Menschen, die auf die göttliche Erleuchtung warten.

Zweiter Satz (Adagio impensierito)

Ziemlich sicher gibt es tatsächlich atheistische Alkoholiker. Oder atheistische Massenmörder. Ebenso, wie es gläubige Alkoholiker gibt. Und gläubige Massenmörder. Die Menge der sich als ‚gottesnah‘ Bezeichnenden in den US-amerikanischen Gefängnissen ist proportional um einiges grösser, als in der Gesamtmenge der US-amerikanischen Bevölkerung. Goebbels (oder war es ein anderer?) hat den Goethe verehrt, Adolf Hitler den Karl May. Es gibt atheistische Naturwissenschafter, und – merkwürdigerweise – gläubige Naturwissenschafter.

Was die Moral des Atheisten betrifft, so genügt für den Alltag dem Atheisten wie dem Gläubigen das im Sprichwort verankerte „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg‘ auch keinem andern zu!“ Viel mehr als das hat selbst der grosse Kant nicht zur Ethik beigetragen.

Dritter Satz (Allegretto)

„He’s a mad scientist and I’m his beautiful daughter.“

Mit diesem Satz stellt sich die Protagonistin Deety in Robert A. Heinleins Roman The Number of the Beast vor, mit diesem Satz beginnt der Roman. Heinlein spielt hier (und den ganzen Roman hindurch) mit einem Klischee der US-amerikanischen Pulp Fiction (das sind die Heftchenromane aus den 1930ern, 1940ern und 1950ern mit ihren oft aufreizenden Covern). Dieser Satz schoss mir sofort durch den Kopf, als ich auf amazon die Einführung zum Roman E.D.E.N las.

Tatsächlich haben wir auch in E.D.E.N. den verrückten Wissenschafter und seine – nun ja, nicht Tochter sondern Schwester. Zugegeben, schön ist die Schwester wohl nicht, dafür aber auch verrückt. Ich will hier betonen, dass ich mich keineswegs über Leute lustig machen will, die am sog. ‚Borderline-Syndrom‘ leiden. Ich habe weder theoretisch noch praktisch Erfahrung mit dieser Krankheit. Ich habe einfach den Eindruck, dass heute kein noch so triviales Werk erscheinen darf ohne Protagonisten, die an irgendeiner psychischen Krankheit laborieren. Jeder Kommissar in der TV-Reihe Tatort scheint ein Psychopath sein zu müssen, an psychotischen oder neurotischen Störungen zu leiden. Oder auch nur schwanger zu sein. Die Schwester also leidet am Borderline-Syndrom, was sich darin ausdrückt, dass sie sich, wenn sie in ein Tief fällt, nur daraus retten kann, indem sie sich selber Schmerzen zufügt – sprich: sich mit einer Rasierklinge irgendwo ins Fleisch schneidet. Daneben ist sie Künstlerin, sie spielt Piano.

Der verrückte Wissenschafter ist – selbstverständlich – Neurowissenschafter, also ein direkter Erbe von Frankenstein. Er hat ein Gerät entwickelt, mit dem er Gehirnwellen aussenden kann, die im Zielobjekt die Vorstellung erwecken, Gott spräche direkt zu ihm. Mit seiner Entwicklung will er – was denn sonst? – die Weltherrschaft an sich reissen. Oder jedenfalls berühmt und steinreich werden.

Bruder und Schwester sind die beiden Seitenstücke im Protagonisten-Triptychon, in dessen Zentrum Stoller steht. Stoller ist Alkoholiker, Raucher, Ingenieur und – Atheist. Ein Triptychon an Klischees, sozusagen. Selbstverständlich ist Stoller im Geheimen ein Suchender. Als nämlich der verrückte Wissenschafts-Bruder sein Gerät auf ihn richtet und so in seinem Hirn eine Vision Gottes produziert, fällt es dem Ingenieur und Atheisten in keinem Moment ein, das Ganze als Gaukelei seines schon ziemlich abgesoffenen Hirns zu interpretieren. Er geht nicht zum Arzt, sondern sucht, getreu dem Klappentext, die Wahrheit, das heisst, er sucht Gott. Er rennt in die Kirche – selbstverständlich eine Freikirche, denn sogar die katholische Kirche ist in Mitteleuropa mittlerweile zu aufgeklärt, um noch an Erweckungserlebnisse zu glauben. Von der protestantischen ganz zu schweigen. Er liest die Bibel, er liest Paulus, er liest Augustin, er liest Eckhart. Er liest noch vieles andere, um herauszufinden, ob sein Erweckungserlebnis real ist. Er predigt das nahe Ende der Welt am Firmenfest.

Der Gott suchende Atheist. Die durch Erlebnisse in der Kindheit psychisch erkrankte junge Frau. Der verrückte Wissenschafter. Aber nicht nur die Figuren sind durch und durch Klischee. (Klischee sind übrigens auch die Nebenfiguren, die ich hier gar nicht erst erwähne.) Auch die Sprache trieft von Klischees. Wenn mich der verrückte Wissenschafter im Rückspiegel seines Autos aus eisblauen Augen (S. 13) anblickt, so ist das nicht nur eine für Pulp Fiction übliche Überdeterminierung (Dr. Meckels Augenfarbe wird im weitern Verlauf des Romans absolut keine Rolle spielen), wie z.B. die Erwähnung der Tatsache, dass er nicht einfach Whisky einkauft, sondern Lagavulin, […] torfigen Single Malt (auch Dr. Meckel trinkt viel zu viel, wenn auch teuer) oder der Umstand, dass der Neurowissenschafter einen schnittigen Audi fährt. Aus dem Klischée der eisblauen Augen folgt nahtlos das Klischee, dass der Besitzer der Augen einer ist, der seine nicht ganz koscheren Ziele verfolgt, und zwar ‚eiskalt‘.

Die Gehirnwellen übrigens, die Dr. Meckels seltsames Gerät aussendet, habe ich, glaube ich, seit der 1950er Pulp Fiction auch nicht mehr angetroffen.)

Coda

Das Ende der Handlung ist selbstverständlich ein Happy Ending. Der verrückte Wissenschafter macht sich unschädlich, indem er sich aus Versehen mit seinem Gerät selber in den Irrsinn schiesst. Seine Schwester und der Ingenieur verlieben sich ineinander. Als die Pianistin dann schwanger wird, heilt sie das offenbar von ihrem Syndrom, und den Ingenieur heilt es vom Saufen (und von Gott?).

Ich bin ganz eindeutig nicht das Zielpublikum solcher Romane.

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Ein Kommentar zu Atheist, der:

  1. Stellt sich die Frage, ob es nicht auch eine Form von selbstverletzendem Verhalten ist, einen solchen Roman zu Ende zu lesen. Gehe in dich und erforsche deine verborgenen (und verdrängten) masochistischen Adern …

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