Ferdinand Beneke: Die Tagebücher. III/4: Beilagen 1813

1813 und 1814 sind Ferdinand Benekes grosse Jahre – auch wenn er das damals wohl kaum so empfand. 1811 schien Frankreichs Hegemonie über Kontinentaleuropa noch übermächtig und für eine halbe Ewigkeit errichtet. 1812 hatte Moskau den Gegnern Napoléons gezeigt, dass dieser keineswegs der unüberwindliche Feldherr war, für den man ihn lange gehalten hatte. Auch wenn Napoléons Disaster vor Moskau mehr der eigenen Fehleinschätzung meteorologischer Verhältnisse enstprang: Sein Nimbus war gebrochen, und spätestens die Völkerschlacht zu Leipzig von 1812 bestätigte die Alliierten darin, dass Napoléon besiegt werden könnte.

1811 wurde Hamburg völlig in den französischen Staat integriert; es verlor seinen Status als freie Hansestadt und wurde zur Provinz-Haupststadt des Département Unterelbe. Beneke, angesichts der weltpolitischen Lage, tat, was wohl jeder getan hätte: Er integrierte sich seinerseits in die neuen Verhältnisse, ohne sich jedoch – was ihm zu Gute zu halten ist – allzu sehr zu verbiegen. Aktive Mitarbeit im Staat Frankreich (zum Beispiel als Richter) lehnte er stets ab. 1813 sah die Situtation anders aus. Russische Truppen befreiten Hamburg. Die Stadt kehrte schleunigst zu den alten Verhältnissen zurück, ohne zu bedenken, dass viele Männer der wiedergekehrten alten Verhältnisse auch welche der neuen gewesen waren. Beneke selber trat als Major im Stab in die nun gebildete Hamburger Bürgerwehr ein. Die Befreiung entpuppte sich als vorübergehend, und nachdem Beneke im Rahmen der Bürgerwehr Kampfhandlungen gegen die Franzosen organisiert hatte, sah er sich gezwungen, ins Exil zu gehen, als Hamburg zurück erobert wurde. Frau und Kinder liess er in Hamburg in der Obhut seines Schwiegervaters zurück. Der, nebenbei, auch so ein Mann der alten und der neuen Verhältnisse gewesen war, nämlich vorher Senator, nachher stellvertretender Bürgermeister, der allerdings nach der Rückeroberung Hamburgs durch die Franzosen diese Stellung nicht mehr zurück erhielt.  Aus familiären Gründen, wie er glaubte, das heisst, weil sein Schwiegersohn Beneke sich gegen Frankreich engagiert hatte. Dem mag sogar so gewesen sein, es ist aber interessant, wie auf allen Konskriptionslisten, die im vorliegenden Materialienbuch enthalten sind, zwar viele Hamburger Exilierte figurieren, die sich im Exil gegen Frankreich engagierten – Beneke aber auf keiner Liste steht. Die innerfamiliären Spannungen aber waren da und sind auch des öftern aus den Familienbriefen Benekes heraus zu spüren.

Beneke ist nämlich auch im Exil (er hat sich vorerst ins Mecklenburgische zurückgezogen, in die Nähe von Rostock) gegen die Franzosen tätig. Er tritt abermals als Major im Stab in die sich neu formierende Hamburger Bürgerwehr ein und behält diesen Posten, als die Hamburger Bürgerwehr mit der Hanseatischen Garde ‚fusioniert‘. Allerdings bleibt er ein Mann der Etappe. Er dient einerseits als Post-Relais, andererseits aber ist der Jurist Beneke damit beschäftigt, die Statuten der Bürgerwehr bzw. der Garde (mit) zu entwerfen; auch die Statuten des Hanseatischen Direktoriums laufen über seinen improvisierten Schreibtisch. (Von allem finden wir Beispiele in diesem Band, z.T. auch als Faksimiles.) Beneke ist selber ein (offenbar aber untergeordnetes) Mitglied dieses Hanseatischen Direktoriums – der Exilregierung der drei Städte Hamburg, Lübeck und Bremen. Letztere allerdings mag nicht so richtig mitarbeiten, und selbst Benekes Beziehungen in seine Geburtsstadt helfen nicht, Bremen voll zu integrieren.

Neben der amtlich-militärischen Korrespondenz hat Beneke in den Beilagen zu seinem Tagebuch von 1813 auch private bei Seite gelegt. Briefe von seinem Bruder Frizz (sic!), Briefe von und an seine Frau, Briefe, in denen er versucht, über Mittelsmänner finanzielle Ausstände aus seiner Advokaten-Tätigkeit der Vorjahre einzutreiben – denn an Geld mangelt es ihm und seiner Familie sehr. Da Napoléon den Hamburgern nach der Rückeroberung schwere Reparationszahlungen auferlegt hatte, war da allerdings nicht viel zu holen. Beneke musste für den eigenen Unterhalt auf Gelder zurückgreifen, die Grossbritannien für die Bürgerwehr zur Verfügung gestellt hatte. Wohl mit ein Motiv für das Pamphlet mit dem der sonst so zurückhaltende Beneke Napoléon öffentlich (aber anonym) angriff, und das wir ebenfalls in Band III/4 finden.

Band III/4: Ein Geschichtsbuch, das seine Geschichte ganz von alleine erzählt. Selbst Benekes Tagebucheinträge, zu denen diese Beilagen ja eigentlich gehören, sind für ein Verständnis selten erforderlich.

Dieser Beitrag wurde unter Tagebuch abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Ein Kommentar zu Ferdinand Beneke: Die Tagebücher. III/4: Beilagen 1813

  1. Pingback: Ferdinand Beneke: Die Tagebücher. III/5: Beilagen 1814 | litteratur.ch

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.