George Berkeley: Eine Abhandlung über die Prinzipien der menschlichen Erkenntnis

Esse est percipi. Sein ist wahrgenommen werden. Das ist der Schluss, den George Berkeley 1710 aus John Lockes An Essay Concerning Human Understandig von 1690 zieht, bzw. Berkeleys Antwort auf Locke. Die Dinge existieren nur, wenn sie von einem Geist wahrgenommen werden.

Berkeley geht davon aus, dass ein Geist nur Empfindungen wahrnehmen kann, nicht die äusseren Objekte selber und schliesst daraus, dass es diese Objekte gar nicht gibt. Nun ist „Empfindungen wahrnehmen“ eigentlich ein Pleonasmus, und so die Quelle von Berkeleys Missverständis: Mit diesem Ausdruck schaltet er eine Instanz zwischen Aussen- und Innenwelt, die an die Stelle der Aussenwelt tritt. Nur deshalb kann Berkeley argumentieren, dass der Geist (d.i. der Mensch) gar keine äusseren Objekte wahrnimmt.

Es ist ihm zu Gute zu halten, dass zu seiner Zeit die Aussenwelt, d.i. die Materie, zumindest für Philosophen ein höchst seltsames Ding war. Noch als Überbleibsel aus der Scholastik galt Materie als an sich eigenschaftslose Substanz, der gewisse Eigenschaften, die Akzidenzien (wie z.B. Ausdehnung, Farbe, Form etc.), zugeschrieben wurden. Diese Materie ist tatsächlich in der eigentlichen Bedeutung des Wortes widersinnig, d.h., die Sinne können sie nicht wahrnehmen.

Daneben ist Berkeley davon überzeugt, dass der Geist keine abstrakten Ideen bilden kann. Die Vorstellung eines Dreiecks beispielsweise ist immer die Vorstellung eines bestimmten Dreiecks (rechtwinklig, gleichschenklig – wie auch immer). Die Akzidenz ‚Form‘ kann der Substanz ‚Materie‘ gar nicht zugeschrieben werden. Was die Philosophen vor ihm für abstrakte Ideen gehalten hätten, so Berkeley, sei immer nur die Erinnerung an eine bestimmte Erscheinung gewesen, von der man Teile der damit in Zusammenhang stehenden Akzidenzien abstrahiert hätte. Denn einen Teil der sog. ‚Akzidenzien‘ ‚abstrahieren von…‚  kann der Geist durchaus.

Für den späteren Bischof der anglikanischen Kirche Berkeley hatte seine Theorie einen weiteren Vorteil. Die Materie, die er so elegant aus der Welt geschafft hatte, war seiner Meinung nach das Haupteinfallstor für Skeptiker und Atheisten. Vor allem die Tatsache, dass Materie nicht aus Nichts geschaffen sein könne, und deshalb seit Ewigkeiten existiert haben müsse, wird in Berkeleys Idealismus hinfällig. Hinfällig deshalb z.B. auch die Lösung, Materie und Gott für ein und dasselbe zu erklären – die schlimmste Form des Atheismus. (Berkeley nennt Spinoza nicht beim Namen!)

Auf der andern Seite ist für Berkeley die Tatsache, dass sich die Ideen, die sich im Geiste tummeln, eine Kohärenz aufweisen (der Stuhl noch am selben Ort wie vorher steht, auch wenn ich für eine Minute die Augen geschlossen habe), ein Hinweis darauf, dass ein übergeordneter Geist existiert, der diese Ideen in den menschlichen Geistern hervorruft und sowohl für den einzelnen Geist wie auch unter verschiedenen Geistern koordiniert (und zwar ein für alle Mal koordiniert hat, nicht von Fall zu Fall durch ein göttliches Wunder koordiniert!). Eleganter könnte man, seiner Meinung nach, die notwendige göttliche Existenz nicht beweisen. Er setzt dafür – aus heutiger Sicht recht naiv – einen gutmütigen und lieben Gott voraus, der die Menschen schon nicht bescheissern werden wolle, auch die beste aller möglichen Welten geschaffen habe (wo sie nicht so gut zu sein scheint, hat das seinen tiefern Sinn), und verheiratet so Descartes‘ Lösung des Innen- und Aussenweltproblems mit der Leibniz’schen – ohne die beiden beim Namen zu nennen.

Am Schluss seiner Abhandlung zieht Berkeley aus seiner Theorie noch zwei Schlüsse: Zuerst will er das abschaffen, was wir heute naturwissenschaftliche Grundlagenforschung nennen, und was er noch Naturphilosophie nennt. Der Geist sollte sich besser um praktisch-ethische Dinge seines Alltags kümmern, als um die Erforschung einer Chimäre wie der Natur. Ähnlich findet er dann die Infinitesimalrechnung höchst überflüssig, ja falsch. Der Geist kann sich, sagt er, keinen zehntausendsten Teil eines Zolls vorstellen, also gibt es ihn nicht. Er kann sich höchstens diese Linie von einem Zoll vorstellen als Symbol des Erddurchmessers – von dem er sich dann allerdings wieder einen zehntausendsten Teil vorstellen kann. Hier rächt es sich, dass Berkeley die abstrakten Ideen nicht wahrhaben will. Er will sich alles in concreto vorstellen können. Auch übersieht er, dass die Infinitesimalrechnung gar nicht Linien in unendlich viele Teile teilt, sondern im Grunde genommen eine gegen 0 konvergierende Reihe beschreibt (wie z.B. die Reihe 1, ½, ⅓, ¼ etc.). Allerdings waren weder Leibniz‘ noch Newtons Beschreibungen der Infinitesimalrechnung geeignet, Berkeley vor seinem Irrtum zu behüten.

Alles in allem eine faszinierenden Lektüre – faszinierend vor allem deswegen, weil hier einmal mehr ein gar nicht dummer ‚Erfinder‘ eines philosophischen Systems der Meinung ist, ein für alle Mal die relevanten philosophischen Probleme gelöst zu haben.

Dieser Beitrag wurde unter Philosophie abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Ein Kommentar zu George Berkeley: Eine Abhandlung über die Prinzipien der menschlichen Erkenntnis

  1. Pingback: George Berkeley: Drei Dialoge zwischen Hylas und Philonous | litteratur.ch

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.