Michael Schmidt-Salomon: Keine Macht den Doofen

Der Autor konstatiert eine gesellschaftsübergreifende Dummheit und ruft zum Widerstand gegen dieselbe auf: Wobei schon mit Titel und Untertitel (Eine Streitschrift) der polemische Charakter des Buches offenbar wird.

Eine gediegene Untersuchung über diese Dummheit bzw. eine Analyse der Eigenschaften desjenigen, der da als dumm angesehen wird, erwartet man daher vergebens. Nicht, dass ich mich nicht dem Verdikt anschließen würde, dass religiöse Praktiken, Auswüchse des Kapitalismus (insbesondere der Börsen), das Erziehungssystem oder die Regierenden mit Recht als „doof“ bezeichnet werden (wenn man es eben nicht genau nimmt): Aber man muss zwischen „doofen“ Systemen und „doofen“ Menschen (die diese Systeme stützen) unterscheiden. Weil es ansonsten so klingt, als ob es an einem Mangel an Intelligenz der Betreffenden läge, dass die Strukturen diesen unsinnigen Charakter besitzen. Dem aber ist nicht so: Die größten Nutznießer (etwa des Wirtschaftssystems, so „doof“ Faktoren wie Obsoleszenz auch immer sein mögen) sind mitnichten dumm, sie sind zumeist hochintelligent – ergänzt durch Eigenschaften wie Rücksichtslosigkeit und Egoismus. Erst durch letzteres kann sich ein System etablieren, dass die einen verhungern, die anderen zu unermesslichen Reichtum gelangen lässt und das auf längere Sicht sich selbst ad absurdum führt (wovon der Egoist in diesem seinem Leben hofft, nicht mehr betroffen zu werden).

Intelligenz ist ebenso wertneutral wie Dummheit: Als dumm kann erst jemand bezeichnet werden, der mit den falschen Mitteln ein bestimmtes Ziel zu erreichen versucht (insofern könnte das auf so manche Politiker zutreffen, die tatsächlich Positives (im Sinne der Menschen) zu erreichen suchen, aber mit der Komplexität der Aufgabe heillos überfordert sind). Weshalb ich auch nicht glaube, dass alle die beklagenswerten Umstände auf die Dummheit (der Herrschenden oder der Beherrschten), sondern vielmehr auf einen kurzsichtigen (nur auf das eigene Leben fixierten) Egoismus zurückzuführen sind, der sich um einen durch sein Tun beeinträchtigten anderen (dieser andere kann auch die zukünftige Generation sein) nicht schert.

Die kognitive Einsicht in die Unsinnigkeit der Systeme allein ändert nichts: Wer je mit einem tiefgläubigen Menschen diskutiert hat, weiß das nur zu genau. Es ist keine Kunst, einem solchen „Religioten“ (wie Schmidt-Salomon diesen Typus bezeichnet) in einer Diskussion auf logisch-deduktive Weise die Widersinnigkeit seiner Haltung nachzuweisen, überzeugen kann man ihn nicht durch solches Räsonnement, sondern bestenfalls durch das Aufzeigen von Konsequenzen, die eine emotionale Seite berühren. Noch schwieriger ist dies im Bildungssystem zu bewerkstelligen (da eine emotionale Komponente dort kaum aufzufinden sein wird): Das von Schmidt-Salomon zurecht als eine Form der Wissensbulimie bezeichnet wird. Wie mühsam der Kampf um eine Änderung im schulischen oder akademischen Bereich ist weiß ich aus eigener Erfahrung nur zu genau: Nicht nur die Lehrenden, auch die Lernenden versperren sich (wenn es sich nicht um sehr junge, um Volksschüler handelt) jedweden Änderungen. Jeder, der Prüfungen abnahm, kennt die ängstlichen Fragen des Prüflings: Was genau muss ich lernen, um zu bestehen? Wer darauf antwortet – nichts, sie müssen den Stoff verstanden haben (wozu diese oder jene Unterlagen dienlich sein können) wird mit einem verzweifelten Blick konfrontiert. Eine Lösung kann nur darin bestehen, Kinder im frühestmöglichen Alter zu selbständigem, kritischem, die Autorität hinterfragendem Denken zu erziehen: Aber das ist ein langer Weg, weil Lehrende und Eltern auch wieder nur in egoistisch-ökonomischen Motiven denken. (Obwohl: Was alles sich trotz dieser negativ-hoffnungslosen Zeilen schon geändert hat, sehe ich an meinem Sohn, der (auch) in der Schule Freiheiten genießt, von denen ich vor knapp 50 Jahren noch nicht einmal zu träumen gewagt hätte. Im wahrsten Sinn des Wortes: Solches war undenkbar. Vielleicht also doch ein Grund zur Hoffnung.)

So ist das Buch eine mehr oder weniger originelle Aufzählung verschiedener Dummheiten (wobei ich den Autor darauf hinweisen möchte, dass sich die beste Metapher, die originellste Wendung nach mehrmaliger Wiederholung abnützt und schließlich peinlich wirkt), die aber fatal nur deshalb sind, weil sie auf Engstirnigkeit und Egoismus fußen. Im Sinne einer Zweck-Mittel-Relation, die den in unmittelbarer Zukunft liegenden Vorteil sieht, sind diese Dummheiten so dumm gar nicht: Weshalb das Bestreben auf eine veränderte Empathiefähigkeit zielen sollte, auch auf die emotionalen Vorteile, die eine Aufgabe des Lebenszieles von „immer mehr haben wollen“ nach sich zieht. Ob das möglich sein wird und wie – ich weiß nicht. Betrachte ich aber das Leben meiner Kinder und vergleiche es mit meinem Kindsein, meinen Möglichkeiten, meinen Freiheiten vor einem halben Jahrhundert, so kann ich denn doch einen beträchtlichen Fortschritt feststellen.* Es ist noch nicht ganz hoffnungslos …


*) Wobei ich mir bewusst bin, dass auch ich privilegiert war, dass es vor 50 Jahren schlimmere Orte als Österreich auf Erden gegeben hat zum Erwachsenwerden.


Michael Schmidt-Salomon: Keine Macht den Doofen. Eine Streitschrift. München: Piper 2012.

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