Franz M. Wuketits: Mit Pessoa in den Baumarkt

Wuketits ist von Hause aus Biologe, Wissenschaftsgeschichtler und -theoretiker. Hier nun hat er einen Ausflug in die Belletristik gemacht – im Ganzen nicht einmal ungelungen, wenn auch im Einzelnen verbesserungsfähig.

Wir wohnen 12 Tagen im Leben des Kolumnisten W. bei, der soeben von seinem Onkel eine Altbauwohnung geerbt hat und nun umgezogen ist, von seiner alten Neubauwohnung in seine neue Altbauwohnung. Er wohnt nun in einem ganz andern, ihm bis anhin unbekannten Viertel Wiens. (Mehr Geografisches erfahren wir nicht.)

Der Titel der Geschichte ist – ebenso wie die Werbetexte auf dem hinteren Buchrücken – im Grunde genommen irreführend. Pessoa spielt im ganzen Roman überhaupt keine Rolle, ausser dass sein Name unter einem der beiden Motti steht, die ihn einleiten. Ob das Motto überhaupt von Pessoa stammt, kann ich nicht beurteilen. Wuketits bringt immer wieder falsche Zitate, bzw. Aussagen, die er frei erfundenen Personen zuschreibt. Das ist Teil seiner Satire, die auch auf die Zitier- und Renommiersucht des (österreichischen?) Intellektuellen zielt.

Wichtiger für Wuketits ist der zwei- oder dreimal genannte Kafka (Wuketits zitiert Die Verwandlung – obwohl gerade dort die stilbildende kafkaeske Formel ‘Name des Protagonisten = mit Punkt abgekürzter Name des Autors’ fehlt, auf die auch Wuketits zurückgreift). Des öftern genannt wird Heimito von Doderers Brachial-Groteske Die Merowinger. (Eine Auseinandersetzung mit der ihrerseits für Doderer wichtigen Intellektuellen-Satire Auch Einer von Vischer fehlt hingegen. Vischer war kein Kakanier; und mir will scheinen, dass sich Wuketits, selber Wiener, auf Wien und Kakanien eingeschossen hat.) Vor allem die darin vorkommenden Prügelszenen haben es Wuketits offenbar angetan.

Eine Quelle allerdings – obwohl ebenfalls kakanischen Ursprungs – unterschlägt Wuketits: Elias Canettis Die Blendung. Dabei ist Wuketits’ Anton W. in vielem ein Abbild des größten lebenden Sinologen und Büchersammlers Peter Kien. Seine Bibliothek nimmt für W. fast denselben Stellenwert ein wie für Kien die seine. W. ist vor allem derselbe misanthrope Sonderling – so abgesondert vom Rest der Welt, dass er de facto als lebensuntüchtig bezeichnet werden muss. W.s Besuch im Baumarkt (der tatsächlich stattfindet, weil W. einen Nagel in die Wand zu schlagen hat, und der Parkettboden müsste auch repariert werden – allerdings bleibt Pessoa, wenn überhaupt, zu Hause in der Bibliothek) entwickelt sich zu einem ähnlichen Horror-Szenario wie Kiens letzte Tage.

Nur – und hier komme ich zu meiner Kritik: Nur, dass W.s Besuch im Baumarkt nach ca. einem Drittel des Buchs abgehandelt ist. Während Canetti, wohlkomponiert, seinen Kien mehr und mehr in ein absurd-tragisches Finale schlittern lässt, wird W. zwar durch seinen Baumarktbesuch ebenfalls traumatisiert. Doch nachdem der fast 50-jährige Stubenhocker Anton W. ein paar mehr oder minder harmlose Passanten in Doderer’scher Manier zusammengeschlagen hat, ohne dass ihm selber etwas dabei geschieht, geht es ihm wieder besser, und er lebt, nachdem er dann auch noch die Angst vor einer polizeilichen Verfolgung überwunden hat, sein gewohntes Leben weiter. Der Leser ist düpiert und schüttelt den Kopf.

Der Rest des Buchs ist eine Satire über Intellektuelle – vor allem jene, die sich vorwiegend oder ausschliesslich mit dem beschäftigen, was man üblicherweise Geistes- oder Kulturwissenschaften nennt. Anton W., der in einem seiner Almanache den Satz “Kunst ist Scheisse” gelesen hat, traut sich selbst in Gedanken nicht, das letzte Wort auszusprechen, geschweige denn, sich vorzustellen. So verklemmt kann ein Mensch des 21. Jahrhunderts gar nicht sein. W. entwickelt im Widerstand gegen jene simple und fäkale Theorie der Kunst eine eigene und, wie er denkt, neuartige. Bei einem Abendessen mit Fuchs, einem Verleger und zukünftigen Auftraggeber, traut er sich dann aber nicht hinter dem Ofen hervor (obwohl er das Manuskript dabei hat!) und lässt sich statt dessen beschwatzen, für Fuchs’ Zeitung in Zukunft – Nachrufe zu verfassen.

Was furios und grotesk begonnen hat, plätschert so am Schluss in satirischer Beliebigkeit vor sich hin. Der Autor scheint nicht ganz gewusst zu haben, was er eigentlich schreiben wollte. Das zeigt sich auch darin, dass sich unabhängig von Stil und Inhalt des Haupttextes immer wieder satirische Fussnoten finden, die das Thema ‘Schwein’ variieren – beeinflusst wohl vom Schweinchen aus der Herde Epikurs. Diese Fussnoten sind mehr oder minder lustig, harmonieren aber leider kaum mit dem Haupttext.

Man müsste das Buch wohl in einem Wiener Kaffeehaus lesen, bei einem grossen Braunen.


Angeregt zu dieser Lektüre wurde ich übrigens durch BigBens wundersame Welt.

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