Erhard Oeser: Die Angst vor dem Fremden. Die Wurzeln der Xenophobie

Titel und Untertitel dieses Buches sind irreführend: Auf den knapp 500 Seiten findet man keine oder so gut wie keine Hinweise auf die Wurzeln der Xenophobie, sondern – wenn denn überhaupt das Dargestellte mit Fremdenangst in Verbindung gebracht werden kann – die Auswirkungen derselben. Insofern war das Buch auch eine Enttäuschung: Weder die sozialen noch die biologischen Ursachen werden auch nur gestreift und der Verdacht liegt nahe, dass durch den Titel eine Aktualität suggeriert werden sollte, die sich positiv auf den Verkaufserfolg auswirkt.

Das Buch ist viel eher eine Art Schwarzbuch der Weltgeschichte, die sich besonders der Kriege und Kämpfe zwischen verschiedenen Völkern annimmt. Das beginnt mir der Antike und der griechischen Teilung in eine Welt der Zivilisierten und der Barbaren, wird mit den Expansionskriegen des Römischen Reiches fortgesetzt (und gerade die Römer waren an einer Integration fremder Völker durchaus interessiert, wenn auch unter ihrer Ägide), wendet sich dann der islamischen Expansion zu und der Reconquista, um schließlich die unzähligen Gräuel an den Ureinwohnern nach der Entdeckung Amerikas zu beschreiben. All das hat immer nur unter anderem mit Xenophobie zu tun, das Hinschlachten fremder Völker war ebenso oft durch schlichte machtpolitische oder ökonomische Überlegungen bedingt. Und auch die massenhafte Versklavung der afrikanischen Bevölkerung hatte ihre Ursache nicht in einer xenophobischen Haltung, sondern in handfesten wirtschaftlichen Gründen. Dass dabei die Sklaverei durch die Inferiorität der Betroffenen gerechtfertigt wurde, sollte das Gewissen der christlichen Europäer besänftigen, eine (geschürte) „Angst vor dem schwarzen Mann“ diente ebenfalls diesen Rechtfertigungen, realpolitisch war sie völlig absurd (was allen Verantwortlichen selbstredend bewusst war).

Auch die Kapitel über Rassismus und Nationalismus haben mit den „Wurzeln der Xenophobie“ nichts zu tun: Oeser beschreibt hier ebenfalls nur die Auswirkungen des nationalistischen und rassistischen Gedankenguts. Deren theoretische Fundierung durch Gobineau oder Houston Stewart Chamberlain setzt – wenn überhaupt – die Xenophobie bereits voraus: Hier bestätigen die „Denker“ sich ihre eigene, rassische Überlegenheit und liefern faschistischen Politikern und Nationalisten eine pseudowissenschaftliche Begründung für ihr Tun. Das Buch schließt mit einem Kapitel über die rezente Islamophobie, aber wiederum wird nur das Faktum als solches festgehalten: Das „Warum“ dieser Haltungen, die Ursachen werden nicht ansatzweise zu analysieren versucht, nur die (mörderischen) Tatsachen des Kampfes zwischen „westlichen“ Werten (die umso fragwürdiger werden, wenn sie von Bush jr. und Konsorten vertreten werden) und dem islamistischen Terror beschrieben.

So wurde hier eine historische Betrachtung des Kampfes der verschiedenen Völker geliefert (die manchmal ein wenig unreflektiert wirkt, wenn etwa die Reiseberichte verschiedener Forscher einfach nur referiert werden; überhaupt scheint der Autor relativ wenig aktuelle Literatur verarbeitet zu haben), die die mit dem Titel erweckten Erwartungen in keinster Weise erfüllen kann. Trotzdem ist das Buch über weite Strecken sehr lesbar und informativ: Es ist – wie gesagt – eine Geschichte von Kriegen zwischen Nationen oder Religionsgemeinschaften. Die Wurzeln der Xenophobie wird man aber in diesem Werk vergeblich suchen, wobei dies (für mich) doppelt enttäuschend war, weil Oeser aufgrund seiner philosophisch-naturwissenschaftlichen Kompetenz eine solche Untersuchung durchaus hätte leisten können.


Erhard Oeser: Die Angst vor dem Fremden. Die Wurzeln der Xenophobie. Darmstadt: WBG 2015.

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