Karl Philipp Moritz – Ästhetische Theorie

Ästhetische Theorie nennt sich der abschliessende Teil des abschliessenden Bandes meiner Moritz-Auswahlausgabe (Bibliothek deutscher Klassiker 145). Dieser Teil umfasst allerdings mehr als nur Schriften zur Ästhetik – was bei einem ‚Breitbanddenker‘ wie Moritz kaum verwundern dürfte. Es war Moritz‘ Sache nicht, ein Thema in allen Details, in aller Tiefe, auszudiskutieren; ihn interessierte es mehr, das ganze Spektrum der irgendwie zum Thema gehörenden Phänomene zu betrachten. So ist denn dieser abschliessende Teil von den Herausgebern bereits in drei Unterabteilungen ausdifferenziert worden.

Literaturtheorie und Literaturkritik

Hier sind neben eigentlichen Literaturkritiken auch Moritz‘ in weitestem Sinne poetologische Schriften gesammelt. War Moritz ursprünglich noch, wie es der Herausgeber im Nachwort nennt, ein moralpragmatischer Kritiker – d.h., einer, der Literatur als Medium der Volksbelehrung betrachtete – so löste er sich schon vor seiner Begegnung mit Goethe von diesem popularphilosophischen Ansatz, und wir finden auch Untersuchungen zur deutschen Prosodie und Vorlesungen über den Styl. Unter den eigentlichen Literaturkritiken sticht ein Verriss von Schillers Kabale und Liebe ins Auge, der noch aus Moritz‘ popularphilosophischer Zeit stammt. In der Prosodie weist der ehemalige Beinahe-Schauspieler Moritz darauf hin, dass im Deutschen sowohl lange und kurze Vokale, betonte und unbetonte Silben existieren, sowie darauf, dass nicht jeder lange Vokal auch betont ist und umgekehrt.

Ästhetik

Moritz‘ ästhetische Hauptschrift ist sein Über die bildende Nachahmung des Schönen. Moritz hatte diese Schrift noch vor seiner Italienreise begonnen und sie dann in Rom u.a. auch mit Goethe diskutiert. Goethe übernahm Teile davon in seine eigene Italienische Reise, weshalb Über die bildende Nachahmung des Schönen lange Zeit in deren Schatten stand. Sie ist aber ganz eindeutig zuerst und unabhängig von Goethe entstanden. In ihr verbindet Moritz Herders Spinoza-Deutung, welche die innere Notwendigkeit der Tatkraft Gottes bzw. der Natur hervorhebt und von Gott – wie Moritz vom Schönen – nur sagen, kann, dass er ist, mit der von Sulzer übernommenen Argumentationstechnik, die den Begriff Schön durch Abgrenzung von Gut und von Vollkommen inhaltlich fixieren will. Bildende Nachahmung wird zum Angelpunkt des Künstlerischen, des Ästhetischen. Damit sollte Moritz nicht nur das Gedankengut der Weimarer Klassik befruchten. (Konsequenterweise wurde sie von Herder als ganz Göthisch und somit selbstisch, abgöttisch und unteilnehmend abgelehnt. Ähnlich reagierte Knebel, dem der Stil und das Mystische in Moritz‘ Ästhetik missfiel. Schiller reagierte zuerst ebenfalls ablehnend, übernahm aber später Punkte aus Moritz‘ Argumentation und verteidigte sie gegen Knebel.) Mindestens so wichtig wie der Einfluss auf die Klassik war aber Moritz‘ Einfluss auf die Romantik. Der ältere Schlegel lobte in einer Jenaer Vorlesung schon 1798 die bildende Nachahmung; Wackenroder übernahm in Das merkwürdige musikalische Leben des Tonkünstlers Joseph Berglinger von 1797 Moritz‘ Unterscheidung zwischen schaffendem Genie und empfindenden Kunstliebhaber, die auch Jean Paul in seiner Vorschule weiterzuführen suchte.

Seinerseits führt Moritz in In wie fern Kunstwerke beschrieben werden können? Lessings Angriff (im Laokoon) gegen Winckelmann weiter, dessen Allegoristerei beiden nicht gefiel; beide setzten sie sich für eine strikte Trennung von bildender Kunst und Literatur ein.

Mythologie

Nach seiner Rückkehr aus Italien interessiert sich Moritz vermehrt für die antike Mythologie. Er schreibt u.a. eine Götterlehre, die als populäres Nachschlagewerk gedacht war und auch zu einer Art Bestseller wurde. Auch mit der Schöpfungsgeschichte, der Genesis, setzt sich Moritz auseinander und will, wie vor ihm Herder in der Ältesten Urkunde des Menschengeschlechts diese gegen platt-rationalistisch-allegorisierende Deutungen in Schutz nehmen, und das Volk als Künstler in den Mittelpunkt stellen.

Viele der Schriften Moritz‘ sind in der Auswahlausgabe nur angerissen, bei grösseren wird oft nur das Vorwort oder die Einleitung wiedergegeben. Dennoch erhält man einen Eindruck in das Schaffen von einem, der so wichtig war für den Übergang von der Aufklärung in die deutsche Klassik und von dort wiederum in die Romantik –  und der bis heute immer nur am Rande wahrgenommen wird.

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