„Cook, der Weltumsegler“

Cook, der Weltumsegler. / Leben, Reisen und Ende des Kapitän James Cook. / Nebst einem / Blick auf die heutigen Zustände der Südsee⸗Inselwelt. / Ursprünglich herausgegeben / von / Dr. Karl Müller, / in den späteren Auflagen bearbeitet / von der / „Redaktion des Buchs der Reisen.“ / Mit 100 in den Text gedruckten Abbildungen und zwei Sonderdruckbildern. / Dritte verbesserte Auflage. / [Hier wurde der ursprüngliche Verlag überdeckt, statt dessen steht Melchior / Historischer Verlag.]

So der Haupttitel des Buchs. (Der Schrägstrich – / – zeigt einen Zeilenumbruch an.) Das Werk hat aber noch einen Reihentitel:

Malerische Feierstunden. / Das Buch der Reisen und Entdeckungen. / Neue Illustrierte / Bibliothek der Länder- und Völkerkunde / zur / Erweiterung der Kenntis der Fremde. / Cook, / der / Weltumsegler. / Dritte verbesserte Auflage. / [Auch hier Verlagsangabe wie oben.]

Doch der Melchior Verlag gibt dem Reprint noch einen eigenen Titel:

Das seltene Werk / Cook der Weltumsegler / von / Dr. Karl Müller / erscheint im Rahmen ausgewählter Literatur / als exklusive Reprint-Ausgabe in der / Historischen Bibliothek des Melchior Verlages. / Die historische Bibliothek enthält wichtige / sowie interessante Bücher zur Geschichte / und lässt anhand dieser eindrucksvollen Zeitzeugen / bedeutenden Ereignisse, Begebenheiten und Personen / aus längst vergangener Zeit wieder lebendig / erscheinen. / Nachdruck der Originalausgabe von 1882 / nach einem Exemplar aus Privatbesitz. / [Hier dann nochmals die Verlagsangaben, ähnlich wie oben, mit ISBN.]

Dass der Original-Verlag unterschlagen wird, zeigt allerdings die geringe Bedeutung des Historischen für den Melchior Verlag. Er lässt sich heutzutag über Internet allerdings problemlos eruieren: Es handelt sich um die Verlagsbuchhandlung Otto Spamer in Leipzig, ein Verlag, dessen Schwerpunkt im Bereich der sogenannten Familien- und Volksschriften, sowie der Kinder- und Jugendliteratur lag. Das Werk Cook, der Weltumsegler hat es übrigens auf mindestens 5 Auflagen gebracht, selten wird es kaum sein. Es ist dem Melchior Verlag zu Gute zu halten, dass er offenbar – anders als andere seines Tätgkeitsgebiets – gute Vorlagen benutzt, nicht die zum Teil schludrig eingescannten Dinger von Google-Books. (Obwohl: Ich habe da schon lange nicht mehr hineingeschaut. Vielleicht ist deren Qualität unterdessen auch besser.) Dafür scheint der Melchior Verlag gleich fürs sog. Neu-Antiquariat zu produzieren. Ein wirklich guter historischer Verlag würde mit einem Vor- oder Nachwort darauf hinweisen, aus welchen Quellen z.B. dieser Dr. Karl Müller seine Kenntnisse geschöpft, wer die Illustrationen erstellt und auf welche Quellen sich der Illustrator gestützt hat etc., etc.

Technisch und herausgeberisch also an der unteren Grenze des noch Akzeptierbaren. Der Text selber stellt ein typisches Jugendbuch dar, wie man es den (männlichen) Jugendlichen noch bis ungefähr in die 1960er Jahre zu präsentieren wagte: Cook ist der brave, aber ehrgeizige Junge aus bescheidenen Verhältnissen, besessen vom einzigen Wunsch, zur See zu fahren. Der wird ihm denn auch erfüllt. Allerdings steht der jugendliche Leser dann ganz alleine vor dem merkwürdigen Phänomen, dass Cook, der auf den ersten beiden Reisen ein Muster an Toleranz gegenüber den Maori oder den Bewohnern der Südsee-Inseln war, auf der letzten diese Toleranz so völlig vergessen zu haben scheint – was denn auch seinen Tod provozierte. (Zugegeben: Auch auf den ersten beiden Reisen werden die Eingeborenen erbarmungslos niedergeschossen, wenn sie es wagen, sich auch nur in die Nähe eines Gewehrs oder einer Kanone zu begeben, geschweige denn, so ein Ding anzufassen. Aber das war in der Mitte des 19. Jahrhunderts gang und gäbe und hat Cooks Bild keineswegs getrübt.)

Nach den Kapiteln über Cooks Jugend – die zwar eher hagiografisch als biografisch zu nennen sind, aber doch noch einigermassen packend erzählt – gehen die Autoren zu einer simplen Aufzählung von diesem oder jenem Ereignis auf dem Schiff oder an Land über. Diese ‚Abenteuer‘ sind mechanisch aneinandergereiht, und werden mechanisch heruntergeleiert wie ein Rosenkranz. Man erfährt nichts über Cooks Persönlichkeit, wenig mehr ausser den Namen seiner wichtigsten Begleiter: Banks und Solander auf der ersten Reise, die beiden Forster auf der zweiten – auf der dritten dann praktisch nur noch die Namen der Lieutenants, die Cooks Stelle als Expeditionsleiter nach dessen Tod übernehmen. Die wissenschaftichen Ziele der ersten Reise werden noch im Detail vorgestellt. Danach erwähnt man zwar die politischen Ziele, aber de facto haben wir einfach eine Abenteuerfahrt vor uns. Über die Bildung oder Gesellschaft der Einheimischen zum Zeitpunkt, als Cook mit ihnen in Kontakt trat, erfährt der Leser nichts. Lieber gehen die Autoren – gleich zweimal! – auf die Schicksale der Meuterer der Bounty ein. Natürlich wird in einem Jugendbuch des 19. Jahrhunderts die – relativ zur europäischen – grosse sexuelle Freizügigkeit der Südsee-Insulaner mit keinem Wort erwähnt. (Während noch Georg Forster immer wieder darauf hinweist!) Ach ja: die beiden Forsters werden meist nicht unterschieden, wir erfahren des öfteren nur, dass Forster den Kapitän irgendwohin begleitete.

Interessant? Nein. Lebendig? Weder im Stil noch in der Darstellung. Spätestens von der Mitte des Buchs an hat der Leser den Eindruck, Zinnsoldaten oder Marionetten vor sich zu haben, die ein vorgegebenes Stück lieblos abspulen.

Schon das Original war – im Stil der Zeit, die das für Jugendbücher als unschicklich erachtete – schlecht dokumentiert. Ein Reprint ohne weiterführende herausgeberische Texte war überflüssig.

 

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