Marvin Harris: Wohlgeschmack und Widerwillen

Marvin Harris begibt sich auf die Suche nach den Ursprüngen unseres Essverhaltens: Und es ist seine pragmatisch-empirische Methode, die bei dieser Suche besticht. Dadurch unterscheidet er sich wohltuend von Teilen der französischen ethnologischen Schule, denen immer und überall an vermeintlich tiefsinnigen Bedeutungskonstruktionen gelegen war. Die Überfrachtung mit einer oft skurril anmutenden Symbolik lässt das in Frage stehende Phänomen hinter einem Theoriewust verschwinden und trägt zumeist nichts zur Klärung der ethnologischen Besonderheiten bei. So wird für die Vorliebe oder die Abneigung gegen bestimmte Nahrungsmittel nicht “in der Beschaffenheit der eßbaren Dinge” gesucht, sondern vielmehr “in den zugrundeliegenden Denkschemata eines Volkes”, woraus dann geschlossen wird, “daß die Nahrung wenig mit Ernährung zu tun hat” (Jean Soler). Dadurch wird die Entstehungsgeschichte verkehrt: Man bedenkt nicht, dass sich Ernährungsgewohnheiten zuerst auf evolutionsbiologischer Weise entwickelt haben müssen, denen erst später pseudorationale Erklärungsmodelle folgten. Aber ein solch pragmatischer Zugang erscheint den meisten “Denkern” denn doch zu trivial: Sie konstruieren sehr viel lieber Systeme, deren geistreiche Deduktionen nichts mit der Realität, aber sehr viel mit dem betreffende Forscher zu tun haben (und deshalb wohl eher in den Bereich der Psychologie zu verweisen sind).

Harris ist nun das genaue Gegenteil eines solchen im Diffusen und Symbolischen sich bewegenden Ethnologen: Er sucht überall nach handfesten Gründen, er weigert sich, irgendwelche Irrationalismen (seien sie nun religiöser und/oder gesellschaftlicher Natur) zu akzeptieren, sondern ist überzeugt, dass – beispielsweise – keine Religion Nahrungstabus hätte durchsetzen können, die einen erheblichen Nachteil in der Nahrungsmittelversorgung bedeutet hätten. Diese Herangehensweise legt er nun all den verschiedenen Aspekten der Nahrungsversorgung zugrunde: Ob es sich um die Gier nach Fleisch handelt (wo er zeigt, dass eine ausgeglichene Versorgung mit allen essentiellen Aminosäuren auf der Basis tierischer Produkte sehr viel leichter und effizienter erzielt werden kann, obschon die Erzeugung einer tierischen Kalorie sehr viel “teurer” kommt als einer pflanzlichen), um die heiligen Kühe in Indien (deren Schutz eine gesellschaftspolitische Notwendigkeit wurde, nachdem die Bevölkerung stark zugenommen hatte und man auf das Rind für die Landwirtschaft angewiesen war) oder um das Verbot des Schweinefleisches bei Juden und Moslems (wobei der Grund nicht im “unreinen” Verhalten des Schweines oder aber – wie man im 19. Jahrhundert vermutete – in der starken Verseuchung des Fleisches durch Trichinen zu finden ist, sondern wiederum in pragmatischen Umständen – wie der Abholzung der Wälder im Nahen Osten, die dem Schwein den natürlichen Lebensraum nahmen oder der im Endeffekt ineffizienten Haltung wegen des relativ hohen Wasserbedarfs). Der Autor scheut sich auch nicht, alle möglichen Einwände zu berücksichtigen (er analysiert die Schweinehaltung im alten Mesopotamien und zeigt Gründe auf, warum sich diese schließlich nicht mehr lohnte), ohne aber je von seiner empirischen Grundhaltung abzurücken: Religiösen Entscheidungen über Nahrungstabus liegen ökologische Faktoren zugrunde; allerdings betont er auch die Wechselwirkung solcher Tabus. So kann man etwa in allen islamischen Ländern eine stärkere Zerstörung des Waldes beobachten (dem natürlichen Lebensraumes des Schweines), in Albanien zeigt sich sogar eine offensichtliche Korrelation zwischen dem Waldbestand und den christlich bzw. moslemisch dominierten Gebieten.

Ähnlich penibel werden auch weitere Vorlieben behandelt: Die weitgehende Ablehnung von Pferdefleisch, die Dominanz von Rindfleisch in den USA, die Problematik des Milchkonsums (inklusive der erst in den letzten Jahrzehnten wieder thematisierten Laktoseintoleranz) oder der Verzehr von Hunden in China bzw. die Tabuisierung fast aller Schoßtiere. Dabei legt er seinen Untersuchungen die Theorie der “optimalen Futtersuche” zugrunde, eine Theorie, die – vereinfacht ausgedrückt – den Aufwand für die Jagd (oder auch für das Sammeln von Insekten) der zu erzielenden Proteinmenge gegenüberstellt. Dadurch werden die meisten Nahrungsgewohnheiten verständlich: Schließlich schreckt Harris (pikanterweise, denn das hat ihm viel Kritik eingetragen) dabei auch vor einer rein pragmatischen Analyse des Menschfleischverzehrs nicht zurück. Und er kann auch hier zeigen, dass die – relativ selten praktizierte – Anthropophagie ebenfalls einer solchen “kalorischen” Betrachtung zugängig ist, während eine auf rein ethischer Basis fußende Untersuchung am Kern des Problems vorbeigehen muss.

Dass man den Argumenten nicht immer und überall zustimmen wird ist trivial: Das Wichtige (und Bemerkenswerte) an diesem Buch aber ist, dass es tatsächlich durchgehend argumentiert, dass der Autor stets Gründe für seine Behauptungen anführt und nirgendwo auf geistig-religiös-gesellschaftliche Befindlichkeiten rekurriert, die scheinbar ursachenlos bestimmte Verhaltensweisen nach sich ziehen. Religionen fallen nicht vom Himmel, gesellschaftliche Verhaltensregeln ebensowenig: Kein Schamane denkt sich irgendein beliebiges Tabu aus, das er dann seinem Stamm aufoktroyiert; alle gesellschaftlichen Vorschriften haben einen in der Evolution, in den ökologischen Umständen liegenden Grund. Und so ist dieses Buch doppelt lesenswert: Wegen des faszinierenden Themas und der – leider so seltenen – empirischen Herangehensweise.


Marvin Harris: Wohlgeschmack und Widerwillen. Stuttgart: Klett-Verlag 1988.

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