Christian Keysers: Unser empathisches Gehirn

Die – zufällige – Entdeckung der Spiegelneuronen durch eine italienische Forschergruppe wäre für die Psychologie das, was die Evolutionstheorie für die Biologie gewesen sei – so ein indischer Forscher. Das mag ein wenig übertrieben sein, aber tatsächlich sind die wissenschaftlichen Konsequenzen kaum zu überschätzen: Spiegelneuronen erklären in vielfacher Hinsicht das Verhalten der menschlichen Spezies, ihre Erforschung ist in moralphilosophischer, pädagogischer und soziologischer Hinsicht von immenser Bedeutung.

Das Problem des Fremdpsychischen erscheint aufgrund der Forschungsergebnisse unter einem veränderten Gesichtspunkt: Wir verstehen nicht bloß die Handlungen, die Mimik und das Verhalten anderer Personen, sondern wir fühlen es: Jene neuronalen Bereiche, die für die Ausführungen eigener Handlungen, für das Empfinden eigener Gefühle zuständig sind, werden durch den über die Sinne vermittelten Anblick eines fremden Menschen ebenfalls aktiv. Der Wunsch, dem Leiden eines anderen abzuhelfen, ist also auch der Wunsch, sich selbst von diesen Gefühlen zu befreien, Empathie entsteht über das gespiegelte Nachempfinden der Zustände anderer. Dabei müssen diese Leiden weder real sein (auch Filme oder Roboter lösen ähnliche Empfindungen aus) noch visuell vermittelt: Akustische Ereignisse bewirken ebenso eine entsprechende Hirnaktivität wie auch das Lesen bzw. bloße Vorstellen*.

Der Anblick einer Tätigkeit ist ausreichend, um unser Gehirn sie simulieren zu lassen, aber der Grad der Aktivität ist von der Erfahrung des Einzelnen abhängig: So reagiert ein geübter Klavierspieler auf eine Sonate im motorischen Kortex sehr viel intensiver als ein Laie. Wobei Experimente zeigen konnten, dass schon eine einwöchige Klaviereinübung einen enormen Unterschied in der Aktivität bewirkt. Und wir lernen nicht nur mechanische Tätigkeiten, sondern bilden auch unsere empathischen Fähigkeiten entsprechend aus: Bei Autisten feuern Spiegelneuronen in nur eingeschränktem Maße beim Anblick von Gesichtsausdrücken – und dies hat eine selbstverstärkende Wirkung zur Folge. Denn das Hebb’sche Lernen (die Entstehung von neuronalen Vernetzungen im Gehirn durch gleichzeitige Aktivierung verschiedener Bereiche) wird durch ein geringes Interesse nicht wie in „normalen“ Fällen verstärkt, sondern noch weiter eingeschränkt. Wenn auch das grundsätzliche Desinteresse an der Umwelt noch nicht vollständig erklärt werden konnte (man vermutet biochemische Faktoren), so haben diese Erkenntnisse auf die Therapie entscheidenden Einfluss und können gezielt für eine Verhaltensänderung eingesetzt werden.

Die Fähigkeit des Mitempfindens ist für unser soziales Leben unabdingbar: Wir reagieren auf kleinste Zeichen, auf sich ändernde Gesichtsausdrücke, auf Gestik und Mimik – und zumeist in entsprechender Weise. Allerdings besteht – gerade im interkulturellen Kontakt – auch die Gefahr von Missverständnissen: Denn es sind immer wir selbst, die wir da empfinden und wir können niemals absolut sicher sein, ob sich unsere Gefühlswelt mit der der anderen wirklich deckt. Außerdem neigen wir deshalb dazu, anderen unsere eigenen Motive zu unterstellen: Jeder hat schon gutgemeinte Ratschläge bekommen, die offenbar weniger mit uns als mit dem uns Beratenden zu tun haben (sei es in medizinischen oder etwa in zwischenmenschlichen Belangen). Hier nun ist eine rationale Metaebene erforderlich: Wenn auch unsere Hauptantriebskräfte emotionaler Natur sind, so ist der Weg zum Erreichen eines Zieles nicht fest vorgeschrieben und die Mittel hierzu rationalen Überlegungen zugängig.

Diese empathischen Gefühle sind im übrigen nicht auf die Menschen beschränkt: Bei Primaten oder Elefanten lassen sich ähnliche Verhaltensweisen feststellen. Und ihre Entstehung hat sich offenbar evolutionär bewährt: Es ist von Vorteil, wenn Mitglieder einer Gruppe die Gefühle der anderen richtig interpretieren und entsprechende Reaktionen einleiten (etwa bei Bedrohung durch den anderen oder auch in allgemeinen Gefahrensituationen). Psychopathen sind in dieser Hinsicht Mutationserscheinungen, die zwar die Gefühlszustände anderer erkennen, sie aber nicht emotional nachvollziehen (können), ihre Empathiefähigkeiten sind stark eingeschränkt. Dies scheint daran zu liegen, dass diesen Menschen manche Emotionen fremd sind. So antwortete ein Gewaltverbrecher auf eine entsprechende Frage: „Meine Opfer haben Angst, oder? Aber ich verstehe es nicht wirklich. Ich habe schon selbst Angst gehabt, aber ich fand das nicht unangenehm.“ Der Angstzustand dieses Menschen hat offenbar nichts mit dem zu tun, was andere Menschen unter Angst verstehen, er verwendet diesen Begriff „missbräuchlich“. Hier unterläuft Keysers im übrigen auch ein logischer Fehler, wenn er in Bezug auf das Strafrecht feststellt: „Für einen psychopathischen Menschen ist die Angst vor Bestrafung möglicherweise der einzige Faktor, der ihn daran hindert, anderen Schaden zuzufügen.“ Dies widerspricht ganz offenkundig den Überlegungen zur Angst weiter oben und ist auch empirisch längst widerlegt: Die Angst vor Bestrafung ist – aus vielerlei Gründen – für kaum jemanden ein Anlass, eine Straftat nicht zu begehen.

Insgesamt aber eine sehr ansprechende Abhandlung zum Thema Empathie, die unser individuelles und unser Sozialverhalten treffend analysiert und auch Konsequenzen in pädagogischer (durch welche Methoden werden die Hebb’schen Schaltkreise am besten aktiviert) und moralphilosophischer (die Entstehung der „goldenen Regel“ in ihren verschiedensten Varianten wird verständlich) Hinsicht nach sich zieht. Eine Leseempfehlung.


*) Dieses Mitgefühl kann sich auch auf Dinge beziehen: So meinen wir das Entlangschrammen unseres Autos an einer Wand zu spüren. Und es würde auch erklären, weshalb viele Autofahrer auf die Berührung der Karosserie sehr emotional reagieren: Man fühlt diese Berührung, empfindet sie als Angriff. Klopfen Sie einem Autofahrer, der zu nahe an einen Schutzweg heranfährt, probehalber auf die Motorhaube: Sie werden von der Reaktion überrascht sein, die die Betreffenden als eine körperliche Attacke zu empfinden scheinen.


Christian Keysers: Unser empathisches Gehirn. München: Bertelsmann 2013.

Dieser Beitrag wurde unter Fach- und Sachliteratur, Politik und Gesellschaft, Theoretische und angewandte Naturwissenschaft abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Ein Kommentar zu Christian Keysers: Unser empathisches Gehirn

  1. Ein interessantes Detail am Rande: Die zahlreichen, etwa von Topitsch beschriebenen anthropomorphen Weltmodelle, finden im Phänomen der Spiegelneuronen ebenfalls eine Erklärung. Wir projizieren unsere Befindlichkeit in die Umwelt, versuchen das Geschehen nachzuempfinden und werden in den Erklärungen auf unser Menschsein zurückverwiesen. Eine belebte, animistische Umwelt erscheint uns angesichts des „homo-mensura-Satzes“ nur natürlich, erst die Rationalität erlaubt die Unterscheidung von Subjekt und Objekt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.