Kurt Flasch, Udo Reinhold Jeck: Das Licht der Vernunft

Sich auf die Suche nach der Aufklärung im Mittelalter zu machen ist ein prekäres Unterfangen: Dass aber darüber ein ganzes Buch geschrieben wurde, darf als ein Hinweis darauf gesehen werden, dass – den Autoren nach zu schließen – das Unternehmen von Erfolg gekrönt war.

Ich bin mir hingegen nicht so sicher, ob der Beweis anhand der vorliegenden Beiträge erbracht werden konnte: Mir scheint die Bezeichnung “Anfänge einer Aufklärung” denn doch übertrieben, wenn man nicht diese Anfänge als höchst zarte Pflänzchen betrachten will. Im Gegenteil: Gerade diese – manchmal verzweifelt anmutende – Suche nach einem rationalen, verständigen Mittelalter scheint mir ein Zeichen dafür zu sein, dass diese Epoche ihre despektierlichen Bezeichnungen nicht ganz zu Unrecht erhält. Wenn man denn von der Trivialität absieht, dass keine Epoche einen erratischen Block darstellt – und eine doch umfängliche Zeitspanne von 1000 Jahren schon gar nicht.

Das aber tut der Lesbarkeit in diesem Fall keinen Abbruch: Die Beiträge sind – von Ausnahmen, wie sie bei Sammelbänden unvermeidbar sind, abgesehen – gut gewählt und ebenso geschrieben, geben interessante Einblicke in die Bestrebungen der Obrigkeit, einem allzu freien Denken zu gebieten bzw. in die Versuche der Denker, diesem Korsett, ohne Schaden zu erleiden, zu entkommen. Dass – bei einigem guten Willen (der bei den Mediävisten vorausgesetzt werden darf) – auch Denker mit aufklärerischen Tendenzen verbunden werden, die man hier kaum erwarten würde (etwa Meister Eckhart), tut dem Lesevergnügen keinen Abbruch: Denn man ist ja nicht gezwungen, den diesbezüglichen Schlussfolgerungen immer zuzustimmen und kann die Ausführungen trotzdem mit Gewinn lesen.

Allerdings liegen in diesem Versuch, das Mittelalter von der – pejorativen – Bezeichnung “mittelalterlich” zu befreien und ihm Aktualität zuzusprechen, einige Klippen verborgen, die – je nach Autor – mehr oder weniger gut umschifft werden. So meint etwa Burkhard Mojsisch in seinem Eckhart-Beitrag, das dessen Etikettierung als Mystiker den Blick auf seine philosophischen Einsichten verstelle, die “nicht nur für das Mittelalter neu oder revolutionär waren, sondern auch heute nichts an Brisanz verloren hätten”. Und er analysiert in diesem Zusammenhang jenen göttlichen Funken, der da – Meister Eckart zufolge – irgendwo auf des Menschen Seele sein (Un-)Wesen treibt, ein Seelenfunken, der zur Hinwendung des Menschen als Menschen führt und damit sich selbst (und nicht Gott) als Zweck betrachtet. Um dies zu erreichen müsse man dem Pseudo-Ich entkommen, dem erkennenden Ich als erkanntem Ich sich zuwenden, nichts wollen als sich selbst, als sein eigenes Bewusstsein, sich selbst als “Seine-eigene Stätte-sein” erwählen. Dieser Gedanke wird klar und nachvollziehbar dargelegt, einiges mag hier auch an die Aufklärung erinnern (wenn der Mensch als Zweck betrachtet werden soll), dass aber diese Seelenfunkensuche von einer Brisanz sei, der man sich auch heute noch nicht entziehen könne, scheint mir ein wenig übertrieben (sofern man von Esoterikern und Möchtegern-Buddhisten auf ihrer Jagd nach dem Nirvana im dämmrigen Schein der IKEA-Teelichter einmal absieht).

Den Vogel der Mittelalter-Beweihräucherung aber schießt der Herausgeber Kurt Flasch im Vorwort ab: Nach dem – fast schon üblichen – Sermon bezüglich Aktualität, Bedeutung und Wichtigkeit der Mediävistik entblödet er sich nicht festzustellen, dass “er die Kaiserkrone Heinrich III., die man in Speyer gefunden habe, höher schätze als das ganze Bundeskriminalamt” und fährt fort: “Ich bin noch nicht einmal sicher, ob es in einem modernen Gerichtssaal gerechter und vernünftiger zugeht als bei einem Gottesurteil, bei dem ein Verdächtiger ein glühendes Eisen sieben Meter weit tragen mußte oder gefesselt ins Wasser geworfen wurde: Ging er unter, war er unschuldig; schwamm er oben, war er schuldig”. Nun könnte man soviel Dummheit und Ignoranz und derart krude Vergleiche (wie man BKA und Kaiserkrone in einen Zusammenhang bringen und dann auch noch das eine dem anderen vorziehen kann bleibt das Geheimnis des Autors) auch mit Stillschweigen übergehen, wenn hinter solchen Bemerkungen nicht System steckte: Eine kaum verborgene, als tiefsinnig gedachte Zivilisationskritik Rousseauscher Manier mit zumeist technophoben Tendenzen, die die Vergangenheit auch dort glorifiziert, wo man es bloß mit Engstirnigkeit und archaischem Verhalten zu tun hat. Eine solche Geisteshaltung gilt ihren Vertretern als “alternativ” oder “kritisch”, sie gibt vor, nicht der ach so platten Verehrung unserer technisierten Zivilisation zu erliegen, sondern diese auf dem Hintergrund eines halb mythisch-goldenen Zeitalters zu durchschauen. Tatsächlich aber fehlt solchen Menschen jegliche Distanz zu ihrem Forschungsgegenstand, sie verehren, weil sie sich interessieren, eine Verehrung, die, wie in diesem Fall, auch dort noch Positives zu entdecken glaubt, wo tatsächlich nur “tiefstes Mittelalter” herrscht. Diese blindwütige Anbetung gibt es gegenüber Philosophen, Wissenschaftsgebieten oder Epochen: Und sie führt zu einem pervertierten Geschichtsbild, das in der Vergangenheit an sich schon einen moralischen Wert erblickt, in jedem Fall aber in der Gegenwart die pervertierte Abkehr von einer – irgendwie idealen – Vergangenheit sieht. Doch wir sollten froh sein, dass die Zeit der glühenden Eisen oder des probeweise Ersäufens der Delinquenten (bei aller berechtigen Kritik an unserem Rechtsstaat) einer lange zurückliegenden (und barbarischen) Vergangenheit angehören, gerade in diesem Bereich ist der Fortschritt evident. Ihm (Flasch) gehe es nicht darum, “für die Aufklärung zu schwärmen” (was offenkundig ist): Ich hingegen halte die Aufklärung angesichts derart peinlicher Ergüsse für notwendiger denn je.


Kurt Flasch, Udo Reinhold Jeck: Das Licht der Vernunft. München: Beck 1997.

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