Karl Philipp Moritz: Anton Reiser

Anton Reiser braucht – hoffe ich doch – nicht extra vorgestellt zu werden. Ich habe den Text nun zum dritten oder vierten Mal gelesen und bin jedesmal mehr entzückt davon.

1785-1790 in vier Teilen erschienen, ist der Roman so modern wie sonst keiner aus jener Zeit. Er erinnert in vielem an Kafka, in noch mehr an Proust. Sprache und Stil sind flüssig und natürlich; die Geschichte (die Aus- und Bildung eines jungen Menschen) ist so realistisch und mit Einsicht in die Mechanismen eines jungen Verstandes geschrieben, dass Moritz nicht nur zu Recht den Untertitel Psychologischer Roman darauf anwenden konnte – er übertrifft den vom Thema her (junger Mann sucht seine Verwirklichung auf dem Theater) ähnlichen Wilhelm Meister um Längen. Keine Spur jener Kanzleisprache, die Goethes Prosa – den Werther ausgenommen – so unlesbar macht, und auch die ganze phantastische Maschinerie mit Turmgesellschaft, pädagogischer Provinz u.ä., die Goethe verwenden zu müssen glaubte, fällt weg. Anton Reiser ist der erste realistische Roman der deutschen Literaturgeschichte.

Diese Modernität verdankt Moritz ausgerechnet der altväterischen Tendenz des Pietismus, sich und die Motive seiner Handlungen immer und immer wieder in Frage zu stellen, zu erforschen. Paradoxerweise ist Anton Reiser die Geschichte eines jungen Mannes, der genau diesem engen Korsett des Pietismus entfliehen will – ohne sich allerdings dieses Grundmotivs seines Handelns bewusst zu sein. Diese Flucht ist auch ein aufklärerischer Impetus. Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit – diesen Ausspruch Kants nimmt Reiser wörtlich. Er geht. Nicht nur, dass er grosse Fusswanderungen unternimmt. Er geht auch praktisch jeden Abend auf dem Stadtwall Hannovers spazieren. Nicht nur dort geht Reiser dabei auch im physischen Sinne des öftern im Kreis. Anton Reiser ist auch der Roman der leisen und subtilen Ironie. Der Protaginist ist – im jedem Sinne des Worts – ein Einzelgänger. Hypochonder und hypersensibel ist er sich seiner (im Verhältnis zu seinen Mitschülern) inferioren Herkunft nur allzu bewusst. Jede (auch unabsichtlich fallen gelassene) Bemerkung eines Mitschülers oder Lehrers kann ihn veranlassen, sich beleidigt in sein Schneckenhaus zurück zu ziehen. So schliesst er nur wenig Freundschaften; die meisten verflüchtigen sich relativ rasch wieder. Wenn er sich jemand anschliesst, ist das meist ein anderer Sonderling.

Seine Erfüllung findet Reiser zunächst einmal im Schreiben und/oder Deklamieren von Versen, Predigten oder eben Schauspielmonologen. Reiser schreibt selber und ist somit auch ein Beispiel jener Originalgenies, die zu Beginn der 1770er Jahre Deutschland anzufüllen begannen. Seine Gedichte sind – so weit erhalten – allerdings kaum der Rede wert. Sein bester Freund, Philipp Reiser, nennt ihn denn auch einen zweiten Hans Sachs. Und das war zu jener Zeit noch durchaus pejorativ gemeint.

Reiser liest. Schundromane – die auch. Um die lesen zu können, verschuldet er sich sogar – für seine Verhältnisse hoch. Aber er liest auch Gottscheds Einführung in die Wolff’sche Philosophie. Wolffs Einführung in die (Leibniz’sche) Philosophie. Leibniz dann nicht. (Es ist immer etwas Halbes an Reisers Bildung.) Werthers Leiden. Bürgers Lenore. Hölty – mit dessen Bruder er zur Schule geht, sich aber nicht traut, um ein Rendez-vous mit seinem Idol anzufragen. Überhaupt den Boie’schen Musenalmanach von vorne bis hinten. Anton Reiser liefert so auch ein Bild des Zustands der jungen Intellektuellen in der Provinz. (Wo aber in Deutschland war damals nicht Provinz? Hannover, wo Reiser das Gymnasium besuchte, war durch seine Verbindung mit Grossbritannien sogar sehr international.)

Dann natürlich das Theater: Shakespeare (in der Wieland’schen Übersetzung noch). Goethes Clavigo. Klingers Zwillinge. Engel. Schüler- und Studentenaufführungen lassen Reiser Blut lecken. Er will professioneller Schauspieler werden, sich einer der damals noch wandernden (!) Theatergruppe anschliessen. Er ist betupft, wenn er bei einer Schüleraufführung keine Rolle erhält oder nicht die, die er sich erträumt hat. Die professionellen Gruppen weisen ihn ab – so riesig scheint sein Talent nicht gewesen zu sein. Ganz im Gegensatz offenbar zu dem seines Mitschülers und Mit-Theaterenthusiasten Iffland.

Reiser ist ein Originalgenie, kein Universalgenie. Sprachen lernt er leicht und gut – Mathematik und die Naturwissenschaften bleiben ihm fremd. Im Roman findet man kaum Landschaftsbeschreibungen. Nur die Menschen sind wichtig.

Und, ja: Dieser Roman ist wichtig.

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